Donald, der Verlierer: Der US-Präsident kann im Iran-Krieg kaum mehr etwas gewinnen
Noch am Montagmorgen steuerte der Krieg im Iran auf die nächste Eskalationsstufe zu. Falls bis Dienstagmorgen die Hormus-Wasserstrasse nicht wieder vollständig für den Tanker-Verkehr geöffnet sei, würden die USA Kraftwerke und Energieanlagen im Iran angreifen; so lautete Trumps Ultimatum vom Wochenende. Die Iraner reagierten mit Drohungen nach kompletter Hormus-Schliessung und der Verminung des gesamten Persischen Golfs.
Zur Schweizer Mittagszeit war schon wieder alles anders – zumindest aus Sicht des Weissen Hauses. Trump teilte per soziale Medien mit, wie glücklich er darüber sei, dass die USA mit dem Iran in den vergangenen 48 Stunden Gespräche über ein Ende der Feindseligkeiten geführt hätten. Angesichts dieser «tiefschürfenden, detaillierten und konstruktiven» Verhandlungen habe er das Pentagon angewiesen, sein Ultimatum auf fünf Tage auszuweiten.
Dieser Paukenschlag sass, zumindest kurzfristig: Die Börsen-Talfahrt zu Wochenbeginn wurde abrupt gestoppt und Militäranalysten, die sich zuletzt mit Eskalationsszenarien überboten hatten, mussten sich plötzlich der Frage zuwenden, ob das Kriegsende binnen der kommenden paar Tage tatsächlich möglich sei.
Entschiedenes Dementi aus Teheran
Wenn es nach dem Iran geht, wird dies definitiv nicht der Fall sein: Bereits wenige Minuten nach Trumps Mitteilung folgte auf offiziellen und halbstaatlichen Kanälen aus Teheran ein Dementi. Iran habe mit Trump keine solchen Gespräche geführt, «nicht einmal via Mittelsmänner».
Die iranische Nachrichtenagentur Fars jubelte, Trump sei unter dem Druck eingeknickt, den sein ursprüngliches Ultimatum ausgelöst hätte. Iran habe im Krieg gesiegt. Das Aussenministerium in Teheran teilte mit, Trumps Aussagen seien Teil seines Versuchs, «die Energiepreise zu senken und Zeit zu kaufen, um seine Kriegspläne umzusetzen».
Diese Aussagen stehen im Widerspruch zu amerikanischen und israelischen Angaben. Angeblich sollen die beiden US-Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner – letzterer ist mit Trumps Tochter Ivanka verheiratet – mit dem iranischen Parlamentspräsidenten Mohammad Bagher Ghalibaf gesprochen haben. Trump wollte dies in einer improvisierten Pressekonferenz vorerst nicht bestätigen; weil er kein Interesse daran habe, dass diese Person getötet werde, wie er sagte.
Er beschrieb den Gesprächspartner lediglich als Person, die «sehr repräsentativ» für den Iran sei – also um ein Mitglied des bisherigen Regimes. Ghalibaf dementierte auf X allerdings wenig später, dass «Verhandlungen» mit «den Angreifern» geführt würden.
Wenig Freude in Israel
Aus Israel waren nach den überraschenden Neuigkeiten aus Amerika ebenso wenig Friedenssignale vernehmbar. Die israelische Luftwaffe vermeldete in einem Communiqué die Fortsetzung der Bombardierungen «gegen die Infrastruktur des Terror-Regimes». Zur Mittagszeit wurde Teheran von neuen Explosionen erschüttert.
Sky News berichtete von einem tiefgreifenden Zerwürfnis zwischen Washington und Jerusalem, was die Kriegsfortsetzung angehe. Deswegen schlage Israel weiter auf eigene Faust zu. Angeblich war der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu nicht in die Pläne Trumps eingeweiht, noch in dieser Woche direkte Friedensgespräche mit dem Iran zu führen. Austragungsort dieses Gipfels soll ausgerechnet Islamabad sein, die Hauptstadt von Pakistan.
Was lässt sich aus dem «kompletten Chaos» ableiten, wie US-Medien Trumps erratische Kriegsführung beschreiben? Zunächst einmal das: Trumps Glaubwürdigkeit, was die Motive seines Feldzugs gegen das Mullah-Regime und seine strategischen Entscheidungen angeht, ist am Montagmittag auf dem absoluten Nullpunkt angekommen. «Nie im Leben hätte ich gedacht, einmal den iranischen Staatsmedien mehr zu glauben als dem US-Präsidenten», schrieb der US-Kommentator Ron Filipkowski.
Stattdessen jagten sich Spekulationen, wonach Trump die Nachricht bloss verbreitet habe, um den Kurszerfall zu stoppen und gleichzeitig seinem Kreis von Eingeweihten zum Börsenstart lukrative Insidergeschäfte zu ermöglichen.
Bestätigt wird sich auch der frühere britische Nato-General Richard Shirreff fühlen. In einem BBC-Interview am Wochenende erklärte er, dass sich nach drei Wochen Krieg Trump in eine hoffnungslose Sackgasse manövriert habe. Daraus gebe es für ihn nur noch zwei Auswege: entweder eine unkontrollierbar riskante Invasion des Iran mit Landstreitkräften – oder die «totale Demütigung» und den Ausstieg durch die Ausrufung eines «Fake-Siegs». Aber gewinnen könne Trump nicht mehr, folgerte Shirreff.
Wenn demzufolge Trumps Kehrtwende – die er anschliessend in der improvisierten Pressekonferenz bekräftigte – einen Ausweg aus dieser Sackgasse markieren soll, wird der Ausstiegspreis für Trumps «Fake-Sieg» ausserordentlich hoch sein. Gemäss dem Nachrichtenportal Axios verlangen die Iraner für eine Einstellung der Kampfhandlungen den vollständigen Rückzug aller US-Truppen, künftige Nichtangriffsgarantien sowie Reparationszahlungen für die angerichteten Bombardierungsschäden.
Trump seinerseits sprach von einem 15-Punkte-Friedensplan, in dem die Punkte «eins bis drei» Irans Aufgabe des Atomwaffenprogramms zum Ziel hätten. Wie ihrerseits die Israelis in dieser Gemengelage dazu gebracht werden sollen, sich dem Waffenstillstand anzuschliessen, obschon ihre Kriegsziele keineswegs erreicht sind, erklärte der US-Präsident nicht.
Ähnlich unklar bleibt die wichtigste Frage überhaupt nach diesem «Chaos-Montag»: Ist Trumps diplomatische Durchwurstelei der erste Schritt hin zum Kriegsende in Nahost, ganz gleich unter welchen Bedingungen und Nebengeräuschen? Der US-Analyst und Politikprofessor Adam Cochran ist vom Gegenteil überzeugt.
Je näher der Stichtag am Freitag rückt, Israel und Iran die gegenseitigen Angriffe fortsetzen und immer noch keine Tanker durch Hormus fahren, desto stärker wird Trump gezwungen sein, sich von der Friedenstaube wieder zum Kriegsgott zu wandeln. Ein verlustreicher Angriff mit Bodentruppen auf die Ölterminal-Insel Kharg dürfte dann kaum noch zu vermeiden sein – mit entsprechend unabsehbaren Folgen. (aargauerzeitung.ch)
