Verhandlungen in Pakistan: Für JD Vance geht es um mehr als nur Frieden
Für die Gespräche wurden in Islamabad die Sicherheitsvorkehrungen deutlich erhöht. Das Regierungs- und Diplomatenviertel sowie Hotels wurden abgeriegelt. In der Stadt sollen rund 5000 Soldaten und andere Sicherheitskräfte aktiv sein. Ob die Gespräche allerdings wie geplant stattfinden können, ist ungewiss. Denn die Waffenruhe ist weiter brüchig.
Eine umfassende Aufhebung der Sanktionen würde bedeuten, dass sich das iranische Regime in einer deutlich besseren Position befände als vor dem Krieg. Das dürften Trumps Unterhändler vermeiden wollen.
Welche Ziele verfolgen die USA und was ist von den Gesprächen zu erwarten? Ein Überblick.
Warum finden die Gespräche in Pakistan statt?
Das Land hat in dem Konflikt mehrere Vorteile: Zum einen befindet sich Pakistan in unmittelbarer Konfliktnähe. Das Land teilt sich mit dem Iran eine mehr als 900 Kilometer lange Grenze. Zum anderen unterhält Pakistan diplomatische Beziehungen sowohl zu den USA als auch zum Iran, was in der Region nicht auf alle Staaten zutrifft.
Viele andere fallen dagegen als Vermittler aus: Der Iran ist mit vielen Staaten in der Region, wie etwa Saudi-Arabien, verfeindet. Ausserdem hat das Land während des Kriegs neben Israel und US-Soldaten zahlreiche Nachbarstaaten angegriffen.
Wie laufen die Gespräche ab?
Für die USA sind die Verhandlungsführer der Sondergesandte Steve Witkoff und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner dabei. Beide haben die Trump-Regierung bereits in etlichen Verhandlungsrunden vertreten, etwa im Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern oder in Gesprächen zwischen Russland und der Ukraine. Ergänzt und angeführt wird das Duo diesmal vom Vizepräsidenten der USA, JD Vance.
Für Freitag sind zunächst keine Gespräche der Verhandlungsführer vorgesehen, sondern unter Experten der verschiedenen Seiten, hiess es aus pakistanischen Sicherheitskreisen. Die Spitzen der jeweiligen Delegationen sollen erst am Samstag in die Gespräche einsteigen. Bei Bedarf sollen die Verhandlungen auch am Sonntag fortgesetzt werden.
Für die Gespräche wurden in Islamabad die Sicherheitsvorkehrungen deutlich erhöht. Das Regierungs- und Diplomatenviertel sowie Hotels wurden abgeriegelt. In der Stadt sollen rund 5000 Soldaten und andere Sicherheitskräfte aktiv sein. Ob die Gespräche allerdings wie geplant stattfinden können, ist ungewiss. Denn die Waffenruhe ist weiter brüchig.
Wo liegen die Streitpunkte?
Für die USA stehen zwei Punkte im Vordergrund: ein dauerhaftes Ende der Blockade der Strasse von Hormus sowie ein Ende des iranischen Atomprogramms. Trump hatte in den vergangenen Wochen wiederholt davon gesprochen, dass der Iran niemals im Besitz von Atomwaffen sein dürfe. Auch die Öffnung der Meerenge, über die unter anderem ein Fünftel des weltweiten Ölvorkommens verschifft wird, hatte Trump vehement eingefordert.
Wie kompromissbereit der Iran beim Ende der Blockade ist, bleibt abzuwarten. Das Regime hat aktuell eine Art Mautstelle für Schiffe eingeführt, die die Strasse passieren wollen. Obwohl Schifffahrtsexperten ein solches Vorgehen als völkerrechtswidrig einstufen, scheint Trump das nicht generell abzulehnen. Der Präsident könne sich etwa vorstellen, dass die USA und der Iran eine Art «Joint Venture» eingehen könnten, sagte Trump am Mittwoch dem US-Sender ABC News.
Schwieriger könnten dagegen die Verhandlungen um das iranische Atomprogramm werden. Die US-Regierung hatte ihre Kriegsziele im Iran in den vergangenen Wochen mehrfach verändert. Die Forderung, dass der Iran nie eine Atomwaffe besitzen dürfe, blieb allerdings konstant. Konkret hiesse das für die US-Regierung: Der Iran müsse sich nicht nur verpflichten, sein radioaktives Material nicht weiter anzureichern, sondern auch alle Bestände abzugeben oder zu vernichten.
Laut der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA war das Land im vergangenen Jahr im Besitz von 400 Kilogramm Uran mit einem Anreicherungsgrad von 60 Prozent, bevor die USA und Israel die iranischen Atomanlagen bombardiert hatten. Für Nuklearwaffen ist ein Anreicherungsgrad von 90 Prozent notwendig.
Netanjahu kündigt Verhandlungen an
Trump hatte am Mittwoch mitgeteilt, dass man sich vorstellen könne, die Uranbestände gemeinsam mit dem Iran zu sichern. Das radioaktive Material soll sich grösstenteils in unterirdischen Anlagen befinden, die bombardiert wurden. Gleichzeitig betonte Trump, dass der Iran das Material künftig nicht weiter anreichern dürfe. Ob der Iran sich darauf einlassen wird, ist aktuell höchst fraglich.
Zwei weitere Streitpunkte sind die mögliche Aufhebung von Sanktionen gegen Teheran sowie die andauernden Bombardierungen des Libanon durch Israel: Zwischen den USA und dem Iran gibt es weiter unterschiedliche Auffassungen, ob die bisherige Waffenruhe auch Angriffe auf das Land am Mittelmeer untersagt.
Der Iran hatte angesichts der israelischen Bombardierungen auf das Land bereits mit einem Ende der Waffenruhe gedroht. Die US-Regierung geht hingegen davon aus, dass die Kämpfe im Libanon nicht Teil der Waffenruhe seien.
Hier zeichnete sich allerdings schon am Donnerstag ein Kompromiss ab: Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu teilte mit, man plane so schnell wie möglich Friedensgespräche mit dem Libanon. Auch Trump sagte dem US-Sender NBC am Donnerstag, dass Israel seine Angriffe zurückfahren werde. Erste Gespräche könnten in der nächsten Woche stattfinden, möglicher Verhandlungsort soll Washington sein. Das bestätigte ein Vertreter des US-Aussenministeriums der Nachrichtenagentur AFP.
Bei der Diskussion um die Aufhebung von Sanktionen geht es um Strafmassnahmen, die die USA seit der Islamischen Revolution im Jahr 1979 gegen den Iran verhängt haben. Damals wurde die Monarchie in dem Land gestürzt und durch eine islamistische Autokratie ersetzt, die bis heute an der Macht ist.
Eine umfassende Aufhebung der Sanktionen würde bedeuten, dass sich das iranische Regime in einer deutlich besseren Position befände als vor dem Krieg. Das dürften Trumps Unterhändler vermeiden wollen.
Warum spielt JD Vance eine hervorgehobene Rolle?
Der US-Vizepräsident war bislang kaum in die diversen Friedens- und Konfliktverhandlungen eingebunden. Jetzt fällt Vance jedoch eine Schlüsselrolle in den Gesprächen zu. Bemerkenswert ist das vor allem, weil er innerhalb der US-Regierung als der entschiedenste Gegner des Kriegs im Iran gilt.
Öffentlich hatte Vance sich bislang mit allzu starken Äusserungen zu dem Krieg zurückgehalten: Denn obwohl er als Kritiker des Einsatzes gilt, möchte der Vizepräsident offensichtlich nicht allzu deutlich den von Trump genehmigten Krieg infrage stellen.
Auch für seine persönliche Karriere steht in den Gesprächen viel auf dem Spiel: Gelingt es ihm, einen dauerhaften Frieden zu verhandeln, könnte Vance aus dem Konflikt gestärkt hervorgehen. Er wäre dann der grösste Kritiker des Kriegs, der ihn gleichzeitig am Verhandlungstisch beendet hat.
Das könnte Vance an der Basis von Trumps MAGA-Bewegung, die jegliche militärischen Interventionen der USA ablehnt, Auftrieb verschaffen. Sollten die Gespräche allerdings scheitern, könnte Trump das nutzen, um die Schuld auf seinen Vize zu schieben. Das könnte die Spannungen zwischen beiden erhöhen und sich auch nachteilig auf die weiteren Karrierepläne des Vize-Präsidenten auswirken: Vance werden weiter grosse Ambitionen nachgesagt, nächster Präsidentschaftskandidat der Republikaner werden zu wollen.
Spielt der Streit zwischen der Nato und den USA eine Rolle?
Für Pakistan und den Iran eher nicht, aber sehr wohl für die USA. Trump hatte zuletzt von anderen Nato-Staaten Unterstützung bei der Sicherung der Strasse von Hormus eingefordert. Das hat Trump auch dem Generalsekretär Mark Rutte bei dessen Besuch in Washington am Mittwoch mitgeteilt. «Es ist klar, dass die Vereinigten Staaten konkrete Zusagen und Massnahmen erwarten, um die Freiheit der Schifffahrt in der Strasse von Hormus zu gewährleisten», sagte eine Nato-Sprecherin am Donnerstag.
Laut übereinstimmenden Medienberichten erwartet die US-Regierung, dass die Nato-Staaten in Europa innerhalb der nächsten Tage konkrete Pläne vorlegen, wie die Meerenge in Zukunft geschützt werden kann. Entsprechende Planungen sollen bereits in den vergangenen Tagen angelaufen sein.
Unter Führung der britischen Regierung hat sich bereits eine Koalition der Willigen von 34 Staaten zusammengefunden, die für einen Marineeinsatz infragekämen. Nato-Chef Rutte steht der Initiative offen gegenüber: «Wenn die Nato helfen kann, steht die Nato natürlich bereit.»
Trump äusserte sich zuletzt weiter kritisch gegenüber dem Verteidigungsbündnis. Es habe den USA in der Vergangenheit nicht geholfen, als es nötig gewesen sei, und werde das auch in Zukunft nicht tun, schrieb Trump am Mittwochabend auf seiner Plattform Truth Social.
Verwendete Quellen:
- Eigene Recherche
- Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa, AFP und Reuters

