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Israelische Frauen kämpfen an der Front – zum ersten Mal

Israelische Frauen kämpfen an der Front – zum ersten Mal

Jahrzehntelang wurde in Israel darüber debattiert, ob Frauen in IDF-Kampfeinheiten dienen dürfen oder nicht. Die Attacke der Hamas am 7. Oktober machte die Debatte zum grössten Teil überflüssig.
20.01.2024, 14:50
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Am 7. Oktober, als die Hamas in einer koordinierten brutalen Attacke in Israel einfielen, wurde nicht lange gefackelt: Zwei rein weibliche Panzerbesatzungen wurden in die Wüste geschickt, um die Wellen einfallender Hamas aus dem Gazastreifen abzuwehren.

«Wir haben sie gestoppt, sie sind nicht an uns vorbeigekommen», erzählt Oberstleutnant Ben Yehuda gegenüber der New York Times. Sie ist Mutter von drei Kindern und Kommandantin des gemischtgeschlechtlichen Infanteriebataillons Caracal. Am 7. Oktober führte sie zwei Kompanien in einem zwölfstündigen Kampf gegen die Hamas an und konnte dadurch mehrere Dörfer vor Angriffen bewahren. Darunter war auch die erste weibliche Panzerbesatzung in Israel, die je an einem aktiven Kampf teilgenommen hat. Diese darf eigentlich nicht an einer Front kämpfen, doch Zeit, um darüber zu diskutieren, gab es an diesem Tag keine.

Zuvor aber wurde jahrzehntelang über die Rolle der Frauen in der Armee debattiert.

Pflicht ohne grosse Auswahl

Israelische Frauen müssen seit der Staatsgründung Israels 1948 ebenso wie die Männer einen obligatorischen Militärdienst leisten. Zu Beginn hätten sie dabei hauptsächlich Rollen als Krankenschwestern, Fahrerinnen, Köchinnen und Sekretärinnen erfüllt, wie die Jerusalem Post in einem historischen Überblick schreibt. Erst mit dem Jom-Kippur-Krieg 1973 zwischen Israel und arabischen Staaten wurden sie auch auf dem Feld eingesetzt. Ihre Aufgaben gingen allerdings erst ab den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren über Bürotätigkeiten und technische Unterstützung hinaus. Viele Rollen innerhalb der Armee blieben ihnen wegen ihres Geschlechts dennoch verwehrt.

Eine, die dieses System ins Wanken gebracht habe, sei die Pilotin Alice Miller, wie die Jerusalem Post weiter schreibt. Sie habe es nicht auf sich sitzen lassen, als sie sich im November 1993 bei der Flugakademie der israelischen Luftwaffe beworben habe und wegen ihres Geschlechts abgelehnt worden sei. Sie habe das Militär verklagt und beim Obersten Gerichtshof beantragt, die Prüfungen für die Pilotenausbildung der IAF ablegen zu dürfen. Mit Erfolg: Das Verbot für Pilotinnen bei der IAF wurde 1996 für verfassungswidrig erklärt.

Um das Momentum auszunutzen, arbeiteten weibliche Abgeordnete Gesetzesentwürfe aus, welche den Frauen erlauben sollten, sich für jede Position melden zu können, sollten sie qualifiziert genug dafür sein. 2000 wurde das entsprechende Gesetz verabschiedet.

Lieutenant colonel Yarden Shukrun, commander of Shahar Battalion in the Rescue and Training Brigade of the Home Front Command, 2022
Female israel
Oberstleutnant Yarden Shukrun, Kommandeur des Bataillons Shahar, in der Rettungs- und Ausbildungsbrigade des Heimatfrontkommandos, 2022.Bild: IDF Spokesperson's Unit, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=141738288

Mittlerweile stehen den Frauen 90 Prozent aller Funktionen im Militär offen. Dennoch bedeutete die Einstufung als «Kampfsoldat» noch bis vor Kurzem nicht, dass man als Frau auch in Kampfsituationen eingesetzt wird. So wurde 2017 auf der englischsprachigen israelischen Nachrichtenwebseite Ynet vom historischen Moment berichtet, als 13 weibliche Rekruten ihre Ausbildung für den Panzerkampf abgeschlossen hatten. Die israelischen Streitkräfte betonten allerdings, dass die weibliche Panzereinheit nicht auf dem Schlachtfeld eingesetzt werde, sondern die friedliche Grenze zu Ägypten patrouilliere.

Der Oberste Gerichtshof hakt nach

Frontkämpfe in den wichtigsten Infanterieeinheiten und einigen der elitärsten Kommandoeinheiten sind den Frauen noch weiterhin nicht zugänglich. Im vergangenen Juni wollte der Oberste Gerichtshof vom Verteidigungsministerium wissen, wieso Frauen nicht in ein breites Spektrum von Eliteeinheiten der israelischen Streitkräfte integriert würden, wie die Times of Israel berichtete.

In der darauffolgenden Antwort vom September erklärten die israelischen Streitkräfte, dass sie Ende 2024 damit beginnen würden, Frauen für die grösste Eliteeinheit des Militärs, Sayeret Matkal, sowie zwei weitere Einheiten zu rekrutieren. Diese waren bisher für Frauen gesperrt.

Diese ganze Debatte rückte am 7. Oktober in den Hintergrund, als die weibliche Panzereinheit – Teil des gemischten Bataillons Caracal – morgens um 6.30 Uhr wegen einer terroristischen Infiltration geweckt wurde.

Ihr Einsatz, der gemäss Aussagen von Soldatinnen gegenüber dem israelischen TV-Sender Channel 12 17 Stunden gedauert habe, wurde im Anschluss in den höchsten Tönen gelobt.

Das genderspezifische Lob wollen die Frauen aber nicht hören. Im Interview mit Channel 12 sagt eine Kommandantin:

«Und was nun? Was spielt das für eine Rolle? Wussten die Terroristen, dass sich in den Panzern Frauen befanden? Nein. Glaubst du, sie haben Michals Haare aus dem Helm ragen sehen? Nein. Jungen, Mädchen – was spielt das für eine Rolle?»

Eine Offizierin pflichtet ihr bei:

«Du sagst immer ‹Heldinnen› und ‹historisch› ... Ich fühle mich nicht wie ein Held. Ich fühle mich wie ein Soldat, der eine Aufgabe bekommen hat, und ich habe meine Aufgabe erfüllt. Ich glaube, das hätte jeder getan.»

«Die Debatte ist vorbei»

Seither scheint eine weitere Diskussion überflüssig. «Alle verwenden den Satz ‹Die Debatte ist vorbei›», sagt Idit Shafran Gittleman gegenüber der New York Times. Sie ist Direktorin des Programms Militär und Gesellschaft am Institut für nationale Sicherheitsstudien an der Universität Tel Aviv.

Die Bedürfnisse des Militärs haben den gesellschaftlichen Wandel mit rasender Geschwindigkeit vorangetrieben, schreibt die New York Times weiter. So sind nun gleichgeschlechtliche Partner von gefallenen Soldatinnen und Soldaten rechtlich als Witwer oder Witwe anerkannt.

Zudem sind nun auch weibliche Kampftruppen in Gaza stationiert. Hauptmann Busi sagt gegenüber der New York Times:

«Die Grenzen wurden verwischt. Das Militär braucht uns, also sind wir hier.»

Die 23-Jährige befehligt eine Kompanie von 83 Soldaten – die Hälfte davon Frauen. Die ersten Pflegepakete, die ihnen ins Lager geliefert worden seien, hätten extra grosse T-Shirts, Boxershorts und Tzitzit – rituelle Unterwäsche für orthodoxe jüdische Männer – enthalten. Jetzt enthalten sie auch Toilettenartikel für Frauen.

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39 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Randy Orton
20.01.2024 15:52registriert April 2016
Wäre auch in der Schweiz Zeit die Wehrpflicht für alle zu öffnen oder für alle abzuschaffen.
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Lucida Sans
20.01.2024 16:23registriert Februar 2017
„Nein. Jungen, Mädchen – was spielt das für eine Rolle?“
Für die Soldatin spielt das keine Rolle. Für die Feinde schon. Für die ist es eine grosse Schande gegen Frauen zu verlieren.
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Denkblase
20.01.2024 16:18registriert Juli 2020
Ich konnte eh nie die ganze Kontroverse verstehen. Als ich im Militär diente und wir vereinzelt Frauen hatten, benahmen wir uns erwachsener und nicht mehr so kindisch.
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