«Die Krankenwagen hielten vor dem Spital, luden leblose Menschenkörper aus, packten Sauerstoffflaschen ein und fuhren wieder los.» Avi Sainis Schock ist durch den Laptop-Bildschirm spürbar. Obwohl er über 16 Flugstunden entfernt ist, bei sich zu Hause in Dehradun, Indien.
Doch Bilder wie diese sind in Indien momentan Alltag. Mit 3645 Corona-Toten und fast 380'000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden hat das Land am Donnerstag neue Höchstwerte erreicht. Das Gesundheitssystem ist überlastet. Die Krankenhausbetten sind besetzt, es gibt nicht genug Sauerstoff für die Beatmungsgeräte, die Erkrankten ersticken während sie auf Hilfe warten. Auch die Krematorien sind am Anschlag. Leichen werden auf offenen Felder oder Parkplätzen verbrannt.
Weil es keine freien Plätze im Krankenhaus gäbe, pflege Saini seinen Corona-kranken Vater zu Hause. «Die ganze Familie hatte das Virus, doch meinen Vater traf es am härtesten», sagt der 30-Jährige. Obwohl selber nicht mehr Corona-positiv, fühle sich Saini noch sehr schwach. Trotzdem müsse er täglich Sauerstoff auftreiben. «Mein Vater ist zu 100 Prozent auf zusätzlichen Sauerstoff angewiesen.»
Wenn Saini keinen Sauerstoff für seinen Vater besorgt, tut es niemand. «Es ist wie eine Jagd nach einem lebensrettenden Gut», sagt er. Denn die Sauerstoffvorräte reichen weit nicht für alle. «Heute gehörte ich zu den Glücklichen, die eine Sauerstoffflasche bekamen. Aber das reicht für einen Tag, morgen muss ich die gleiche Übung erneut machen.»
Saini kommt aus einer wohlhabenden Familie. Er ist Wissenschaftler, forscht in der Reproduktionsmedizin, seine Eltern arbeiten als Chirurgen. Dass er mehr Mittel hat als andere, um sich Sauerstoff zu besorgen, ist ihm bewusst.
Es käme aber laufend vor, dass übrige Sauerstoffflaschen gespendet würden an ärmere Leute, erzählt Saini. Allerdings gäbe es hier eine Krux: Viele wissen nicht, wie man die wertvolle Luft aus der Flasche kriegt. «Eine Person fragte mich heute: Sir, wissen sie, wie man die Sauerstoffflasche benutzt?», erzählt Saini. Es fehle an Instruktionen, an Informationsblätter von der Regierung, die ähnlich wie bei der Schutzmaske eine korrekte Nutzung beschrieben.
Die Menschen in Indien versuchen, sich so gut es geht selber zu helfen. Über WhatsApp organisieren sie Sauerstoffabholplätze, auf Twitter und Instagram schreiben sie Hilferufe aus oder informieren, wenn in irgendeinem Spital ein Bett frei wird.
Die Gründe für die massive zweite Welle in Indien sind vielfältig. Medien und Presseagenturen nennen neben dem Versagen der sorglosen Regierung auch Spreader-Events, die immer wieder stattfänden. So etwa politische Kundgebungen vor den Wahlen Anfangs April oder religiöse Massenzusammenkünfte wie das heilige Fest «Holi» Ende März oder die rituellen Reinigungen im Ganges.
Auch in die Gegend, wo Avi Saini lebt, pilgerten Mitte April Millionen Menschen. «Der Ort im Ganges, wo die Menschen an ‹Kumbh Mela› das Bad nahmen, ist 45 Autofahrt-Minuten von meinem Haus entfernt», sagt er.
Während des Gesprächs macht sich in Sainis Stimme eine Wut breit. «Wieso konnte dieses Fest noch stattfinden? Wieso hat die örtliche Regierung das Bad nicht gestoppt?»
Es sind nicht die einzigen Fragen, die sich Saini stellt. Wieso werden momentan leerstehende Hotels nicht zu Spitälern umfunktioniert? Wieso finden Rallys statt? Alles Fragen, auf die die Regierung keine Antwort gäbe. «Das einzige, was die Regierung tut, ist Posts von Twitter löschen zu lassen, weil sie angeblich die nationale Sicherheit gefährden würden», sagt Saini.
Die indische Regierung wies Twitter, Instagram und Facebook an, regierungskritische Post im Zusammenhang mit der Pandemie zu löschen. Das gab die Regierung unter dem hindu-nationalistischen Premierminister Narendra Modi am Sonntag bekannt. Die «New York Times» berichtet, dass daraufhin mehrere Posts gelöscht und Accounts gesperrt wurden.
Die tatsächliche Zahl an Neuinfektionen dürfte weit höher liegen, als die offiziellen Statistiken zeigen, schreibt «The Guardian». Dies, weil sich viele Inder:innen nicht testen liessen. Das Gleiche gelte bei den Corona-Toten: Viele Todesfälle würden die Behörden nicht in den Statistiken aufführen, weshalb die tatsächliche Zahl bis zu dreimal höher sein dürfte. Die indische Behörde meldete am Donnerstag 200'000 Todesfälle im Zusammenhang mit Corona.
Der steile Anstieg ist vermutlich auch auf den indische Doppelmutant B.1.617 zurückzuführen. Die Virusvariante machte bereits Mitte April die Hälfte der Coronafälle in Maharashtra aus, berichtet die «Tagesschau».
Ausserdem mangelt es in Indien an Impfstoff. Und das, obwohl Indien – auch «die Apotheke der Welt» genannt – selber massenhaft Impfstoff herstellt. Das Land produziert rund 60 Prozent aller Vakzine und ist damit der grösste Impfstoffhersteller der Welt. Bislang haben weniger als zehn Prozent der indischen Bevölkerung eine erste Impfdosis erhalten.
Das Land ist nun auf Importe angewiesen. Es muss darauf hoffen, dass andere Staaten vom Impfstoff abgeben. Und es braucht Hilfsgüter. Diverse Länder wie Grossbritannien, die USA, Frankreich oder Singapur haben anfangs Woche ihre Unterstützung zugesichert. Erste Flugzeugladungen mit medizinischen Gütern wie nachfüllbare Sauerstoffflaschen und Sauerstoffkonzentratoren sind bereits in Indien angekommen.
120 oxygen concentrators sent by UK arrived in New Delhi early morning today. pic.twitter.com/9OeLj1XqaJ
— All India Radio News (@airnewsalerts) April 29, 2021
Auch die Schweiz hat angeboten, Material zur Unterstützung nach Indien zu schicken. Falls die Antwort positiv sei und das Land die Hilfe benötigen könne, «sind wir bereit, Material in Höhe von einer Million Franken zu liefern», sagte Aussenminister Ignazio Cassis am Dienstag in der SRF-Sendung «10 vor 10».
Avi Saini stimmt die internationale Hilfe positiv. «Jeder Punkt auf der Statistik der Neuinfektionen stellt einen Menschen dar, der Hilfe benötigt – in irgendeiner Form. Und das ist das, was zählt.»
Uns wird auch vor Augen geführt, wie leistungsfähig unser Gesundheitssystem in der Schweiz ist. Wir kamen (bei aller statistischen Ungenauigkeit) mit höheren Inzidenzen gut zurecht - auch wenn wir wohl teilweise nicht mehr viel Marge übrig hatten. Vielen Dank an alle Beteiligten im Gesundheitswesen.