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Neues Buch von Delhommeau: Wie kriminelle Strukturen Europa unterwandern

Der Verlag Basset hat soeben eine französische Übersetzung des Buches von Antonio Zagari veröffentlicht, dem ehemaligen Killer und späteren Kronzeugen der ’Ndrangheta.
Der Verlag Basset hat soeben eine französische Übersetzung des Buches von Antonio Zagari veröffentlicht, dem ehemaligen Killer und späteren Kronzeugen der ’Ndrangheta.montage watson

«Die Mafias unterwandern uns – und es ist wohl schon zu spät»

Die frühere Kriminalanalystin Brünhilde Delhommeau hat in Frankreich gerade einen Verlag ins Leben gerufen, der sich ganz den kriminellen Netzwerken widmet. Ihr Fazit: In den meisten europäischen Ländern ist die Unterwanderung durch mafiöse Strukturen längst Realität.
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05.05.2026, 09:1705.05.2026, 09:17
Marie Parvex

Antonio Zagari lebte in den 1970er- bis 1990er-Jahren in Malnate, ganz in der Nähe der Schweizer Grenze. Gemeinsam mit in der Schweiz ansässigen Italienern war er in mehrere kriminelle Aktionen verwickelt wie etwa in den Falschgeldhandel zwischen der Schweiz und Italien. Weitere seiner illegalen Geschäfte beinhalteten Schmuggel, Bordelle, Entführungen gegen Lösegeld – diese waren unter Mafiosi in jenen Jahren sehr verbreitet –, und auch Mord. Bevor er mit der Justiz zusammenarbeitete, war er vor allem einer der Killer der ’Ndrangheta, regelte interne Konflikte und beseitigte Kronzeugen.

Er schilderte seinen Werdegang in einem Buch, das 2006 auf Italienisch veröffentlicht wurde und nun vom noch jungen Verlag Basset ins Französische übersetzt worden ist. Dessen Gründerin, Brünhilde Delhommeau, ehemalige Analystin mafiöser Systeme, erklärt uns ihr Projekt.

Sie haben gerade in Frankreich einen Verlag gegründet, der auf Bücher über kriminelle Organisationen spezialisiert ist. Warum?
Brünhilde Delhommeau: Wir haben den Verlag Basset im September 2024 zusammen mit meinem Mann gegründet, weil es das in Frankreich schlicht nicht gibt. Die Mafia-Analysen hierzulande sind oft eher oberflächlich – und weder Bevölkerung noch Behörden sind wirklich für das Thema sensibilisiert. Dabei ist unser Land ziemlich stark von diesem Phänomen betroffen.

Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

Wie sieht Ihr Werdegang aus?
Ich habe meine Ausbildung an der École du Louvre absolviert und dort den Geschmack für Recherche, Archivarbeit und vertiefte historische Untersuchungen entwickelt. Anschliessend habe ich meine Karriere auf die Analyse krimineller Organisationen, mafiöser Systeme und Sicherheitsfragen ausgerichtet. Dieser Werdegang hat es mir ermöglicht, ein zugleich rigoroses, konkretes und gut dokumentiertes Verständnis dieser Phänomene zu entwickeln.

Seit ihrer Gründung hat Ihr Verlag zwei Werke über die ’Ndrangheta veröffentlicht …
Das erste trägt den Titel «Dans les coulisses de la ’Ndrangheta». Es wurde von Gabriella Mara, einer italienischen Mafia-Analystin, für unseren Verlag geschrieben. Sie zeichnet die gesamte Geschichte der kalabrischen Organisation von ihren Ursprüngen bis heute nach: ihre Struktur, ihre politischen Infiltrationen und Verbindungen zur Freimaurerei, ihre Morde und ihre illegalen Geschäfte.

Das zweite Buch ist die Übersetzung eines 2006 auf Italienisch erschienenen Werks des ehemaligen Mafioso und Kronzeugen Antonio Zagari mit dem Titel «L’usure du sang». Er verfasste das von schwarzem Humor geprägte Buch in Haft, nachdem er zwischen 1970 und 1990 als einer der Killer der ’Ndrangheta in der Region Mailand aktiv gewesen war. 2004 kam er bei einem Motorradunfall ums Leben.

1975 war seine Familie an der Entführung von Cristina Mazzotti beteiligt, der Tochter eines wohlhabenden Industriellen – im Auftrag von Bossen der ’Ndrangheta. Zwei der Täter konnten dank eines Fingerabdrucks im Februar 2026 identifiziert und verurteilt werden. Die Geschichte von Antonio Zagari wurde zudem im vergangenen Sommer verfilmt und an der Mostra de Venise gezeigt.

Warum war es Ihnen wichtig, ein Buch zu veröffentlichen, das die Geschichte der ’Ndrangheta zwischen den 70er- und 90er-Jahren erzählt?
Weil dieses Zeugnis einen Blick von innen auf die Organisation gibt. Zagari beschreibt, wie die Mafia-Bosse in ihren Gebieten Angst und Schrecken verbreiten. Das ist in Kalabrien bis heute Realität, und die Struktur der Organisation hat sich kaum verändert. Neu ist vor allem ihre enorme finanzielle Macht.

Die ’Ndrangheta-Mitglieder sind heute Menschen mit einem respektablen Erscheinungsbild. Sie arbeiten als Banker oder in öffentlichen Verwaltungen. Die ’Ndrangheta gilt heute als die mächtigste Mafia der Welt mit einem enormen wirtschaftlichen Gewicht. Dank Korruption haben ihre Mitglieder teils hohe Positionen erlangt – in Frankreich sitzen einige sogar in Gemeindepolitik. Gleichzeitig laufen traditionelle Mafia-Strukturen weiter: Ehen werden zwischen Familien arrangiert, um Konflikte zu regeln oder Allianzen zu sichern, und Frauen können weiterhin gefährlich leben, wenn sie sich scheiden lassen wollen.

Welche Rolle spielt jemand im Clan, der in einer öffentlichen Verwaltung arbeitet?
Er soll Informationen beschaffen, Baugenehmigungen oder öffentliche Aufträge erhalten. Alles, was dem Clan helfen kann, seinen Einfluss und seine Macht auszubauen.

Warum nimmt man sie nicht fest?
Oft, weil das Clanmitglied im öffentlichen Amt selbst keine Straftaten begeht. Da es in Frankreich keinen Straftatbestand gibt, der die Zugehörigkeit zu einem ganzen Clan kriminalisiert, können nur diejenigen verfolgt werden, die tatsächlich Verbrechen begehen. Dazu kommt: In Frankreich fehlt oft die Ausbildung, um Mitglieder einer kriminellen Organisation überhaupt zu erkennen. Solche Ermittlungen sind entsprechend langwierig, kompliziert – und führen nicht immer zu einem Ergebnis.

Antonio Zagari lebte nahe der Schweizer Grenze, und seine Geschichte zeigt, dass er einige Kontakte mit diesem ihm so nahen Land hatte. Wie ist die Situation der Schweiz in Bezug auf die Mafia?
Sie ist stark von den Clans der ’Ndrangheta betroffen. In der Schweiz existieren mehrere sogenannte «locales» (Zellen), die sehr aktiv sind. Die Schweiz ist also kein Randgebiet für die Mafia, sondern ein strategisch wichtiger Raum.

Aber wichtig ist: Klischees greifen zu kurz. Die Schweiz ist nicht nur ein Banken-Thema. Es geht auch um Immobilien, Handelsfirmen, Logistik, Gastronomie, Teile der Baubranche sowie um Transit, Geldwäsche oder diskrete familiäre Niederlassungen. Besonders sensibel sind die Kantone an der Grenze zu Italien – aber das Phänomen beschränkt sich längst nicht auf die Grenzregionen. Die Schweizer Behörden haben in den letzten Jahren bei Zusammenarbeit und Sensibilisierung Fortschritte gemacht. Doch wie überall in Europa bleibt die grösste Herausforderung die Unsichtbarkeit, die dann entsteht, wenn Geld legal wirkt und die Akteure gesellschaftlich gut integriert sind. Die Bedrohung ist dann viel schwerer zu erkennen als sichtbare, spektakuläre Gewalt.

Welche Folgen hat die Präsenz der Mafia für normale Bürger?
Wenn sich ein mafiöses System etabliert, gibt es keine faire Behandlung der Bürgerinnen und Bürger mehr. Mafia-nahe Firmen übernehmen zum Beispiel die Abfallentsorgung, entsorgen den Müll aber statt zu recyceln illegal in der Umwelt – mit Folgen für die Gesundheit aller. Oder Sie möchten ein schönes Grundstück kaufen, um ein Haus zu bauen, bekommen es aber nicht, weil jemand aus dem Clan Vorrang hat. Oder Sie wollen in Ihrer Gemeinde ein Geschäft eröffnen, finden aber weder ein Ladenlokal zum Mieten noch zum Kaufen. In einigen kleinen Städten im Süden Frankreichs befinden sich daher alle Geschäfte im Besitz von Mitgliedern eines Mafia-Clans.

So können sie Preise diktieren und Konkurrenz ausschalten, aber auch ihr Einflussgebiet Schritt für Schritt auf umliegende Gemeinden ausdehnen. Ihre enorme Finanzkraft erlaubt es ihnen zudem weiterhin, Menschen zu kaufen – im Grunde fast jeden.

Wenn Mafiosi heute respektabel geworden sind und verantwortliche Positionen innehaben, wer übernimmt dann die Drecksarbeit, die ein Killer wie Zagari erledigte?
Die Gewalt ist nicht verschwunden; sie hat sich verlagert und professionalisiert. Innerhalb der ’Ndrangheta gibt es weiterhin junge Ausführende oder untergeordnete Mitglieder, die mit den riskantesten Aufgaben betraut sind. Aber die kriminellen Organisationen haben auch einen Teil der Drecksarbeit ausgelagert.

Einschüchterungen, Eintreibungen, Waffentransporte oder sogar Auftragsmorde werden heute oft an Netzwerke aus anderen kriminellen Gruppen ausgelagert – etwa aus Albanien, dem Balkan, Osteuropa oder Asien, je nach Gebiet und Interessenlage.

Werden Ihre nächsten Werke ebenfalls den italienischen Mafias gewidmet sein?
Das aktuell geplante Buch wird sich mit der Stidda beschäftigen (Anm. der Red.: eine Organisation aus Südsizilien, die am wenigsten bekannte und jüngste der italienischen Mafias, die 1989 bekannt wurde). Danach möchte ich mich mit lateinamerikanischen Organisationen oder solchen aus osteuropäischen Ländern befassen. Der Kern unserer verlegerischen Linie besteht darin, die besten Experten in jeder Region zu identifizieren, die Rechte zu erwerben und ihre Werke zu übersetzen. Wir hoffen, die Öffentlichkeit zumindest ein wenig für diese entscheidende Frage der Mafias zu sensibilisieren, die uns still unterwandern – aber für die meisten europäischen Länder ist es wohl bereits zu spät. (fwa)

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