In einem an Peinlichkeit kaum noch zu überbietenden Auftritt in der italienischen Tagesschau hatte der 62-jährige Gennaro Sangiuliano am Mittwochabend seine Affäre mit der 41-jährigen Maria Rosaria Boccia gestanden und seine Ehefrau unter Tränen um Entschuldigung gebeten. Auch seine Chefin, Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, bat er um Verzeihung, weil er mit seinem Verhalten sie und die ganze Regierung «in Verlegenheit gebracht» habe.
Sangiuliano räumte ein, was er in den Tagen zuvor noch vehement abgestritten hatte, nämlich dass er die blonde Hochzeitsmode-Verkäuferin Boccia zur «Beraterin für Grossanlässe» machen wollte, unter anderem für den in wenigen Tagen in Neapel und Pompeji stattfindenden G-7-Kulturgipfel.
Es war natürlich nicht die aussereheliche «affektive Beziehung» – wie Sangiuliano im TV seine Affäre mit Boccia nannte – als solche gewesen, die den Rücktritt unumgänglich gemacht hatte. Diesbezüglich ist das italienische Publikum seit Silvio Berlusconi ja einiges gewohnt. Politisch brisant war die Angelegenheit durch den Umstand geworden, dass der begründete Verdacht im Raum stand, dass für Boccia während ihrer zahlreichen Dienstreisen mit dem Minister auch Steuergeld für Spesen und Übernachtungen geflossen sei.
Hinzu kam, dass Boccia auch ohne offizielle Nominierung als Beraterin in den letzten Wochen an zahlreiche organisatorische Informationen gelangt war, so auch an vertrauliche.
Boccia hatte ausserdem ihre Chats mit Sangiuliano gespeichert und Gespräche mit einer Spezialbrille aufgenommen – und bis heute weiss in Rom niemand so genau, was sich da alles an Pikantem, Peinlichem und Politischem auf ihrem Computer angesammelt hat. Sie behauptete jedenfalls am Tag nach Sangiulianos TV-Beichte, der Minister sei erpressbar – nicht durch sie, sondern durch andere, nicht näher spezifizierte Personen.
Zunächst hatte Regierungschefin Meloni einen Rücktritt von Sangiuliano noch abgelehnt – spätestens gestern Freitag wurde es aber offensichtlich, dass der Minister nicht mehr zu halten war. In einem Brief an Meloni, den er auch an die Medien schickte, hat Sangiuliano am Freitagabend seinen «unwiderruflichen Rücktritt» erklärt.
Der parteilose Journalist Sangiuliano, der in jungen Jahren der Jugendorganisation des neofaschistischen Movimento Sociale Italiano angehörte, hatte sich vorgenommen, die «kulturelle Hegemonie der Linken» in Italien zu brechen und durch ein neues, national-konservatives Narrativ zu ersetzen. Zusammen mit Meloni hat er dafür gesorgt, dass zahlreiche Führungspositionen in den italienischen Kulturorganisationen mit politischen Freunden besetzt wurden; auch die meisten Schlüsselstellen beim Staatssender RAI, bei dem Sangiuliano früher selbst gearbeitet hatte, wurden mit linientreuen Kadern besetzt. Kritische Stimmen beim Staatssender, wie der Schriftsteller und Faschismus-Experte Antonio Scurati, wurden zensiert.
Von einer neuen, rechten Deutungshoheit, von der von Sangiuliano angekündigten «Revolution», ist zwei Jahre nach dem Amtsantritt der Rechtsregierung freilich noch nicht allzu viel zu sehen, wie auch rechte Intellektuelle einräumen. Letztlich fehlte es Sangiuliano an Format und auch an einem ernsthaften Projekt sowie einer kulturellen Vision - es reicht eben nicht, einfach ein paar Führungsposten auszutauschen und dem Staatssender einen Maulkorb umzuhängen.
Zudem stolperte der Minister von einem Fettnäpfchen zum nächsten – zum Beispiel verplapperte er sich als Jurymitglied des wichtigsten Buchpreises in Italien und liess durchblicken, dass er keines der Bücher gelesen habe. Die Affäre mit der blonden Hochzeitsmode-Verkäuferin war nur noch der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte – die Revolution ist in einer Farce geendet. (aargauerzeitung.ch/lyn)