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terror ferdinand von schirach

Freispruch oder Schuldspruch? Florian David Fitz als allzu autonom handelnder Kampfpilot Lars Koch. Bild: degeto

Kommentar

It's Fucking Fiction! Das Problem mit «Terror», dem TV-Event von ARD, SRF und ORF

Am nächsten Montag ist es so weit: Millionen von TV-Zuschauern dürfen darüber abstimmen, ob ein Kampfpilot des 164fachen Mordes schuldig gesprochen werden muss oder nicht.



55 Prozent waren für den Freispruch von Lars Koch. Dem Mann, der ein entführtes Flugzeug über München abgeschossen und damit alle 164 Passiere getötet hatte. Weil der Entführer damit gedroht hatte, mit dem Flugzeug in die Allianz-Arena zu fliegen und 70'000 Menschen zu töten. 55 Prozent sprachen ihn also frei. Obwohl er nach deutschem Strafrecht ein Verbrechen begangen hatte. 

Der Freispruch geschah allerdings nicht in einem Gericht, sondern am Deutschen Theater in Berlin. Bei den 55 Prozent handelt es sich um 255 der 462 Zuschauer, der ganze Gerichtsprozess heisst «Terror» und ist ein Theaterstück des Juristen und Bestsellerautors Ferdinand von Schirach.

So sieht «Terror» im Theater aus

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terror von schirach im theater
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Hätten die Zuschauer für Kochs Verurteilung gestimmt, hätte das Stück einen andern Ausgang genommen. Inszeniert waren zwei unterschiedliche Ausgänge. Und da Zuschauer sowieso nichts anderes tun als den Menschen vor sich beim Sprechen zuzuschauen, wurden sie flugs in Geschworene verwandelt.

Ein Gerichtssaal und ein Theater sind sich gar nicht so unähnlich.

Jetzt wird «Terror» zum TV-Event. ARD, SRF und ORF beschäftigen sich am Abend des 17. Oktobers mit nichts anderem: Zuerst kommt die Filmfassung des Stücks bis vor der Urteilsfindung durch die TV-Zuschauer, dann gibt es eine nachdenkliche, von Diskussionen gefüllte Pause, dann wird das zum Urteil passende Ende des Films gezeigt. Danach geht's weiter mit noch nachdenklicheren Diskussionen, Jonas Projer auf SRF, Frank Plasberg in der ARD, Peter Resetaris im ORF, dazu Experten ohne Ende.

TV-Event «Terror»: Das sind die Beteiligten

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terror von schirach
quelle: paulus ponizak / paulus ponizak
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Es wird in allen Medien Strassenumfragen hageln und Polls, und es steht zu befürchten, dass die Freispruchquote weit höher ausfällt als im Theater. Und dass dadurch ein medial fabriziertes Urteil über einen fiktiven Fall, der so noch nie eingetreten ist, als Wahrheit in unseren Alltag einsickert.

«Die Zivilisten sind zum Teil einer Waffe geworden. Der Waffe des Terroristen. Der Terrorist hat das Flugzeug in seine Waffe verwandelt. Und gegen diese Waffe musste ich kämpfen.»

Lars Koch, der Angeklagte, in «Terror»

Denn das ist der Unterschied: Wenn wir ins Theater gehen, begeben wir uns bewusst in einen Ausnahmezustand. Wir gehen in einen dunklen, geschlossenen Raum, der entweder einen tiefen Schlaf oder ungestörte Konzentration erlaubt. Dort sehen wir «Terror», ein Courtroom-Drama, ein enorm sprödes Stück, das von zwei Dingen lebt: Vom leichten Thrill, dass wir mitentscheiden dürfen (obwohl, welches Theater ist heute noch ohne Mitmach-Elemente) und von Ferdinand von Schirachs Liebe zur nüchternen Auslegeordnungen der Dinge, die über Leben und Tod entscheiden.

Terror - Ihr Urteil

Schwierige Entscheidung: Martina Gedeck als Staatsanwältin

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Frau Staatsanwältin (Martina Gedeck) gibt alles für die Demokratie. Bild: SRF/ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung

Von Schirach ist der König der Kühle, der Anwalt, der irgendwann begann, seine spektakulärsten Fälle zu Kurzgeschichten («Verbrechen», «Schuld») umzuschreiben, ohne sie zu beurteilen. Die Ausbreitung der Faktenlage und deren juristische Interpretationsmöglichkeiten ist seine Kunst.

Trailer zu «Terror»

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Video: YouTube/DeinKinoticket.de

In «Terror» zeigt er jedoch keinen realen Fall, sondern ein Schulbuchbeispiel für angehende Juristen, und als wären wir seine Studenten, dekliniert er dieses nun mit uns durch. Fragt, ob es nicht doch die Möglichkeit gegeben hätte, den Terroranschlag ohne Kochs Attacke abzuwenden, und ob Koch auch geschossen hätte, wenn seine Frau und sein Kind im Flugzeug gesessen hätten.

Er lässt Koch numerisch argumentieren, mit reinen Zahlen, nicht mit Emotionen. Lässt eine Nebenklägerin auftreten, deren Mann mit im Flugzeug sass. Sie musste einen leeren Sarg beerdigen. Und über alle dem ist die Eindeutigkeit des Gesetzes.

terror ferdinand von schirach

Die Geschworenen sind wir. Bild: degeto

Das ist alles sehr smart, und wenn man sich auf den Text einlässt ist sehr bald klar, dass «schuldig» das einzige Urteil sein kann. Die Gefühle allerdings und das subjektive Gerechtigkeitsempfinden neigen zum Gegenteil. Im Theater fast immer und vor dem Fernseher sowieso.

Der Fernseher ist kein Ausnahmezustand, kein reflexiver Metaraum, der ist ein Alltagsmöbel.

Was im Fernsehen geschieht, machen wir automatisch zu Alltag und verhalten uns entsprechend. Trinken Bier und essen Snacks, sind auf Twitter oder Instagram, gehen schnell abwaschen, bügeln, müssen aufs Klo, der Nachbar klingelt, die Katze kommt, das Kind will was, das Liebesleben ist eh sehr viel interessanter. 

Und da sollen die Zuschauer fähig sein, ein Urteil zu fällen, das die Grundlagen der Demokratie, in der sie leben, nicht total in Frage stellt? Hoffen wir also auf die Diskussionen. Auf die «Arena spezial» auf SRF. Auf «Hart aber fair» in der ARD. Darauf, dass sie alles auseinanderdröseln, was vorher so frivol vermanscht wurde.

«Wenn Terroristen uns bedrohen, müssen wir dann aufrüsten? Müssen wir uns schützen? Oder müssen wir aufpassen, dass wir aus lauter Angst unsere Freiheit und unseren Rechtsstaat nicht gleich selbst aufgeben?», fragt allerdings Jonas Projer im Teaser für den 17. Oktober. Frag doch nicht so dumm, möchte man ihm entgegenschreien, it's fucking fiction!

«Terror – Dein Urteil»: Mo, 17. Oktober, 20.15 Uhr auf SRF2, ARD und ORF2. SRF2 sendet davor, dazwischen und danach eine «Arena spezial».

Am 13. Oktober erscheint ein mehrseitiges Interview mit Ferdinand von Schirach zu «Terror» in der «WochenZeitung» (WoZ).

Die SRF-«Tagesschau»-Moderatoren seit den 60er Jahren:

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Die SRF-«Tagesschau»-Moderatoren seit den 60er Jahren:
quelle: srf.ch / srf.ch
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