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Der Triumph des Exzentrikers – ein Porträt

13.12.2019, 06:37

Riesentriumph für Boris Johnson: Der wegen seiner exzentrischen Art von Kritikern oft verspottete Premier hat durch die Parlamentswahl sein Amt nicht nur verteidigt, sondern massiv gefestigt. Sein Kalkül, sich durch die vorgezogenen Neuwahlen ein klares Mandat für den EU-Ausstieg zum Ende Januar verschaffen, ist voll aufgegangen. Eine polarisierende Figur wird Johnson dennoch bleiben.

Johnson mit Hund, nachdem er am Freitag seinen Stimmzettel eingeworfen hat.
Johnson mit Hund, nachdem er am Freitag seinen Stimmzettel eingeworfen hat. Bild: AP

Die konservativen Tories des Premierministers haben die absolute Mehrheit im Unterhaus gewonnen. Prognosen zufolge werden die Tories rund um 360 Mandate im Unterhaus haben. Das wäre die grösste konservative Mandatsmehrheit seit dem letzten Wahlsieg der legendären Premierministerin Margaret Thatcher im Jahr 1987.

Den Wahlkampf hatte der Mann mit dem strohblonden Haarschopf mit der Parole «Get Brexit Done» (Vollzieht den Brexit) bestritten. Auch blieb er seiner ungestümen und undiplomatischen Art treu. Verschleierte muslimische Frauen erinnern ihn an «Briefkästen», einfache Arbeiter und alleinerziehende Mütter kommen ihm «nutzlos» vor. Seine Anhänger mögen solche Aussprüche, für sie ist es «einfach Boris».

Durchmarsch an die Spitze

Das lange und erfolglose Lavieren seiner Vorgängerin Theresa May in der Brexit-Frage hatte Johnson im Sommer den Durchmarsch an die Partei- und Regierungsspitze ermöglicht. Das Parlament konnte ihm zwar abnötigen, dass der Brexit noch einmal verschoben werden musste. Aber dann ging Johnson in die Offensive und erwirkte die Neuwahlen.

Johnson kam 1964 in New York als Alexander Boris de Pfeffel Johnson zur Welt. Schon als Kind habe er den Wunsch geäussert, einmal «König der Welt» zu werden, verriet seine Schwester Rachel dem Biografen Andrew Gimson. Ihr Bruder erhielt als Schüler ein Stipendium für die Eliteschule Eton und ging später auf die Universität Oxford.

Von der «Times» gefeuert

Nach dem Studium wurde Johnson Journalist. Die «Times» feuerte ihn allerdings nach einem Jahr, weil er Zitate gefälscht hatte. Von 1989 bis 1994 machte er sich als Brüsseler Korrespondent des «Daily Telegraph» über die EU lustig.

Seine politische Karriere begann Johnson 2001 als Abgeordneter. Seine politische Strahlkraft bewies er 2008 und 2012 durch die zweimalige Wahl zum Bürgermeister von London – einer normalerweise eher links wählenden Stadt. International gewann er durch die Organisation der Olympischen Spiele in der Hauptstadt 2012 an Profil.

Ein Jahr vor dem Ende seiner Amtszeit als Bürgermeister kehrte Johnson 2015 als Abgeordneter ins Unterhaus zurück. Seine Entscheidung, die Brexit-Kampagne zu unterstützen, gilt als Wendepunkt in den Austrittsbestrebungen des Vereinigten Königreichs.

Sprücheklopfer im Aussenministeramt

Schon damals galt Johnson als Favorit für den Posten des Premierministers. Doch grätschte ihm sein bis dahin engster Unterstützer Michael Gove dazwischen, der selbst seine Kandidatur verkündete. 2016 ernannte May Johnson dann zum Aussenminister. Das Institut Chatham House bezeichnete ihn später im Rückblick als den «erfolglosesten» britischen Aussenminister seit dem Zweiten Weltkrieg: Wo Ernsthaftigkeit und Detailgenauigkeit erforderlich gewesen wären, habe Johnson nur Sprüche geklopft.

Diese Eigenschaften würde der Premier für die weiteren Verhandlungen mit der EU allerdings wohl gut gebrauchen können. Denn nach dem nun sehr wahrscheinlich gewordenen Brexit zum 31. Januar stehen weitere komplizierte Verhandlungsrunden mit der Europäischen Union an, in der es um die Regelung der künftigen Beziehungen – darunter ein Handelsabkommen – gehen wird.

Trotz seines klaren Wahltriumphs kann der 55-Jährige künftig aber keineswegs auf allzu grossen gesellschaftlichen Rückhalt daheim zahlen. Der durch die Brexit-Debatte erzeugte «Spalt in der Gesellschaft bleibt», sagt die Professorin Sarah Hobolt von der London School of Economics voraus. Das klare Ergebnis für die Tories wurde unter anderem dadurch begünstigt, dass sich Pro-EU-Parteien gegenseitig Stimmen wegnahmen und Labour-Chef Jeremy Corbyn bei den Bürgern wenig beliebt ist. (sda/afp)

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