Exklusivinterview mit dem Ajatollah-Neffen: «Khamenei glaubt seinen eigenen Lügen»
Sie sind nach der islamischen Revolution nach Frankreich geflüchtet und leben dort als Arzt. Haben Sie trotz der Informationssperre Neuigkeiten aus dem Iran?
Mahmoud Moradkhani: Es sickert nur sehr wenig durch. Meine Schwester konnte mich vor ein paar Tagen kurz aus Teheran anrufen, um mir mitzuteilen, es gehe ihr und ihrer Familie gut. Das ist schon viel, angesichts der massiven Repression.
Die Demonstrationen scheinen mehr und mehr eingedämmt, doch die Rede ist von 3400 Toten. Eine ungeheuerliche Zahl.
Ich habe von Zahlen gehört, die noch viel höher liegen: Es könnten bis zu 10'000 oder gar 12'000 Tote sein. Die Revolutionsgarden sollen mit Maschinengewehren in die Menge geschossen haben. Spätestens, als Telefon und Internet unterbunden wurden, war eine solche Reaktion dieses despotischen Regimes absehbar.
Auch die Brutalität ihres Vorgehens?
Der Revolutionsführer Ali Khamenei lässt auf die Demonstranten schiessen, weil er sich ihnen überlegen fühlt. Er glaubt allen Ernstes, das moralische Recht auf seiner Seite zu haben. Das ist allerdings auch nicht neu. Die schiitischen Mullahs halten sich auch den Sunniten oder Wahhabiten überlegen. Das war mit ein Grund für Krieg gegen den Irak, und deshalb setzt sich Teheran für Gaza ein – nicht, weil das Regime für die Palästinenser wäre, sondern weil es den schiitischen Einfluss bis ans Mittelmeer ausdehnen will.
Ali Khamenei ist ihr Onkel. Kannten Sie ihn gut?
Ja, der Ajatollah war in Meschhed (vier Millionen Einwohner; die Red.) eng mit unserer Familie liiert, als er noch ein kleiner Mullah einer Moschee war. Er war ein liebenswerter, umgänglicher Onkel, der an Dichterabenden teilnahm und gerne den Koran vorlas, ohne den Anflug einer radikalen Gesinnung zu zeigen. Alles wurde anders, als er nach Teheran ging und dort an die Macht kam. Das war 1989, als sein Vorgänger Khomeini zehn Jahre nach der islamischen Revolution im Iran starb.
Wie schaffte es Ihr Onkel in diese Führungsposition?
Staatspräsident Haschemi Rafsandschani begünstigte ihn, weil er dachte, dass Khamenei als spiritueller Führer leicht zu leiten und manipulieren sei. Er täuschte sich gewaltig: Der neue Ajatollah erwies sich als machtgieriger und grössenwahnsinniger Diktator, der bald seine eigenen Lügen glaubte. Die meisten Leute hatten ihn wegen seines heuchlerischen Wesens unterschätzt. Ali Khamenei hofierte meine Familie, die nach dem Sturz des Schahs die islamische Revolution ein halbes Jahr mitgetragen hatte, bevor sie in die Opposition ging. Aber wir liessen uns nicht überreden; wir wussten, dass Khamenei hinter der freundlichen Fassade ein schlauer, böser Mensch ist.
Heute ist er 86. Läuft seine Zeit ab?
Ausgehend von seiner guten Gesundheit schätze ich, dass er noch ein paar Jährchen hat.
Auch dank der Revolutionswächter, dem Machtfaktor im Iran? Stehen diese noch zum Ajatollah?
Die Wächter der islamischen Revolution, die Pasdaran, kontrollieren die Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaft; an den Demos haben sie und ihre Milizen Tausende erschossen. Aber sie sind nichts ohne die Mullahs. Wer den Iran verstehen will, muss eins wissen: Für die Iraner ist der religiöse Aspekt entscheidend. Ohne geistigen islamischen Führer fühlen sich die Menschen – und auch die Pasdaran – wie verloren. Deshalb halten sie nach wie vor zum Ajatollah.
Was, wenn Ali Khamenei einmal eines natürlichen oder anderen Todes stirbt?
Dann kommt es zweifellos zu einem Machtkampf innerhalb des Regimes, weil die letzten Revolutionäre von 1979 wie Khomeini und Khamenei damit ausgestorben sind.
Auch wenn die Mullahs die Aufständischen einmal mehr in die Knie gezwungen haben, ist es doch ein Schwächezeichen, das eigene Volk massakrieren zu lassen.
Die Ajatollahs haben nun schon den vierten Aufstand mit Gewalt unterdrückt. Das hinterlässt natürlich Spuren; aber der Iran ist ein komplexes Gebilde. Wie ich sagte, die Mullahs sind nicht vom Mond gefallen, sie entsprechen einem religiösen Bedürfnis vor allem der ländlichen Bevölkerung. Sie wollen keine Trennung von Kirche und Staat, wie sie etwa Frankreich vollzogen hat.
Die Opposition macht zudem keinen geeinten Eindruck.
Sie ist sehr gespalten, unter anderem auch, weil einzelne Fraktionen wie die Mudschaheddin keine Laizisten sind. Der Sohn des Schahs, Reza Pahlavi, in den USA im Exil, ist unfähig, die Nation hinter sich zu scharen. Er ist kein schlechter Mensch, aber er geht ungeschickt vor.
In den Demonstrationen haben viele seinen Namen gerufen.
Vielleicht mangels besserer Alternativen. Auch waren sie nicht sehr zahlreich. Ich erinnere mich an die islamische Revolution von 1979 – damals gingen Millionen auf die Strasse. Das war letzte Woche nicht so: Während die Leute in einzelnen Städten demonstrierten, ging der Verkehr in den nächsten Strassen weiter, als wäre nichts passiert. Nein, Ali Khamenei kann nur gestürzt werden, wenn sich die Opposition vor den Demonstrationen zusammentut, organisiert und erst dann auf die Strasse geht. Letzte Woche war es umgekehrt: Es wurde demonstriert, ohne dass der Widerstand organisiert war. Das kann nicht gut gehen.
Doch sind die Iraner nicht wütend auf ihr Regime, unter dem das Leben unbezahlbar teuer wird?
Die Wut des Volkes genügt nicht für eine Revolution. Hunger und Elend auch nicht. In der islamischen Revolution von 1979 hatten die Basar-Händler genügend Mittel, um im Kampf gegen das Schah-Regime neun Monate auszuhalten. Heute haben die Leute keine Reserven mehr. Viele sind deshalb zu Hause geblieben. Sie warteten ab, ob die Amerikaner eingreifen würden.
Wünschen die Iraner denn eine US-Intervention?
Die meisten Demonstranten hofften sicher darauf. Aber im Unterschied zu den Luftschlägen gegen iranische Atomanlagen Mitte 2025 waren die Amerikaner jetzt so wenig auf die Proteste vorbereitet wie die iranische Opposition. Donald Trump ist ein Pokerspieler ohne Plan. Um ein Regime zu stürzen, das 40 Jahre Erfahrung mit dem Abwürgen interner Proteste hat, braucht es schon etwas mehr Vorbereitung. Zumal die Golfstaaten aus Angst vor iranischen Repressalien von einem US-Einsatz warnten.
Hat Trump mit seinen Drohungen immerhin die 800 angekündigten Hinrichtungen verhindert?
Gut möglich, dass das Regime in Teheran gewisse Zusicherungen gemacht hat. Aber zugleich hat Ali Khamenei am Wochenende angekündigt, er werde den Aufständischen «den Rücken brechen».
