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Ein Panzer der Armee blockiert die Zufahrt zum simbabwischen Parlament in Harare.
Ein Panzer der Armee blockiert die Zufahrt zum simbabwischen Parlament in Harare.Bild: EPA/EPA
Interview

Schweizer Arzt in Simbabwe über den Putsch: «Die Leute freuen sich und sind erleichtert»

Ruedi Lüthy betreibt eine Aids-Klinik in Harare. Im Interview mit watson erzählt er, wie er das Eingreifen des Militärs vor Ort erlebt hat, welche Rolle WhatsApp spielt und wie die Simbabwer auf die neusten Entwicklungen reagieren.
15.11.2017, 17:5016.11.2017, 10:17

Herr Lüthy, wie haben Sie das Eingreifen des Militärs vor Ort erlebt?
Ruedi Lüthy:
Am Dienstagnachmittag begannen in Harare Gerüchte zu kursieren, dass Panzer in Richtung Stadtzentrum unterwegs sind. In der Umgebung unserer Klinik, welche sich am Stadtrand befindet, habe ich davon nichts gesehen.  Eine Mitarbeiterin hat allerdings beobachtet, dass das Militär die Kaserne der Bereitschaftspolizei umstellt hat. Zusätzlich kursierten auf WhatsApp Privatvideos, auf welchen die Panzer zu sehen waren.

Wie haben Sie zuerst von den Vorgängen erfahren?
Den ersten Hinweis, dass sich Ungewöhnliches abspielt, bekam ich aus der Schweiz. Die Lage ist sehr unübersichtlich. Die staatlichen Monopolmedien berichteten bisher (bis Mittwochmittag, Anm. d. Red.) noch nicht über die Situation – weder die Regierungszeitung «The Herald», noch das staatliche Radio oder das Fernsehen, welches angeblich vom Militär besetzt worden ist. Lediglich eine kurze Ansprache eines Armeesprechers wurde am TV gesendet.

Wie informiert sich die Bevölkerung vor Ort?
Weil die staatlichen Medien zumindest bis heute Mittag schwiegen, ist niemand wirklich im Bild über die Situation. Über WhatsApp tauscht man sich über eigene Beobachtungen aus, aber ein vollständiges Bild der Lage hat niemand. Ich bin mir sicher, dass der Grossteil der Landbevölkerung ausserhalb von Harare nichts von den Vorgängen weiss.

Bild: zVg
ZUR PERSON
Der Arzt Ruedi Lüthy (76) war einer der ersten Aids-Spezialisten der Schweiz und baute die Abteilung für Infektionskrankheiten am Universitätsspital Zürich auf. Er war einer der Mitbegründer des Zürcher «Lighthouse»-Hospiz. 2003 gründete Lüthy die Stiftung «Swiss Aids Care International» (heute: «Ruedi Lüthy Foundation») und baute in Harare eine Klinik für HIV-Infizierte auf. Simbabwe ist eines der am stärksten von Aids betroffenen Ländern der Welt. Die Newlands Clinic betreut heute fast 6000 Patienten in Harare und bildet medizinisches Personal aus. Die Klinik finanziert sich grösstenteils aus Spenden an die «Ruedi Lüthy Foundation».

Was spielt sich in Simbabwe genau ab?
Der Armeesprecher betonte, dass es sich nicht um einen Militärputsch handle. Man wolle lediglich diejenigen Leute im Umfeld des Präsidenten Robert Mugabe festsetzen, welche Unruhe stifteten. Unterdessen ist bekannt geworden, dass Mugabe und wohl auch seine Frau Grace unter Hausarrest stehen. Es scheint, als habe das Militär die Kontrolle übernommen.

Wie reagieren die Menschen vor Ort?
Unsere Mitarbeiter und Patienten sind erfreut. Die bisherige Lage war dermassen hoffnungslos, dass sie mit Erleichterung reagieren, jetzt wo sich etwas zu verändern scheint. Mehrmals habe ich den Satz gehört: «Heute ist ein Tag, den ich nie vergessen werde.»

Sind Sie von den Geschehnissen überrascht worden?
Ja, ich habe nicht damit gerechnet. Denn ein Aufstand gegen die Herrschenden entspricht nicht dem Charakter der Shona, welche 70 Prozent der Bevölkerung Simbabwes ausmachen. Die Simbabwer sind ausserordentlich friedlich gesinnte Menschen.

Ist neben der Erleichterung auch Sorge über die unklare Lage zu spüren?
Nein, die Leute machen sich nicht gross Gedanken darüber, was morgen sein wird. Sie sind sich gewohnt, dass sie nicht darüber entscheiden können, was in Simbabwe geschieht. Jetzt beobachten sie einfach, wie es weitergehen wird.

Der Eingang der Newlands Clinic in Harare.
Der Eingang der Newlands Clinic in Harare.Bild: zVg

Sind Sie besorgt über Ihre eigene Sicherheit?
Ich beobachte die Lage aufmerksam, fühle mich aber nicht bedroht. Momentan gibt es keinen Grund, von der Routine abzuweichen. Wir haben heute morgen kurz diskutiert, ob wir die Klinik öffnen sollen. Wir sagten uns: «Wenn die Mitarbeiter und Patienten normal erscheinen, dann öffnen wir die Tore.» So haben wir es dann auch gemacht.

Wie wird es in Simbabwe weitergehen?
Das kann ich momentan nicht sagen. Meine Hoffnung ist, dass sich die Situation mit der Familie Mugabe lösen lässt und eine Veränderung zum Positiven möglich ist. Denn Weitergehen wie in den letzten Jahren kann es hier nicht. Entscheidend ist jetzt, dass es friedlich bleibt und es beispielsweise nicht zu Kämpfen zwischen Polizei- und Militäreinheiten kommt.

Historische Bilder von Robert Mugabe

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Historische Bilder von Robert Mugabe
quelle: ap / louise gubb
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