Weniger als drei Monate vor den US-Präsidentschaftswahlen plaudern die engsten Verbündeten der Kandidaten normalerweise nicht mehr aus dem Nähkästchen. Doch Mark Buell, der mit Kamala Harris in den vergangenen Jahrzehnten durch dick und dünn gegangen ist, ist an diesem Abend in San Francisco in Plauderlaune.
Buell, 81, ist einer jener wohlhabenden, einflussreichen Männer, die man auf seiner Seite braucht, wenn man es in den USA politisch zu etwas bringen will. Beim Cheeseburgeressen habe sie ihm erzählt, dass sie Bezirksstaatsanwältin von San Francisco werden wolle, so Buell. Er sei da und werde alles tun, um zu helfen, sei seine Reaktion gewesen. Anfang der 2000er-Jahre war das der Beginn der steilen Karriere von Kamala Harris.
An einem Mittwochabend, knapp ein Vierteljahrhundert später, sitzt Buell zusammen mit drei Wegbegleiterinnen der demokratischen Präsidentschaftskandidatin in Manny's Café in San Francisco. Der charismatische Inhaber und Namensgeber des Etablissements hat hier eine Art Refugium für Demokraten geschaffen – das «Manny's» ist das blaue Zentrum einer tiefblauen Stadt eines tiefstblauen Bundesstaates. Demokratische Grössen kommen regelmässig vorbei, auch Harris selbst war schon mehrfach da.
Gut Hundert Leute sind gekommen. Fast alle sind jung und, seit Joe Biden das Handtuch geworfen und Kamala den Vortritt gelassen hat, geradezu euphorisiert. Harris, die einen Steinwurf entfernt in Oakland zur Welt kam und später nach San Francisco zog, hat der Demokratischen Partei besonders an der Basis neues Leben eingehaucht. Das ist hier in ihrer Heimat besonders gut zu spüren.
Buell, ein freundlicher, weisshaariger und weissbärtiger Mann, lehnt in seinem Sessel und berichtet von der einen Frage, die Harris vor rund fünfzehn Jahren besonders umgetrieben habe: «Wie finde ich in dieser Stadt eigentlich einen Mann?»
Den Rest hatte die Tochter einer indischen Biologin und eines jamaikanischen Ökonomen zu dieser Zeit perfekt in die Spur gebracht: Als aufstrebende Strafverfolgerin kam Harris um die Jahrtausendwende herum nach San Francisco und kandidierte kurz darauf für das Amt der Bezirksstaatsanwältin. Anders als in der Schweiz und im Rest Europas steht vor einem solchen Amt ein Wahlkampf. Harris, damals Ende 30, führte ihn knallhart und gewann – als erste Farbige in der kalifornischen Stadt überhaupt. 2010 gewann sie sogar die Wahl zur Generalstaatsanwältin von Kalifornien.
Nur die Sache mit dem Mann hatte sie noch nicht geklärt. Also wandte sie sich an ihren Freund Buell, der direkt einen Rat parat gehabt habe, wie er erzählt: «Beim Golfen triffst du welche», habe er ihr gesagt.
Und weiter: «Wenn du den Charakter von jemandem in Erfahrung bringen willst, spiele Golf mit ihm.» Daraufhin habe Kamala eine Golflektion genommen. Dabei sei es aber dann geblieben – Golf sei nicht wirklich ihr Ding gewesen, verrät Buell.
Als Harris ihren späteren Mann Doug Emhoff traf und herausfinden wollte, wie er tickt, kam sie dennoch auf Buells Ratschlag zurück: «Nimmst du ihn mit zum Golf spielen?», habe sie Buell gebeten. Also ging er mit Emhoff auf den Platz – und wusste später nur Gutes zu berichten: «Doug ist der Beste», war sein Fazit.
Mit dem 59-jährigen Emhoff ist Harris seit zehn Jahren verheiratet. Der Anwalt aus New York brachte zwei Kinder mit in die Ehe. Von republikanischer Seite wurde Harris deswegen mehrfach angegriffen – denn es sind nicht ihre eigenen. Vize-Kandidat JD Vance klagte, dass das Land von «kinderlosen Katzenladys» regiert werde – und meinte damit ausdrücklich auch Harris.
«Kamala liebt Kinder», sagt Debbie Mesloh. Die Politikberaterin hat Harris während des Wahlkampfs zur Generalstaatsanwältin sowie zur Senatorin eng begleitet. Im «Manny's» in San Francisco berichtet sie: «Kamala wollte immer eigene Kinder, doch das Leben wollte nicht so wie sie.»
Es ist nicht die einzige persönliche Geschichte, die an diesem Abend zum Besten gegeben wird. Sicher aber die amüsanteste. Denn die anderen gehen ans Herz. Besonders die von Lateefah Simon.
Die 47-Jährige aus San Francisco kandidiert aktuell fürs Abgeordnetenhaus. Vor gut zwei Jahrzehnten half sie traumatisierten Frauen und Mädchen aus schwierigen Verhältnissen. Zu dieser Zeit lernte sie Kamala Harris kennen. Die damalige Bezirksstaatsanwältin wollte eine Taskforce gründen, um diesen jungen Menschen zu helfen, und Simon dafür ins Boot holen.
Simon erzählt von einem 14-jährigen Mädchen, schwanger vom Freund der drogensüchtigen Mutter, das sie zu einem Treffen mit Harris mitnahm. Skeptisch seien sie gegenüber Harris gewesen, schliesslich sei sie Strafverfolgerin gewesen. «Doch was sie als Nächstes tat, dafür werde ich sie für immer lieben», sagt Simon. «Kamala hielt ihr Gesicht mit beiden Händen und küsste sie auf die Stirn.» In diesem Moment habe sie gewusst, wer Kamala Harris wirklich sei, sagt sie und wischt sich – nicht als einzige im Raum – eine Träne von der Wange.
Harris kann Emotionen wecken, das ist die Botschaft ihrer Wegbegleiterinnen. Dass sie die nötige Durchsetzungskraft hat, um Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl zu schlagen, versichert Debbie Mesloh im persönlichen Gespräch.
Bei früheren Wahlkämpfen habe sie das bewiesen - aber vor allem auch in den entscheidenden 48 Stunden, nachdem Joe Biden seinen Rückzug verkündet hatte. «Sie war entschieden und wusste, dass sie schnell eine Koalition aus Leuten von der Parteispitze, aber auch von der Parteibasis bilden muss, die sie unterstützen. Das sind Qualitäten, die ich während der fünfzehn Jahre, in denen ich mit ihr zusammenarbeitete, immer wieder gesehen habe», sagt Mesloh.
Joe Biden habe Harris ebenfalls direkt unterstützt. «Er hat sie auf der Weltbühne mit Staatschefs erlebt und weiss, dass sie bereit für das Amt ist», sagt sie. Harris' Einstellung sei nie «als Vizepräsidentin bin ich gesetzt» gewesen, sondern immer: «Ich will mir das verdienen». Diese Haltung sei ein Wesensmerkmal der Frau, die in wenigen Wochen ins höchste Amt des Staates gewählt werden könnte. (bzbasel.ch)
Harris: ich will mir das Amt verdienen.
Trump: Ich will im Amt verdienen.
Obendrein benötigt man noch einen adäquaten Erzeuger bzw. Partner.
Es gibt Ausnahmesituationen, allerdings nicht für jede. So ist das Leben und niemand hat das Recht, deswegen über eine Frau zu urteilen