Zahnarzt aus dem Libanon über Angriffe: «Es kann dich jederzeit und überall treffen»
Fadel Khalasi sitzt in einem Café in Beirut, als watson ihn telefonisch erreicht. Er sagt:
Laut Kahalasi, der als Zahnarzt arbeitet, herrsche in der ganzen Stadt eine grosse Unsicherheit. «Die Angriffe können dich jederzeit und überall treffen.»
Während Israel und Iran im Krieg stehen, ist auch die Front zum Libanon erneut eskaliert. Nach Raketenangriffen der pro-iranischen Hisbollah auf Israel – als Vergeltung für die Angriffe im Iran – weitete Israel seine Offensive gegen die Miliz im Libanon deutlich aus.
Seit Beginn der jüngsten Kämpfe Anfang März wurden laut Reuters im Libanon mehr als 900 Menschen getötet, über eine Million weitere mussten ihre Häuser verlassen und sind teils auf der Flucht.
Noch in seinem Zuhause geblieben ist Zahnarzt Khalasi. Er schildert einen Alltag, der von Unsicherheit geprägt sei. Die Angriffe träfen aus seiner Sicht längst nicht nur klar abgegrenzte militärische Zonen. Menschen seien auf der Strasse unterwegs, auf Motorrädern oder in Wohnhäusern, wenn es einschlage.
Khalasi erzählt davon, wie wenige Stunden vor dem Gespräch mit watson ein Hochhaus in der Innenstadt getroffen worden sei.
Eine seiner beiden Zahnarztpraxen in Beirut wurde bei einem israelischen Luftangriff komplett zerstört, sagt Khalasi. Ziel des Angriffs sei eine Filiale der Al-Qard Al-Hassan Association im selben Gebäude gewesen, sagt Khalasi. Israel stuft die Organisation als Teil der finanziellen Infrastruktur der Hisbollah ein.
Khalasi schickt Bilder von einem ausgebrannten Wohnhaus, in dem sich seine Zahnarztpraxis befunden haben soll. Gänzlich verifizieren lassen sich seine Aussagen nicht.
Beim Gespräch mit watson befindet sich Khalasi in einem mehrheitlich christlich geprägten Quartier in Beirut. «Hier bin ich etwas sicherer vor den Explosionen und Zerstörungen», sagt er.
Trotzdem geht Khalasi immer wieder hin. «Gestern bin ich um elf Uhr nachts noch hingefahren, weil eine Frau eine Zahnbehandlung gebraucht hat, diese aber wegen des Ramadans erst nach Sonnenuntergang durchführen konnte.» Khalasi hat die Behandlung durchgeführt, der Gefahr zum Trotz. Berufsstolz, sagt er.
Seine beiden Zahnarztpraxen betreibt er schon seit Monaten mit Strom aus einem Generator. Denn das Stromnetz im Libanon funktioniere vielleicht durchschnittlich zwei Stunden pro Tag, das Wasser sei verunreinigt.
Ob ihn der Krieg gegen den Iran zusätzlich beunruhige, etwa wegen weiter steigender Energiepreise? Khalasi reagiert trocken: «Im Libanon sind die Preise schon lange horrend.»
Den Libanon zu verlassen, habe er sich schon mehrmals überlegt. Vergangenes Jahr sei er für drei Monate in Tunesien gewesen – so lange, wie es mit seinem Touristenvisum möglich gewesen sei. Auch Europa könne er sich grundsätzlich vorstellen, etwa Frankreich oder Deutschland. Ursprünglich stammt der Zahnarzt aus Syrien, erst 2021 kam er in den Libanon. Khalasi, der der religiösen Minderheit der Alawiten angehört, kann sich eine Rückkehr in seine Heimat aber nicht vorstellen.
Seine Familie habe sich unter dem Assad-Regime politisch zurückgehalten und keine Probleme gehabt. Mit der heutigen Lage sei das nicht vergleichbar. Khalasi sagt: «In Syrien gibt es im Moment keinen Platz mehr für mich.»
Die Alewiten leiden bis in die Gegenwart unter Repressalien, insbesondere in Syrien, wo sie seit dem Sturz von Assad von den neuen Machthabern der Terrormiliz HTS verfolgt werden.
