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Vorbild Mossad: Wie der ukrainische Geheimdienste Staatsfeinde jagt

Kyrylo Budanow ist Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes HUR.
Kyrylo Budanow, ein kampferprobter Elitesoldat, ist Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes HUR und hat mehrere russische Anschläge überlebt.Screenshot: twitter.com

Vorbild Mossad: Wie der ukrainische Geheimdienst Staatsfeinde jagt und tötet

Mit geheimen Spezialoperationen tötet die Ukraine hochrangige russische Invasoren und Kollaborateure. Britische Journalisten haben mit Insidern gesprochen.
09.09.2023, 20:0407.12.2023, 07:55
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Der israelische Auslandsgeheimdienst hat einen legendären Ruf. Die Welt weiss: Wer einen grösseren Terroranschlag gegen Israel verübt oder Verbrechen gegen das israelische Volk begeht, wird gejagt und zur Strecke gebracht.

Im Juli dieses Jahres wurde der Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes vor Journalisten gefragt, ob sein Land darüber nachdenke, auch eine Art Mossad zu schaffen.

Die Antwort von Kyrylo Budanow:

«Das brauchen wir nicht. Er existiert bereits.»

Budanow ist so etwas wie eine lebende Legende in der Ukraine. Der 37-Jährige ist ein erfahrener Elitesoldat. Er absolvierte viele Einsätze, auch hinter den feindlichen Linien, als Russland ab 2014 Teile der Ostukraine besetzte.

2020 wurde er von Präsident Wolodymyr Selenskyj zum Chef des HUR ernannt. Unter diesem Kürzel ist der militärische Nachrichtendienst bekannt. Am Donnerstag teilte das Verteidigungsministerium in Kiew mit, dass Budanow in den Rang eines Generalleutnants befördert worden sei.

Interessantes Detail: Am 7. September feiert die Ukraine traditionell den Tag des Militärgeheimdienstes. Und Budanow liess sich dazu etwas Spezielles einfallen, wie ein über Telegram und die Online-Plattform X verbreitetes Video zeigt.

Und damit sind wir bei den ukrainischen Geheimdienst-Operationen, die sich gegen die russischen Invasoren richten. Sei dies auf besetztem ukrainischem Gebiet. Sei dies auf dem Staatsgebiet der Russischen Föderation.

In den letzten 18 Monaten haben die Ukrainer dutzende Staatsfeinde bei Spezialoperationen getötet. Einige wurden erschossen, andere in die Luft gesprengt. Oder dann kamen sie unter mysteriösen Umständen ums Leben.

Die Ukraine halte sich über ihre Beteiligung an Attentaten bedeckt, konstatiert der «Economist» in einem aktuellen Artikel. Aber nur wenige zweifelten «an der zunehmenden Kompetenz» der ukrainischen Geheimdienstleute.

Gegenüber dem renommierten britischen Nachrichtenmagazin liess ein HUR-Offizier verlauten:

«Jede Person, die die Ukraine verrät, auf Ukrainer schiesst oder Raketen auf Ukrainer abfeuert, sollte wissen, dass sie beobachtet wird und ihre gerechte Strafe erhält.»
Andrei Cherniak, Offizier beim ukrainischen Militärgeheimdienst

Wie glaubhaft ist das?

Der «Economist» hat am 5. September einen Bericht mit dem Titel «Inside Ukraine's assassination programme» veröffentlicht. Das renommierte britische Nachrichtenmagazin versprach also exklusive Einblicke in ein Programm, das die gezielte Tötung von Staatsfeinden bezwecke.

Nun muss man wissen, dass der «Economist» aus grundsätzlichen Überlegungen keine Autorenzeile zu den Artikeln stellt. Weil die Verfasserinnen und Verfasser nicht genannt werden, fällt für uns Leser eine wichtige Information weg, um die Aussagekraft und Verlässlichkeit abzuschätzen.

Tatsache ist aber auch: Der «Economist» verfügt über beste Kontakte und zuverlässige Quellen innerhalb der ukrainischen Streitkräfte und Geheimdienste. Dies wurde im vergangenen Juni durch ein aufschlussreiches Porträt des Militärgeheimdienstchefs Budanow unter Beweis gestellt.

Überspannt die Ukraine den Bogen?

Geleakte US-Dokumente zeigten, dass die CIA eingriff, um Budanow davon abzuhalten, am Jahrestag der russischen Invasion im Februar 2023 einen Angriff auf Moskau zu befehlen. Die Sabotageakte und Angriffe in Russland hätten bei den Verbündeten der Ukraine die Besorgnis verstärkt, dass die stetige Provokation einer Atommacht zum Schlimmsten führen könnte. Und auch die Äusserung des Militärgeheimdienstchefs, er wolle einen Zusammenbruch Russlands herbeiführen, verunsicherte Politiker.

Budanow lassen solche Bedenken offensichtlich kalt. Aufgrund seiner neunjährigen Beschäftigung mit der russischen Aggression sei er in einer einzigartigen Position, um die Risiken einer nuklearen Eskalation einzuschätzen.

«Als Leiter des Geheimdienstes sage ich Ihnen ganz offen, dass das nicht passieren wird. Sosehr ich die Russische Föderation auch verabscheue, es gibt nicht viele Idioten, die das Land regieren.»
Kyrylo Budanow

Der erfahrene Kämpfer beharrt darauf, dass Frieden in Europa ohne eine strategische Niederlage Russlands und eine «Neuordnung der Macht» dort unmöglich sei.

«Entweder werden alle gleichzeitig aus dem Krieg aussteigen, oder eine Seite wird verlieren und die andere Seite wird gewinnen. Es gibt keine anderen Möglichkeiten.»
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj besichtigt mit dem Militärgeheimdienstchef einen russischen Kampfhubschrauber, dessen Pilot sich in die Ukraine absetzte.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj besichtigt mit dem Militärgeheimdienstchef einen russischen Kampfhubschrauber, dessen Pilot sich in die Ukraine absetzte.Bild: twitter.com

Wer führt die Anschläge durch?

Es gibt bekanntlich verschiedene Akteure und mehrere ukrainische Geheimdienste. Weil die Verantwortlichen schweigen, ist häufig nicht klar, wer Operationen durchführte.

Die gezielten Anschläge gegen russische Besatzer und Kollaborateure gehen gemäss «Economist» mindestens bis ins Jahr 2015 zurück. Der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU habe eine neue Organisation gegründet, nachdem Putin die Krim und die östliche Donbassregion einnehmen liess.

Eine Abteilung der Spionageabwehr habe sich auf Sabotage spezialisiert. Später konzentrierte man sich auf das, was in Geheimdienstkreisen beschönigend «Nassarbeit» genannt werde, also das gezielte Töten von Feinden.

Geheimdienst-Insider erklärten gegenüber dem «Economist», dass die fünfte Direktion des SBU eine zentrale Rolle bei Operationen gegen Russland spiele. Dieser Sicherheitsdienst sei deutlich grösser und verfüge über viel mehr finanzielle Mittel als der HUR, sodass er am besten in der Lage gewesen sei, anspruchsvolle Operationen zu bewältigen, wie etwa die Bombardierung der Kertsch-Brücke, die Russland mit der Krim verbindet, im Oktober 2022. Andere Insider strichen jedoch die Rolle des Militärgeheimdienstes HUR hervor, der über weitreichende Untergrundnetzwerke verfüge.

Ein weiterer zunehmend wichtiger Akteur in den besetzten Gebieten seien die Special Operations Forces (SSO), also die in kleineren Teams agierenden Elitesoldaten. Diese Gruppierungen koordinierten auch Aktionen der Partisanen.

Ein Offizier der SSO sagte gemäss Bericht, dass man nun auf grössere Befugnisse zur Durchführung von Operationen innerhalb Russlands dränge. Dies werde aber in ukrainischen Geheimdienstkreisen nicht generell begrüsst.

Schliesslich gibt es auch noch den Auslandsnachrichtendienst der Ukraine (SZRU). Über dessen Aktionen hinter feindlichen Linien liegen keine gesicherten Informationen vor.

Welche Rolle spielt die ukrainische Regierung?

Laut «Economist» ist davon auszugehen, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die heikelsten Operationen genehmigt, andere Entscheidungen würden delegiert. Eine hochrangige Regierungsquelle mit Insider-Kenntnissen habe es aber abgelehnt, Einzelheiten zu besprechen:

«Es ist wichtig, solche Operationen nicht zu kommentieren oder auch nur darüber nachzudenken.»

Selenskyj habe den Geheimdienst-Verantwortlichen die klare Order erteilt, «Kollateralschäden unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden». Die Anschlagsziele – sprich: Russen und Kollaborateure – seien sorgfältig auszuwählen.

Dann habe die im Artikel nicht namentlich genannte Quelle allerdings angefügt, es könnte sein, dass dies in der Vergangenheit nicht immer der Fall gewesen sei.

Wo ist das Problem?

Laut Bericht herrschte in ukrainischen Geheimdienstkreisen öfter Uneinigkeit darüber, welche Ziele bekämpft werden sollen. Die vom «Economist» befragten Insider hätten alle die Meinung vertreten, dass «Anschläge gegen russische Propagandisten mittlerer Ebene» zu wenig brächten.

Ein früherer Geheimdienstmann zeigte sich laut Bericht besorgt darüber, dass die gezielten Tötungen der Ukraine «eher einem Impuls als einer Logik» entspringen. Gewisse Operationen deuteten auf einen Mangel an Strategie hin. Damit riskiere man, «die Quellen, Methoden und das Ausmass der ukrainischen Infiltration in Russland offenzulegen».

Immerhin würden gezielte Anschläge auf russischer Seite «die Kosten für Kriegsverbrechen erhöhen» und die Moral der eigenen Bevölkerung stärken. Als «positives» Beispiel wird die Erschiessung eines ehemaligen russischen U-Boot-Kommandanten erwähnt, von dem angenommen wird, dass er die Raketen abfeuern liess, die im Juli 2022 in der ukrainischen Stadt Winnyzja 38 Zivilistinnen und Zivilisten töteten.

Andriy Yusov, ein Sprecher des Militärgeheimdienstes, bestand gegenüber dem «Economist» darauf, dass die Ukraine keinen «blinden Terror» ausübe. Ziel sei, den Feind aus den besetzten ukrainischen Gebieten zu vertreiben.

Die Ukraine werde weiterhin versuchen, die Schwachstellen der Russen zu identifizieren und auszunutzen. Allerdings bleibe die Infiltration der ukrainischen Sicherheitsdienste durch russische Agenten ein grosses Problem. Nach Einschätzung einiger Insider sei es gar das grösste einzelne Hindernis auf dem Weg, einen ukrainischen Mossad zu schaffen.

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27 Kommentare
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el cóndor terminado
09.09.2023 20:47registriert Juni 2021
Da werden wohl einige ruzzischen Kriegsverbrecher in den nächsten Jahren mit einem offenen Auge schlafen.
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frank frei
09.09.2023 21:36registriert September 2018
"Die vom «Economist» befragten Insider hätten alle die Meinung vertreten, dass «Anschläge gegen russische Propagandisten mittlerer Ebene» zu wenig brächten."

Natürlich wäre Peskow oder Medwedew ein "schönes" Ziel. Noch besser wäre ein erfolgreicher Anschlag auf Putin, nachdem dieser schon mehrere Killer-Kommandos in Richtung Kiew geschickt hat, um Selenskyj zu töten. Aber diese Leute werden extrem gut beschützt, so dass es sehr schwierig ist, an sie heranzukommen. Leider.
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