Der letzte Tanker trifft ein: Jetzt wird es richtig brenzlig um Trumps Ölkrise
Die Treibstoffpreise sind hierzulande seit Jahresanfang bereits deutlich angestiegen, wie Zahlen des Mobilitätsclubs TCS zeigen. Bei bleifreiem Benzin waren es rund 20 Rappen, bei Diesel sogar 36 Rappen. Bis jetzt sind die Preise jedoch unter den Rekordwerten von 2022 geblieben. Damals schossen die Preise in die Höhe, nachdem Russland die Ukraine angegriffen hatte. Diesel zum Beispiel erreichte einen Rekordwert von 2.40 Franken pro Liter. In der aktuellen Krise wurde bisher ein Wert von 2.24 Franken erreicht. Das war allerdings noch, bevor der letzte Tanker ankam.
Im Gegenteil. Es kommt noch weniger Öl durch. Denn jetzt hindert nicht nur der Iran so gut wie alle Tanker an der Durchfahrt. Die USA wollen ihrerseits alle Tanker blockieren, die iranische Häfen angelaufen oder verlassen haben. Nun könnte es einen zweiten Anlauf für Verhandlungen geben. Derweil tritt die Ölkrise in eine kritische Phase ein.
Bisher hat es Schwellenländer am stärksten getroffen. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) mussten Länder wie Bangladesch und Pakistan bereits die Erdgaslieferungen für ihre energieintensiven Industrien rationieren. Doch die ersten Folgen der Blockade haben inzwischen die reichen Industriestaaten erreicht.
Benzin, Diesel, Kerosin und Heizöl sind deutlich teurer geworden. Die gesamte Inflation ist in der Eurozone und in den USA deswegen grösser als zuvor, um knapp einen Prozentpunkt. Bleibt die Strasse von Hormus auch im April weitgehend geschlossen, ist das jedoch erst der Anfang.
«Der April wird noch viel schlimmer als der März», warnte IEA-Chef Fatih Birol laut dem US-Medienhaus CNBC bereits zum Monatsanfang. Im März seien noch Öltanker zu ihren Zielhäfen und Raffinerien gelangt, welche die Strasse von Hormus vor Kriegsbeginn passiert hatten. Dadurch ging das globale Ölangebot im März noch weniger stark zurück, als es sonst der Fall gewesen wäre. Im April kommen keine solchen Tanker mehr an. Wie Birol sagt: «Im April gibt es nichts mehr.»
Dieses «Nichts», das da im April an den Häfen der Welt ankommt, bedeutet: Im April fällt doppelt so viel Ölangebot weg wie im März. Der Ölmangel wird doppelt so gross sein. Ähnlich werde es bei Flüssiggas und anderen Waren sein, die normalerweise über die Strasse von Hormus in die Weltmärkte gelangen. Birol weiter: «Das wird sich auf die Inflation auswirken und das Wirtschaftswachstum in vielen Ländern dämpfen.»
Ein entscheidender Moment
Sprich, die steigenden Energiepreise werden die Inflation noch mehr in die Höhe drücken. In anderen Ländern werden jedoch Öl und Gas nicht bloss teurer, sondern gar nicht mehr in genügendem Ausmass vorhanden sein. Birol sagt hierzu: «In vielen Ländern könnte es bald zu Energierationierungen kommen.»
Dass es bereits im April nur noch ein «Nichts» gibt, war leicht übertrieben von der IEA. Laut «New York Times» hat die Bank JPMorgan Chase ausgerechnet, dass erst nächste Woche der allerletzte Tanker über die Strasse von Hormus in einen Welthafen einlaufen wird.
Laut der «Financial Times» ist die Ankunft des letzten Tankers in jedem Fall ein «entscheidender Moment» in der Ölkrise. Voraussichtlich am 20. April könnte es so weit sein, dann laufen die letzten Tanker in Malaysia und Australien ein. Aber danach kommt, wie Birol sagt, tatsächlich «nichts» mehr aus der Strasse von Hormus, durch die vor Kriegsbeginn noch 20 Prozent des weltweiten Ölangebots passierten. Analysten zufolge wird sich die Ölkrise wenige Wochen danach in Europa und in den USA verschärfen.
Bei der Bank JPMorgan Chase rechnen die Experten laut der Plattform «Market Watch» für Europa weniger mit echten Versorgungsengpässen. Vielmehr sei mit steigenden Kosten zu rechnen. Europa werde sich mit Asien einen Wettstreit um das verbleibende Erdöl liefern müssen.
«Im Monat Mai könnte es in einigen europäischen Ländern brenzlig werden», sagt hingegen IEA-Chef Birol in einem Interview mit dem deutschen «Spiegel». Vor allem bei Diesel und Kerosin könnte es eng werden. «Nicht sofort, aber in den kommenden Wochen.» Viele Treibstofflager hätten sich in den vergangenen Wochen geleert. Welche Länder es treffen werde, wollte Birol nicht verraten. Er beliess es bei der Warnung: «Kein Land ist immun.»
Deutschland braucht ein Tempolimit
Birol rät Deutschland ohnehin zum Handeln. Es solle über ein Tempolimit auf den Autobahnen nachdenken, um Treibstoff zu sparen. Aus seiner Abhängigkeit vom Erdgas herausfinden, vor allem beim Heizen. Schliesslich habe es in vier Jahren zwei grosse Gaskrisen erlebt. Der Ausstieg aus der Atomenergie sei ein Fehler gewesen, aber zurück könne man nicht, nur kleine modulare Reaktoren erwägen. Vor allem müsse Deutschland mehr Öl und Gas durch Strom ersetzen. China sei hier weiter und komme deshalb besser als die meisten Länder durch die Ölkrise.
Wenn Deutschland sparen muss, dann auch die Schweiz? Beim KOF Institut der ETH Zürich erklärt Direktor Hans Gersbach auf Anfrage, dass für die Schweiz mit geringeren Folgen zu rechnen sei. In Deutschland sei die Wirtschaft deutlich stärker von fossiler Energie abhängig als in der Schweiz.
Dennoch trifft es laut Gersbach auch die Schweiz, wenn der Erdölpreis über viele Monate bei 105 Dollar pro Fass bleiben sollte. Die durchschnittliche Person hätte dann jährlich 500 bis 700 Franken weniger Einkommen. Die Inflation werde 2026 um rund 0,6 Prozent höher ausfallen. Immerhin werde die Schweiz an einer Rezession vorbeikommen.
Die Treibstoffpreise sind hierzulande seit Jahresanfang bereits deutlich angestiegen, wie Zahlen des Mobilitätsclubs TCS zeigen. Bei bleifreiem Benzin waren es rund 20 Rappen, bei Diesel sogar 36 Rappen. Bis jetzt sind die Preise jedoch unter den Rekordwerten von 2022 geblieben. Damals schossen die Preise in die Höhe, nachdem Russland die Ukraine angegriffen hatte. Diesel zum Beispiel erreichte einen Rekordwert von 2.40 Franken pro Liter. In der aktuellen Krise wurde bisher ein Wert von 2.24 Franken erreicht. Das war allerdings noch, bevor der letzte Tanker ankam. (aargauerzeitung.ch)

