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Interview

Gewalt in Mazedonien: «Wir Albaner kämpfen nicht gegen die Mazedonier – wir kämpfen mit ihnen gegen die Regierung»

Arlind* ist Albaner und seine Eltern stammen aus der mazedonischen Stadt Kumanovo. Am Wochenende fanden dort Gefechte zwischen bewaffneten Gruppen und der Polizei statt – es starben 22 Menschen. Er erzählt, wie die Regierung versucht, die ethnischen Gruppen gegeneinander auszuspielen.



Feuergefechte in Mazedonien fordern mehr als 20 Tote

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Feuergefechte in Mazedonien fordern mehr als 20 Tote
quelle: ap/ap / visar kryeziu
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Arlind*, du hast mit deinen Verwandten in Kumanovo telefoniert. Was ist am Wochenende geschehen?
Eine bewaffnete Gruppe von Albanern hat sich in einem Viertel, dass fast ausschliesslich von Albanern bewohnt ist, eingenistet und hat sich mehr als 24 Stunden lang Strassenschlachten mit der Polizei geliefert. Die Regierung spricht von einer Polizeiaktion, aber das war es nicht. 

Was war es dann?
Meine Verwandten berichten von Panzern und Schüssen auf den Strassen. Seit wann benützt die Polizei Panzer? Meine Tante hat den Krieg von 2001 miterlebt. Als sie am Samstag die Schüsse hörte, fürchtete sie, die Geschichte könnte sich wiederholen. In der Nacht von Samstag auf Sonntag haben alle meine Verwandten – Grosseltern, Tanten, Onkel und Cousins – das Gebiet verlassen und sind aufs Land in die umliegenden Dörfer geflüchtet. Im Krieg war es genau umgekehrt: In der Stadt war man sicherer als in den Dörfern.

Military armored vehicles rush to the scene of an altercation involving the police, in northern Macedonian town of Kumanovo, on Saturday, May 9, 2015. Authorities in Macedonia say police have clashed with an armed terrorist group in this northern Macedonian town, and parts of the town have been sealed off. Macedonia's state-run news agency MIA reported that four police officers were injured by gunfire, and three of them were taken to a hospital in the capital, Skopje. (AP Photo/Visar Kryeziu)

Gepanzerte Fahrzeuge umstellten das Viertel, in dem sich die Bewaffneten verschanzt hatten. Bild: Visar Kryeziu/AP/KEYSTONE

Kannst du genauer erläutern, wer diese bewaffnete Gruppe ist, die die Regierung als «Terroristen» bezeichnet?
Die Gruppe ist uns unbekannt und hat keinen Namen. Die Regierung sagt, es seien Mitglieder der UÇK, eine paramilitärische Organisation, die auch schon im Krieg von 2001 bekannt war. Ich kann mir das aber schlecht vorstellen. Niemand im Viertel kannte diese Personen. Sie waren plötzlich da und das Feuer wurde eröffnet. Ein Bekannter von mir sagte, er habe diese Leute schon vor einer Woche in seinem Dorf angetroffen. 

Was haben sie da gemacht?
Sie wollten sich verschanzen. Doch die Dorfbewohner befürchteten, dass es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen könnte und schickten sie weg. Er habe auch gehört, das Gleiche sei in anderen Dörfern passiert. Nun hatten sie sich wohl in der Stadt eingenistet. Nachdem die Gefechte beendet wurden, sind sie seltsamerweise alle aus dem Viertel verschwunden. Die Polizei hat einfach Bewohner des Viertels festgenommen, darunter auch einen Coiffeur, zu dem Bekannte von mir gehen. Die Polizei behauptet, sie habe Mitglieder dieser bewaffneten Gruppe festgenommen, was ich aber stark anzweifle. Die meisten Verhafteten, von denen ich gehört habe, sind ganz normale Bürger, die da schon seit Jahren friedlich leben. Ich kann mir schwer vorstellen, dass er mit diesen Leuten etwas zu schaffen hatte. Die Regierung beschuldigt nun die Albaner aus dem Viertel, sie hätten bewaffnete Gruppen aus den Nachbarländern Kosovo und Albanien in ihrem Viertel aufgenommen und gedeckt. Diese Beschuldigung stimmt nicht. Die Regierung behauptet ihrerseits, die Bevölkerung vor Terroristen beschützt zu haben, welche geplant hätten, staatliche Institutionen anzugreifen. Ausserdem ist es sehr komisch, dass Albaner in einem albanischen Viertel einen Krieg hätten anzetteln wollen. 

Haben sie das denn nicht?
Es gibt zwei Szenarien, die momentan diskutiert werden: Das erste ist, dass sich bewaffnete albanische Gruppen gezielt in Städten in Mazedonien niederlassen, um sich für einen Krieg mit dem Ziel eines vereinten Grossalbanien vorzubereiten, dies halte ich aber für unwahrscheinlich. Die zweite These, die auch für einen Grossteil der mazedonischen Bevölkerung glaubhafter erscheint, ist, dass die Regierung diese bewaffnete Gruppe selbst bezahlt hat. 

Warum sollte die Regierung so etwas tun? 
Am 5. Mai gab es Proteste und Gewaltausbrüche in der Hauptstadt Skopje. Mazedonier und Albaner wollen eine Veränderung. Grund dafür ist ein Abhörskandal. Die Opposition hat Beweise dafür, dass die Regierung 20'000 Personen illegal bespitzelt hat. Ausserdem wurde auch die jetzige Regierung bespitzelt und ist nun verdächtigt, Beweise für verschiedene Morde manipuliert zu haben. Auch die demokratischen Wahlen sind alles andere als frei. Imbissbesitzer zum Beispiel werden vor den Wahlen eingeschüchtert, man nehme ihnen ihre Restaurants weg und damit ihre Lebensgrundlage, wenn sie nicht für die bestehende Regierung stimmen würden. Die Regierung ist korrupt und davon hat die Bevölkerung langsam aber sicher genug. Bei diesem Konflikt geht es nicht darum, dass die Albaner sich nicht mit den Mazedonier vertragen, es geht darum, dass die gesamte Bevölkerung einen politischen Wandel will. 

A man walks in front of a barricade of burning trash containers set up on a street by protesters to block the police during a protest in Skopje Macedonia, late Tuesday, May 5, 2015. Violent clashes broke out late Tuesday at a demonstration in the Macedonian capital Skopje protesting the 2011 death of a 22-year-old beaten by police during post-election celebrations. The violence came hours after Macedonia's opposition leader accused the country's prime minister of attempting to cover up the death of Martin Neskoski. (AP Photo/Boris Grdanoski)

Am 5. Mai gab es Proteste, die einen gewalttätigen Verlauf nahmen.  Bild: Boris Grdanoski/AP/KEYSTONE

A young woman offers a flower to police officers blocking the street at the Government building in Skopje, Macedonia, Wednesday, May 6, 2015. More than 1,000 opposition supporters protested peacefully outside Macedonia's parliament on Wednesday over the 2011 police killing of a student, a day after violence at a similar demonstration left 38 police officers and one protestor injured. (AP Photo/Boris Grdanoski)

Tags darauf, am 6. Mai, verlief die Demonstration friedlich. Bild: Boris Grdanoski/AP/KEYSTONE

Aber ist die Regierung denn nicht mazedonisch? Wenn Albaner gegen die Regierung kämpfen, sehe ich Albaner auf der einen und Mazedonier auf der anderen Seite.
Seit dem Rahmenabkommen von Ohrid, das das Ende der Auseinandersetzungen von 2001 markierte, muss stets eine Koalition aus einer mazedonischen, sowie einer albanischen Partei die Regierung bilden. Die albanische Partei, die zur Zeit mit der mazedonischen Regierungspartei an der Macht ist, ist genau so korrupt und gehört abgesetzt. Sie sind Marionetten. Ausserdem ist die stärkste Oppositionspartei rein mazedonisch. Wir Albaner kämpfen nicht gegen die Mazedonier – wir kämpfen mit ihnen gegen die Regierung. Nun sieht diese Koalition ihre Macht in Gefahr und versucht die Ethnien wieder zu entzweien. 

Was wären die Folgen davon?
Gelingt es ihr, die Albaner und die Mazedonier wieder gegeneinander aufzubringen, würde sie von ihren eigenen Problemen ablenken. Sie wollen mit allen Möglichkeiten an der Macht bleiben. Dies kann man ja oft bei diktatorischen Verhältnissen beobachten. Dies darf nicht geschehen und ich glaube, sowohl die Mazedonier wie auch die Albaner durchschauen die Absicht der Regierung. Am vergangenen Wochenende befand sich auch ein Albaner unter den getöteten Polizisten, wir haben alle geblutet. Und schuld ist die Regierung. 

Also bestehen keine Differenzen zwischen den beiden Ethnien?
Klar gibt es kulturelle Unterschiede. Auch wenn man sich das Viertel anschaut: Dort leben sozusagen fast ausschliesslich Albaner. Es gibt auch Mazedonier im Viertel. Aber im Viertel daneben, keine 50 Meter entfernt, leben vorwiegend Mazedonier. Dazwischen gibt es fliessende Übergänge. Wir sprechen unterschiedliche Sprachen, gehen auf verschiedene Schulen und eine Heirat zwischen einem Albaner/einer Albanerin und einem Mazedonier/Mazedonierin ist sehr selten. Aber wir gehen alle auf den gleichen Basar, essen in den selben Restaurants, besuchen die gleichen öffentlichen Orte. Wir leben miteinander und nebeneinander.

Aber die albanische Bevölkerung in Mazedonien, Kosovo, Serbien und Albanien sehnt sich schon nach einem vereinten Grossalbanien, oder?
Grossalbanien ist ein Traum. Jeder sollte Träume haben. Sollte dieser Traum aber nur Mithilfe eines Krieges verwirklicht werden können, ist er für uns nicht erstrebenswert. Viele unserer Verwandten, die nicht das Glück hatten, dem Krieg zu entfliehen, sind immer noch traumatisiert. Meine Tante in Kumanovo fürchtete an diesem Wochenende, ein weiterer Krieg und damit ein weiteres Trauma stünde ihnen bevor.

Habibe Biyali walks up a flight of stairs in her house heavily damaged by fighting in Kumanovo, Macedonia, Monday, May 11, 2015.  Residents are returning to their homes in a northern Macedonian town where a fierce weekend battle between special police units and alleged ethnic Albanian militants left 22 dead and at least 37 injured. (AP Photo/Marko Drobnjakovic)

Die zurückkehrenden Flüchtlinge fanden ihre Häuser in Trümmer wieder – ist das noch eine Polizeiaktion? Bild: Marko Drobnjakovic/AP/KEYSTONE

Was ist ihr passiert?
Damals waren sie wochenlang im Keller eingeschlossen, wurden von Panzer- und Gewehrschüssen wachgehalten. Sie und alle anderen sind froh, dass es vorerst nicht erneut zu einer solchen Tragödie gekommen ist, fürchten sich aber vor der Zukunft. Der Wille, ein Grossalbanien zu erschaffen, ist der Furcht vor einem erneuten Krieg klar unterlegen.

Was erhoffst du dir für die Zukunft?
Ich hoffe, wir alle kommen endlich zur Ruhe. Ich hoffe, es gibt freie Wahlen. Es darf nicht sein, dass wenn du eine Partei wählst, damit dein Leben riskierst. Wenn deine Partei verlieren sollte, sollte die Gewinnerpartei dich nicht enteignen und ihre eigenen Unterstützer an deine Stelle setzen. Besonders gravierend ist dies in staatlichen Institutionen. Dort werden alle Parteigegner sofort entlassen. Gleiche Rechte und Pflichten für alle, das ist erstrebenswert und durchaus machbar meiner Meinung nach. Es ist das einzige, was das Land vorantreiben und weiterbringen kann, zum Beispiel ein Beitritt zur EU. Man hat bisher das Gefühl, dass die jetzige Regierung kein Interesse an einem solchen Fortschritt hat. Stattdessen versuchen sie kontinuierlich so viel Macht wie möglich an sich zu reissen.  Es wäre schön zu sehen, dass die Mazedonier und Albaner wieder enger miteinander zusammenleben würden. Ich möchte weiterhin meine Sommerferien bei meinen Verwandten in Kumanovo verbringen können und meine Verwandten sowie ihre Nachbarn sollen sich nicht mehr davor fürchten müssen, dass ihre Häuser von Panzern in Stücke geschossen werden.

*Name von der Redaktion geändert

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