Das war ein selten dummer Krieg
Kriege sind eine der dümmsten Erfindungen der Geschichte. Dennoch kann die Menschheit nicht von der Idee lassen, Ziele mit Gewalt zu erreichen. Die Folgen sind unermessliches Leid und enorme Schäden, und Siege sind häufig nicht nachhaltig. Alexander der Grosse eroberte in der Antike ein riesiges Reich, das nach seinem frühen Tod zerfiel.
Man könnte weitere Beispiele aufzählen. Nur verblendete Putin-Versteher glauben bis heute, dass der russische Angriff auf die Ukraine vor mehr als vier Jahren auf einem genialen strategischen Plan beruhte. Das gilt in ausgeprägtem Mass für den Krieg gegen Iran, den die USA und Israel begonnen haben, ohne dass ein klares Ziel und ein Plan erkennbar waren.
Seit Mittwoch gilt eine höchst fragile Waffenruhe. Am Samstag sollen Friedensgespräche zwischen den Amerikanern und Iranern in Pakistan beginnen. Ob sie zu einem tragfähigen Abkommen führen, ist ungewiss. Beobachter erinnern an den Korea-Krieg, der 1953 mit einem Waffenstillstand «beendet» wurde. Einen Friedensvertrag gibt es bis heute nicht.
Betrachtet man die vorläufige Bilanz dieses Waffengangs, kann man allenfalls einen vorläufigen Sieger ausmachen: das autoritäre Regime in Teheran, auf dessen Sturz es zumindest Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu abgesehen hatte. Nun hat er weder dieses noch andere Ziele erreicht, auch weil Donald Trump ihn letztlich im Stich liess.
USA
Der Präsident konnte es nicht lassen: Er bezeichnete die zweiwöchige Waffenruhe mit dem Iran als grandiosen Erfolg. Etwas anderes lässt sein Narzissmus nicht zu. Faktisch aber hat Donald Trump wenig erreicht. Der von ihm angezettelte Luftkrieg hat zu Kollateralschäden geführt, die absehbar waren, mit denen er aber nicht gerechnet hatte.
Dazu gehören die iranischen Angriffe auf strategisch wichtige Ziele in mehreren Staaten der Region, vor allem aber die Sperrung der Strasse von Hormus. Sie richtete nicht nur bei der Ölversorgung immense Schäden in der Weltwirtschaft an. Dass Trumps MAGA-Basis den Krieg unterstützte – geschenkt. Sie lässt ihrem Helden so ziemlich alles durchgehen.
Eine Mehrheit der US-Bevölkerung aber lehnte den Krieg ab. Sie spürt die Benzinpreise und fürchtet weitere Verteuerungen. Die Folgen dürften sich bei den Midterms im November zeigen. «Der Krieg macht es praktisch sicher, dass wir verlieren werden – den Senat und das Repräsentantenhaus», sagte eine Person aus dem Umfeld des Weissen Hauses zu Politico.
Israel
Seit er vor 30 Jahren erstmals zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, träumte Benjamin Netanjahu vom grossen Schlag gegen die iranischen Mullahs. Er betrachtet ihr Atomprogramm als tödliche Bedrohung für den jüdischen Staat. Doch er blitzte bei allen US-Präsidenten ab. Erst in Donald Trumps zweiter Amtszeit gelang der Durchbruch.
Mit wolkigen Szenarien konnte er den Präsidenten zum Angriff verleiten, obwohl dessen Entourage sie als «lachhaft» bezeichnete. Nun unterstützt Netanjahu offiziell die Waffenruhe, doch in Israel herrscht mehr Unbehagen als Erleichterung, schreibt Politico. Ein Rechtsaussen-Politiker bezeichnete Trump als «Ente», ein hebräischer Ausdruck für Schwächling.
Den Frust der Israelis bekommt die geplagte Bevölkerung des Libanons zu spüren, wobei die Hisbollah ihren Teil dazu beiträgt. Ihre Loyalität gehört offenbar dem Iran und nicht dem eigenen Land. Netanjahu drohte dem Iran mit einer erneuten Aufnahme der Kämpfe: Man habe «den Finger am Abzug». Doch vielleicht kommt eine solche Gelegenheit nie wieder.
Iran I
Oberflächlich betrachtet ist das Regime geschwächt. Die Zerstörungen im Land sind gross, und es dürfte einen beträchtlichen Teil seiner militärischen Fähigkeiten eingebüsst haben. Dennoch gelang der angeblich inexistenten Luftabwehr der Abschuss zweier US-Kampfjets. Und noch nach Verkündigung der Feuerpause gab es neue Angriffe auf Drittstaaten.
Die Autokraten in Teheran scheinen sich jahrelang auf ein solches Szenario vorbereitet zu haben, und der Zwölftage-Krieg im letzten Juni dürfte diese Bemühungen verstärkt haben. Dazu gehören Nachfolgeregelungen für die vielen «liquidierten» Führungsleute. Die Tötung von Revolutionsführer Ali Chamenei genügte nicht, um einen Regimewechsel zu erzwingen.
Als neues Machtzentrum kristallisiert sich die Revolutionsgarde heraus. Kenner der Region wiesen am Mittwoch darauf hin, dass sie im Krieg ein sehr potentes Machtinstrument erst richtig entdeckt habe: die Schliessung der Strasse von Hormus. Faktisch kann der Iran damit die Welt erpressen. Nur schon deshalb kann sich das Regime als Sieger fühlen.
Iran II
Das Gegenteil trifft auf das iranische Volk zu. Nach den Massakern im Januar setzten viele ihre Hoffnung auf eine Intervention von aussen. Nun müssen sie sich betrogen fühlen. Im verzweigten und vielschichtigen Regime gibt es Potenzial für Machtkämpfe, doch nicht zum ersten Mal zeigt sich, dass sich die Reihen bei einer Bedrohung von aussen schliessen.
Iran-Proteste 2026
Dabei ist das Regime sehr unbeliebt. Etwa 80 Prozent der Iraner sollen es ablehnen bis hassen. Doch die übrigen 20 Prozent machen bei einer Gesamtbevölkerung von rund 90 Millionen Menschen gegen 20 Millionen aus. Es ist ein beachtliches Reservoir für die Rekrutierung der Revolutionsgarde und der Basidsch-Miliz, ihrer zivilen Schlägertruppe.
Die Opposition wiederum ist zersplittert. Potenzielle Anführer sind tot, im Gefängnis oder im Exil. Es ist ein wesentlicher Grund, warum Experten Volksaufstände für sinnlos halten. Viel Hoffnung gibt es nicht. Vielleicht kommt es irgendwann zu einem Machtkampf, oder das Regime erklärt sich angesichts der Kriegsschäden zu Lockerungen bereit.
Vieles bleibt in der Schwebe. So stellt sich die Frage, welche Rolle die arabischen Golfstaaten in diesem Prozess spielen werden. Ihr Image als sichere Destination für Steuerflüchtlinge, andere Expats und Touristen wurde massiv beschädigt. China und Russland als wichtigste Verbündete des Irans könnten ebenfalls mitmischen.
Moskau profitiert ohnehin bereits vom Anstieg des Ölpreises. Im schlimmsten Fall geht die Achse der Autokraten gestärkt aus dem Konflikt hervor. Es wäre eine besonders hässliche Konsequenz dieses dummen Krieges.
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