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Die Schwächsten leiden am stärksten: Ein Kind wartet im Flüchtlingscamp in Kabul auf Hilfe.
Die Schwächsten leiden am stärksten: Ein Kind wartet im Flüchtlingscamp in Kabul auf Hilfe.
Bild: shutterstock
Interview

«Panik ist einer angespannten Erwartung gewichen»: Stationschef in Kabul erzählt

Trotz des Einmarschs der Taliban hält Erhard Bauer für das Kinderhilfswerk Terre des Hommes in Kabul die Stellung. Er erzählt, wie er die dramatischen Stunden seit dem Regimewechsel erlebt. Und warum er Appelle im Westen à la «alle Afghanen retten» für problematisch hält.
19.08.2021, 20:0019.08.2021, 21:01

Herr Bauer, Sie halten seit Tagen als Stationschef von Terre des Hommes die Stellung in Kabul. Wie beschreiben Sie Ihre Lage?
Erhard Bauer: Abgesehen von den chaotischen Zuständen am Flugplatz in Kabul, über die teilweise sehr reisserisch berichtet wird, ist es ruhig in der Stadt. Menschen sind verunsichert, trauen der Situation noch nicht. Es wirkt aber so, als wäre die Panik des ersten Tages einer angespannten Erwartung gewichen. Aber jede, jeden trifft es unterschiedlich. Ich erlebe, dass Menschen, die mit mir sprechen, anfangen zu weinen; andere sind vorsichtig optimistisch. Ehrlicherweise weiss niemand, was werden wird. Die offiziellen Verlautbarungen der Taliban sind moderat, aber viele Menschen vertrauen ihnen nicht.

Der Einmarsch der Taliban ging blitzschnell. Wie erklären Sie das?
Nach der schnellen Übernahme der grossen Städte in den anderen Landesteilen, teils mit Widerstand und teils durch geordnete Übergabe, bekam das alles einen anderen Charakter. Viele Kolleginnen und Kollegen waren wie gelähmt. Es war ein schmerzhaftes Ankommen in der Realität: Da waren Soldaten und Polizisten nicht mehr bereit, ihr Leben für einen mageren Sold und eine Sache hinzugeben, von der sie nicht (mehr) überzeugt waren. Da zogen es ganze Truppenteile vor, sich unter den Schutz der Taliban zu stellen, anstatt für die ihnen lange versprochene Demokratie zu kämpfen. Da hatten die Taliban mehr Kraft und Einfluss auf diese Leute als deren Kommandeure. Und die Regierung zerbröselte, wie ich es zuvor nur beim Mauerfall in Deutschland erlebt hatte.

«Die Regierung zerbröselte, wie ich es zuvor nur beim Mauerfall in Deutschland erlebt hatte.»

Sie konnten praktisch zusehen, wie die Taliban Richtung Kabul marschierten. Welche Gefühle löste dies in Ihnen aus?
Dann kam die Angst unter uns, die in Kabul leben und arbeiten: Wird die Stadt angegriffen, wird in der Stadt gekämpft werden? Wird es so kommen wie in den Jahren nach 1992, als nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regierung die verschiedenen Fraktionen grosse Teile der Stadt verwüsteten und zehntausende Einwohner von Kabul Kämpfen und Repressalien zum Opfer fielen und noch viele mehr aus der Stadt flohen? Und umso grösser war der Einbruch der Realität und der möglichen Gefahr, weil Kabul und seine Eliten in den letzten 20 Jahren die grössten Nutzniesser der neuen Politik, der neuen Freiheiten und der ausländischen Gelder und Aufmerksamkeit waren.

Taliban-Kämpfer patrouillieren in Kabul.
Taliban-Kämpfer patrouillieren in Kabul.
Bild: keystone

Wie geht es Ihnen und den Mitarbeitenden fünf Tage nach der Machtübernahme der Taliban?
Die Anspannung ist heute, fünf Tage nach dem Fall der bisherigen Regierung und dem Einmarsch der Taliban, immer noch greifbar. Niemand weiss, ob nicht doch noch Gewalt ausbricht. Wilde Gerüchte kursieren, die wir nicht verifizieren können. Aber: Es hat keinen Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung gegeben, die Taliban versuchen, das Machtvakuum zu füllen – die grosse Ausnahme ist, siehe oben, der Flugplatz von Kabul. Keine Kämpfe, keine Zerstörung. Wir hören von Hausdurchsuchungen, aber auch von einer Art Charmeoffensive der Taliban. Sie sprechen mit Einwohnern, mit Kindern. Haben bei ihrem Einmarsch öffentlich Zusicherungen gegeben, die Bevölkerung zu schützen. Ob das jetzt oder auch in Zukunft so bleiben oder eintreten wird, kann ich nicht beurteilen.

«Ich bin erleichtert, dass es keine ‹Schlacht um Kabul› gegeben hat, warum das so gekommen ist, ist eigentlich im Moment weniger wichtig.»

Aller Widrigkeiten zum Trotz: Was macht Ihnen Hoffnung?
Ich bin erleichtert, dass es keine «Schlacht um Kabul» gegeben hat, warum das so gekommen ist, ist eigentlich im Moment weniger wichtig. Entscheidend ist die Vermeidung von Opfern unter der Zivilbevölkerung und dass die Möglichkeit genutzt wurde, Kompromisse zu schliessen. Dass so etwas möglich ist, lässt mich für die kommenden Wochen hoffen. Die öffentlichen Verlautbarungen der Taliban sind moderat, letztlich werden sie aber an ihren Taten gemessen werden. Das gilt auch für unsere künftige Arbeit.

Benötigen dringend Hilfe. Afghanische Buben im Flüchtlingscamp in Kabul (1. August 2021).
Benötigen dringend Hilfe. Afghanische Buben im Flüchtlingscamp in Kabul (1. August 2021).
Bild: Shutterstock

Sie sind die letzte verbleibende ausländische Person von Terre des Hommes in Kabul. Können Sie Ihre Arbeit überhaupt fortführen?
Es sind nur wenige Tage seit dem radikalen Wechsel vergangen. Wir arbeiten daran, dass unsere Organisation weiterarbeiten kann, dass wir auch unter anderen Machthabern den Zugang zu den Bedürftigen verhandeln und nutzen können. Wir werden hier mit dem, was Terre des Hommes leisten kann, gebraucht. Wie wir unsere Arbeit weiterführen können, hängt zum einen von uns ab: Wir müssen unsere Kolleginnen und Kollegen schützen, wir müssen unser Wissen und unsere Kapazitäten wahren und müssen in der neuen Lage den richtigen Ansatz und Zugang finden. Zum anderen wird es davon abhängen, welche Bedingungen für unsere Arbeit gestellt werden, von den neuen Machthabern, ob es sicher sein wird, zu arbeiten, sowohl für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als auch die Kinder und Familien, mit denen wir arbeiten. Viele unserer Projekte sind ohne die Beteiligung unserer Mitarbeiterinnen unmöglich. Und, «last but not least», was wir hier machen können, wird davon abhängen, ob wir Geber davon überzeugen können, künftig auch in einem talibanregierten Afghanistan Projekte zu finanzieren.

Sie haben selbst eine Familie. Wie lange wollen Sie noch in Kabul bleiben?
Ich will hier so lange bleiben, wie ich mich ausreichend sicher fühlen kann und ich gebraucht werde. Einen zeitlichen Rahmen kann ich dafür im Moment nicht geben. Es ist wichtig, dass unser Team zusammenhält, unsere Arbeit braucht einen langen Atem. Aber ich bin auch Familienvater und habe da eine Verantwortung.

Terre des Hommes betreut hunderte hilfsbedürftige Kinder. Das Hilfswerk hat die Arbeit – zumindest vorübergehend – eingestellt. Was passiert mit den Kindern?
Wir betreuen mehrere hundert Familien mit ihren Kindern in verschiedenen Regionen des Landes. Wir haben Projekte für die gesundheitliche Betreuung von werdenden Müttern, Neugeborenen, helfen Kindern und Familien von Flüchtlingen innerhalb des Landes mit psychologischer Betreuung, bieten den Kindern sichere Räume, geben Hilfsgüter und Geld für die wichtigsten Ausgaben des Lebensunterhalts. Insgesamt arbeiten zur Zeit 177 afghanische Kolleginnen und Kollegen mit uns. Seit Beginn dieser Woche haben wir unsere Arbeit im gesamten Land eingestellt, weil wir die Verantwortung für die Sicherheit und den Schutz dieser Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch der Familien in den Projekten, nicht gewährleisten können. Dazu sind die Verhältnisse zu ungeklärt, zu unsicher. Unsere Aufgabe, unsere Hoffnung ist es nun, diese Arbeit so bald als möglich wieder aufzunehmen.

«Wie wir mit dieser neuen Generation der Taliban kommunizieren können, wird sich zeigen.»

Führt man Gespräche mit den Taliban über eine Fortsetzung der Arbeit?
Wir bemühen uns um Gespräche mit den Taliban. Individuell, als Organisation, als Verbund von Organisationen, letztlich wird es die ganze Gemeinschaft der Hilfswerke tun müssen. Da aber die Verhältnisse noch ungesichert sind und die Taliban erst die entsprechenden Strukturen besetzen müssen, kann das noch einige Tage dauern. Es gibt erste Kontakte, in den Provinzen sind Organisationen aufgefordert worden, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Es gibt auch in Kabul erste Gespräche, wir sind dazu bereit und werden uns auch aktiv darum bemühen. Aber wir brauchen Gegenüber, auf deren Auskünfte wir uns verlassen können, und wir müssen über die Bedingungen für unsere Arbeit sprechen.

Wie wird die neue Herrschaft der Taliban Ihre Arbeit beeinflussen?
Wie die neuerliche Herrschaft der Taliban unsere Arbeit verändern wird, darüber will ich nicht spekulieren. Ich habe von 1996 bis 2004 (also auch die gesamte Herrschaftszeit der Taliban) schon einmal in Afghanistan gearbeitet, manchmal war der Dialog schwierig, oft aber waren Kompromisse möglich, wir konnten arbeiten, nachdem wir uns kennengelernt hatten. Es gab aber auch Themen, bei denen wir damals nichts erreichen konnten. Wie wir mit dieser neuen Generation der Taliban kommunizieren können, wird sich zeigen. Die generellen Aussagen, zum Beispiel was die Stellung von Frauen und Mädchen angeht, sind moderat, aber auch sehr vage; werden aber grosse Auswirkungen auf unsere Arbeit haben.

Video: watson

Was erwarten Sie nun für die nächsten Wochen und Monate?
Ich erwarte, dass sich die Verhältnisse klären. Für die afghanische Bevölkerung ist es wichtig, und ich hoffe sehr, dass keine Kämpfe wieder aufgenommen werden, dass sich die zivile Verwaltung normalisiert. Wir werden bald wissen, wie sich die Taliban, jetzt, nach der Machtübernahme, ihr Land und das Leben der afghanischen Bevölkerung vorstellen. Wir werden dann verhandeln und Räume gestalten, wie unsere Arbeit mit Afghaninnen und Afghanen in der Zukunft aussehen wird. Und da unsere Arbeit gebraucht wird und an den Bedürfnissen der Kinder und Familien ausgerichtet ist, bin ich optimistisch.

Kommt es in Afghanistan wieder zum Burka-Zwang wie in den 2000er-Jahren?
Kommt es in Afghanistan wieder zum Burka-Zwang wie in den 2000er-Jahren?
Bild: Shutterstock
«Die jetzigen Appelle, dass wir ‹Afghaninnen und Afghanen retten müssten›, halte ich für problematisch, das hat viel mit unserem eigenen schlechten Gewissen zu tun.»

Westliche Länder wie Grossbritannien drohen, die Entwicklungshilfe in Afghanistan einzustellen. Was halten Sie davon?
Entwicklungshilfe einstellen, damit haben mittlerweile auch andere Länder gedroht. Nach dem traditionellen Muster arbeiten in der Entwicklungshilfe oft Staaten, Regierungen miteinander, das ist sicher gerade schwer vorstellbar. Was die humanitäre Hilfe angeht, diese darf nicht dem Muster folgen, ob uns ein Regime oder politische Verhältnisse in einem Land passen oder nicht, sondern sie sollte sich nach der Einschätzung der Lebensbedingungen der Bedürftigen richten. Wir als NGOs sind diejenigen, die das nach humanitären Prinzipien unter den gegebenen Bedingungen umsetzen können – wenn man uns lässt, auf der Basis unserer Prinzipien und nach professionellen Standards. Hier erwarte ich ein weiteres Engagement des Westens, sei es von privaten und/oder staatlichen Gebern.

Auch in der Schweiz fordern Politikerinnen und Politiker, tausende Afghanen aufzunehmen. Was denken Sie darüber?
Die jetzigen Appelle, dass wir «Afghaninnen und Afghanen retten» müssten, halte ich für problematisch, das hat viel mit unserem eigenen schlechten Gewissen zu tun und manchmal geht es dabei wenig um die Bedürftigen. Aber natürlich, es gibt klare internationale Konventionen, wie wir Flüchtlinge schützen und unterstützen müssen, und jeder Staat sollte dazu einen angemessenen Beitrag leisten!

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Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan

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Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan
quelle: keystone / zabi karimi
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