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Waffenruhe im Iran-Krieg: Gewonnen hat nur das Regime

Lebanese civil defense workers inspect the rubble at the site of a building destroyed in an Israeli airstrike a day earlier in Beirut, Lebanon, Thursday, April 9, 2026. (AP Photo/Hussein Malla)
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Rettungskräfte in den Trümmern eines Hauses in Beirut: Wieder einmal bezahlt der Libanon den Preis für einen Krieg in der Region.Bild: keystone
Analyse

Das war ein selten dummer Krieg

Kriege sind per se eine Schnapsidee. Der Angriff Israels und der USA auf den Iran aber war richtig dumm. Das Regime wirkt fast unbesiegbar. Grösster Verlierer ist das iranische Volk.
09.04.2026, 15:0509.04.2026, 15:05

Kriege sind eine der dümmsten Erfindungen der Geschichte. Dennoch kann die Menschheit nicht von der Idee lassen, Ziele mit Gewalt zu erreichen. Die Folgen sind unermessliches Leid und enorme Schäden, und Siege sind häufig nicht nachhaltig. Alexander der Grosse eroberte in der Antike ein riesiges Reich, das nach seinem frühen Tod zerfiel.

Man könnte weitere Beispiele aufzählen. Nur verblendete Putin-Versteher glauben bis heute, dass der russische Angriff auf die Ukraine vor mehr als vier Jahren auf einem genialen strategischen Plan beruhte. Das gilt in ausgeprägtem Mass für den Krieg gegen Iran, den die USA und Israel begonnen haben, ohne dass ein klares Ziel und ein Plan erkennbar waren.

Defense Secretary Pete Hegseth speaks to members of the media during a press briefing at the Pentagon in Washington, Wednesday, April 8, 2026. (AP Photo/Manuel Balce Ceneta)
Pete Hegseth,Dan Caine
«Kriegsminister» Pete Hegseth sprach am Mittwoch über die Waffenruhe, während Donald Trump öffentliche Auftritte vermied.Bild: keystone

Seit Mittwoch gilt eine höchst fragile Waffenruhe. Am Samstag sollen Friedensgespräche zwischen den Amerikanern und Iranern in Pakistan beginnen. Ob sie zu einem tragfähigen Abkommen führen, ist ungewiss. Beobachter erinnern an den Korea-Krieg, der 1953 mit einem Waffenstillstand «beendet» wurde. Einen Friedensvertrag gibt es bis heute nicht.

Betrachtet man die vorläufige Bilanz dieses Waffengangs, kann man allenfalls einen vorläufigen Sieger ausmachen: das autoritäre Regime in Teheran, auf dessen Sturz es zumindest Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu abgesehen hatte. Nun hat er weder dieses noch andere Ziele erreicht, auch weil Donald Trump ihn letztlich im Stich liess.

USA

Der Präsident konnte es nicht lassen: Er bezeichnete die zweiwöchige Waffenruhe mit dem Iran als grandiosen Erfolg. Etwas anderes lässt sein Narzissmus nicht zu. Faktisch aber hat Donald Trump wenig erreicht. Der von ihm angezettelte Luftkrieg hat zu Kollateralschäden geführt, die absehbar waren, mit denen er aber nicht gerechnet hatte.

Dazu gehören die iranischen Angriffe auf strategisch wichtige Ziele in mehreren Staaten der Region, vor allem aber die Sperrung der Strasse von Hormus. Sie richtete nicht nur bei der Ölversorgung immense Schäden in der Weltwirtschaft an. Dass Trumps MAGA-Basis den Krieg unterstützte – geschenkt. Sie lässt ihrem Helden so ziemlich alles durchgehen.

Eine Mehrheit der US-Bevölkerung aber lehnte den Krieg ab. Sie spürt die Benzinpreise und fürchtet weitere Verteuerungen. Die Folgen dürften sich bei den Midterms im November zeigen. «Der Krieg macht es praktisch sicher, dass wir verlieren werden – den Senat und das Repräsentantenhaus», sagte eine Person aus dem Umfeld des Weissen Hauses zu Politico.

Israel

Seit er vor 30 Jahren erstmals zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, träumte Benjamin Netanjahu vom grossen Schlag gegen die iranischen Mullahs. Er betrachtet ihr Atomprogramm als tödliche Bedrohung für den jüdischen Staat. Doch er blitzte bei allen US-Präsidenten ab. Erst in Donald Trumps zweiter Amtszeit gelang der Durchbruch.

Mit wolkigen Szenarien konnte er den Präsidenten zum Angriff verleiten, obwohl dessen Entourage sie als «lachhaft» bezeichnete. Nun unterstützt Netanjahu offiziell die Waffenruhe, doch in Israel herrscht mehr Unbehagen als Erleichterung, schreibt Politico. Ein Rechtsaussen-Politiker bezeichnete Trump als «Ente», ein hebräischer Ausdruck für Schwächling.

Den Frust der Israelis bekommt die geplagte Bevölkerung des Libanons zu spüren, wobei die Hisbollah ihren Teil dazu beiträgt. Ihre Loyalität gehört offenbar dem Iran und nicht dem eigenen Land. Netanjahu drohte dem Iran mit einer erneuten Aufnahme der Kämpfe: Man habe «den Finger am Abzug». Doch vielleicht kommt eine solche Gelegenheit nie wieder.

Iran I

People walk past a portrait of the late Iranian Supreme Leader Ayatollah Ali Khamenei in a corridor of a subway station in Tehran, Iran, Friday, March 13, 2026. (AP Photo/Vahid Salemi)
Iran US Israel
Revolutionsführer Ali Chamenei wurde getötet, doch das Regime hält sich an der Macht.Bild: keystone

Oberflächlich betrachtet ist das Regime geschwächt. Die Zerstörungen im Land sind gross, und es dürfte einen beträchtlichen Teil seiner militärischen Fähigkeiten eingebüsst haben. Dennoch gelang der angeblich inexistenten Luftabwehr der Abschuss zweier US-Kampfjets. Und noch nach Verkündigung der Feuerpause gab es neue Angriffe auf Drittstaaten.

Die Autokraten in Teheran scheinen sich jahrelang auf ein solches Szenario vorbereitet zu haben, und der Zwölftage-Krieg im letzten Juni dürfte diese Bemühungen verstärkt haben. Dazu gehören Nachfolgeregelungen für die vielen «liquidierten» Führungsleute. Die Tötung von Revolutionsführer Ali Chamenei genügte nicht, um einen Regimewechsel zu erzwingen.

Als neues Machtzentrum kristallisiert sich die Revolutionsgarde heraus. Kenner der Region wiesen am Mittwoch darauf hin, dass sie im Krieg ein sehr potentes Machtinstrument erst richtig entdeckt habe: die Schliessung der Strasse von Hormus. Faktisch kann der Iran damit die Welt erpressen. Nur schon deshalb kann sich das Regime als Sieger fühlen.

Iran II

Das Gegenteil trifft auf das iranische Volk zu. Nach den Massakern im Januar setzten viele ihre Hoffnung auf eine Intervention von aussen. Nun müssen sie sich betrogen fühlen. Im verzweigten und vielschichtigen Regime gibt es Potenzial für Machtkämpfe, doch nicht zum ersten Mal zeigt sich, dass sich die Reihen bei einer Bedrohung von aussen schliessen.

Iran-Proteste 2026

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Iran-Proteste 2026

Ende Dezember begannen Proteste in Iran. Die Aufnahme zeigt Teheran am 9. Januar.

quelle: keystone
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Dabei ist das Regime sehr unbeliebt. Etwa 80 Prozent der Iraner sollen es ablehnen bis hassen. Doch die übrigen 20 Prozent machen bei einer Gesamtbevölkerung von rund 90 Millionen Menschen gegen 20 Millionen aus. Es ist ein beachtliches Reservoir für die Rekrutierung der Revolutionsgarde und der Basidsch-Miliz, ihrer zivilen Schlägertruppe.

Die Opposition wiederum ist zersplittert. Potenzielle Anführer sind tot, im Gefängnis oder im Exil. Es ist ein wesentlicher Grund, warum Experten Volksaufstände für sinnlos halten. Viel Hoffnung gibt es nicht. Vielleicht kommt es irgendwann zu einem Machtkampf, oder das Regime erklärt sich angesichts der Kriegsschäden zu Lockerungen bereit.

Vieles bleibt in der Schwebe. So stellt sich die Frage, welche Rolle die arabischen Golfstaaten in diesem Prozess spielen werden. Ihr Image als sichere Destination für Steuerflüchtlinge, andere Expats und Touristen wurde massiv beschädigt. China und Russland als wichtigste Verbündete des Irans könnten ebenfalls mitmischen.

Moskau profitiert ohnehin bereits vom Anstieg des Ölpreises. Im schlimmsten Fall geht die Achse der Autokraten gestärkt aus dem Konflikt hervor. Es wäre eine besonders hässliche Konsequenz dieses dummen Krieges.

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Iran-Krieg in Bildern
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Iran-Krieg in Bildern

Menschen heben bei einer Demonstration in Tel Aviv die Hände, um ein Ende des Krieges zu fordern.

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«Was denkst du, wer du bist?» – MAGA-Kommentatoren rechnen mit Trump ab
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Ichsagstrotzdem
09.04.2026 15:20registriert Juni 2016
"Faktisch aber hat Donald Trump wenig erreicht."
Was er erreicht hat, wissen wir nicht. Es ist aber stark anzunehmen, dass er und seine Entourage Millionen, wenn nicht Milliarden durch den Krieg an den ausschlagenden Finanzmärkten verdient haben.

"...hat zu Kollateralschäden geführt,...mit denen er aber nicht gerechnet hatte."
Wozu auch? Das Aufräumen des Scherbenhaufen schiebt er schon jetzt anderen zu (z.B. Grossbritanien).

Hört endlich auf die Taten von Donald Trump daran zu messen, was ein Staatsmann idealerweise tun würde.
Er handelt als Privatier und vermehrt sein Vermögen!
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So oder so
09.04.2026 15:34registriert Januar 2020
Aber Trump hat doch denn FIFA Friedenspreis bekommen und Köppel sagt Trump ist ein Friedensengel .
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Jackie055
09.04.2026 15:35registriert August 2025
Ich hoffe das 'war' in der Schlagzeile ist nicht verfrüht, aber als Historiker unterstütze ich durchaus, dass unsere Profession das Ding als 'the Dumb War' in den Büchern führt.
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«Timmy wird sterben und niemand wird mehr an ihn denken»
Peter V. Kunz ist Präsident des Verbands Schweizer Tierschutz. Im Interview mit watson erklärt er, warum wir uns für gestrandete Buckelwale, nicht aber für vernachlässigte Hühner interessieren.
Seit einiger Zeit konzentriert sich das öffentliche Interesse stark auf Einzelschicksale von Tieren. Wir hatten den einsamen Pinguin, der in die falsche Richtung watschelt; dann kam das Äffchen Punch, das wir dabei beobachteten, wie es Anschluss an seine Gruppe suchte. Und seit knapp drei Wochen ist es nun Timmy, der Wal, mit dem Hunderttausende mitleiden. Warum interessieren Tierschicksale so fest?
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