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Kritik in TV-Shows – drastischer Wandel in der russischen Info-Sphäre?

Auch in der kremlnahen Talkshow «Abend mit Wladimir Solowjew» werden kritische Äusserungen zum Krieg zugelassen.
Auch in der kremlnahen Talkshow «Abend mit Wladimir Solowjow» werden kritische Äusserungen zum Krieg zugelassen.bild: rossija 1

«Drastischer Wandel» – der Ton in der russischen Info-Sphäre schlägt um

Seit den russischen Niederlagen in Charkiw und Lyman haben auch regierungstreue Propagandashows Kritik an der Führung der «Spezialoperation» geäussert. Experten sprechen von einem «drastischen Wandel» in der russischen Info-Sphäre.
03.10.2022, 14:2704.10.2022, 06:02
Carl-Philipp Frank
Carl-Philipp Frank
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Der Verlust der strategisch wichtigen Stadt Lyman sowie die zahlreichen Reibungen der Teilmobilisierung haben eine Verschiebung des Narrativs in der russischen Informationssphäre ausgelöst. Seit neustem üben auch Gäste in Kreml-gesponserten TV-Shows Kritik. Ein häufig diskutierter Knackpunkt ist, dass Putin die vier umkämpften Regionen formell annektiert hat, bevor sie militärisch vollständig gesichert wurden.

Video: twitter/JuliaDavisNews

Der Kolumnist Maxim Jusin kritisierte auf NTV direkt, dass Putin sich Gebiete «einverleibt», die Russland nicht kontrolliert: «Ich kann mich an keinen solchen Präzedenzfall in der Weltgeschichte erinnern». Und er nannte diejenigen, die Saporischschja «befreien» wollen, «Träumer». NTV gehört zur Kreml-nahen Gazprom Media Group.

Nach «Milbloggern» kritisieren nun auch Mainstream-Medien

Dass sich staatlich gesponserte Medien negativ zum Verlauf des Krieges äussern, ist neu. Bislang waren sogenannte «Milblogger» die einzige Quelle für ansatzweise unabhängige Berichterstattungen in Russland.

«Isjum, Balaklija, Lyman – warum hat verdammt nochmal niemand etwas getan? Warum habt ihr euch nicht acht Monate lang vorbereitet?»

«Milblogger» sind private Kommentatoren, die ihre Gedanken und Analysen mehrheitlich über Telegram verbreiten. Sie haben oftmals selber einen militärischen Hintergrund und äussern, im Gegensatz zu den klassischen Medien, auch kritische Meinungen. Bislang liess Putin sie gewähren. Dies liegt vor allem daran, dass sie trotz ihrer Kritik dem Kreml nah stehen und sich klar für die russische Seite aussprechen. Das «Institute for the Study of War» (ISW) vermutet zudem, dass Putin sie im Falle einer Niederlage als Sündenböcke verwenden will.

Der Ton in diesen Telegram-Kanälen ist bisweilen rau. So schimpft die Blog-Journalistin Anastasija Kascherowa: «Isjum, Balaklija, Lyman – warum hat verdammt nochmal niemand etwas getan? Warum habt ihr euch nicht acht Monate lang vorbereitet?» Und: «Wo ist der Nachschub, wo ist der Armata [der hochmoderne Kampfpanzer der russischen Armee], wie konnte das alles passieren?» Auf dem Kanal «WehearfromYanina» heisst es: «Ja, 70 % unserer russischen Armee sind völlig unausgebildete Idioten. Ja, unsere Armee lebt seit Jahrzehnten in einer tief gestaffelten Lüge.»

Nun kommt dieser Ton langsam, wenn auch um einiges gesitteter, auch in den Mainstream-Medien an. Die russischen Kreml-Propagandisten sind, nebst den militärischen Rückschlägen, enttäuscht über die vielen Fehler bei der Teilmobilisierung. Gemäss dem ISW äusserte sich ein Gastsprecher in der regierungsnahen Talkshow «Abend mit Wladimir Solowjow»: Der Alkoholismus sei ein grosses Problem unter den Einberufenen. Und aufgrund der mangelhaften Ausbildung und Ausstattung der Reservisten sei man nicht sicher, ob die Mobilisierung wirklich einen entscheidenden Einfluss habe. Solowjow gilt als Propagandist und steht auf der EU-Sanktionsliste.

Tatsächlich haben die Berichte über die Verluste in Charkiw und Lyman bei der Bevölkerung Unsicherheit geschürt. Man wolle nicht auf das Schlachtfeld geschickt werden, um Fehler auszubügeln. Gemäss einer Studie des «Levada Center», einer unabhängigen russischen Umfrage-Agentur, sorgen sich 50 Prozent der russischen Bevölkerung, dass es zu einer vollen Mobilmachung kommt. Im Februar 2022 war diese Zahl noch verschwindend klein.

Informations-Sphäre vital für Putin

Im Vergleich zu den sowjetischen Repressionen steht Wladimir Putin eher zahm da. Er hatte den internen Oppressions-Apparat nie auf die Stufe von KGB, Geheimpolizei und Co. ausgebaut. Umso wichtiger ist für ihn die Kontrolle über die russische Medienlandschaft. Zwar war lange Zeit der Zugang zum Internet für Russen uneingeschränkt, auch Telegram wurde, trotz Drohungen seinerseits, die App zu verbieten, falls die Betreiber keine staatlichen Kontrollen zuliessen, nicht angefasst. Stattdessen vertraute der Kreml auf die öffentlichen Medien. Journalisten, TV-Hosts und -Gäste wurden angehalten, keine negative Berichterstattung zur «Spezialoperation» durchzuführen.

Seit März ist nun ein Gesetz in Kraft, welches ein «Diskreditieren» der Armee mit bis zu 15 Jahren Haft ahndet. Daher ist es umso erstaunlicher, dass sich die Medien nun offen kritisch äussern.

Auch prominente Putin-Freunde äussern sich negativ

Am Samstag hat Ramsan Kadyrow, der Präsident der russischen Republik Tschetschenien, das Lyman-Debakel und Aleksandr Lapin, den Kommandanten der Offensive, aufs Äusserste kritisiert. Ausserdem verlangte er den Einsatz von kleinen nuklearen Waffen, um die annektierten Republiken vollständig einzunehmen. Jewgeni Prigoschin, enger Vertrauter Putins und Gründer der berüchtigten «Wagner»-Gruppe, bejahte die Aussagen Kadyrows. Die Armeeführung solle «barfuss und mit Maschinengewehren an der Front kämpfen».

Gemeinsam haben die Statements das Narrativ, welches die Verluste um Lyman gedämpft und verharmlost hatten, zerschlagen. Dass die russischen Mainstream-Medien beide umgehend aufgenommen, diskutiert und somit in die Wohnzimmer der Bevölkerung gebracht haben, zeigt gemäss ISW einen «drastischen Wandel» in der russischen Info-Sphäre. Der ehemalige Kommandant des südlichen Militärdistrikts, Andrej Guruljow, ging sogar so weit, dass er, zu Gast in einer Talkshow, die Armee als «ein System aus Lügen, von oben bis unten» bezeichnete. Bevor er weiter erläutern konnte, brach seine Verbindung auf mysteriöse Art und Weise ab.

Video: twitter/JuliaDavisNews

Die Kritik an General Lapin ist, ob gewollt oder nicht, auch indirekt eine Kritik an Putin. Dieser hatte noch im Juni sein volles Vertrauen in Lapin geäussert. Putin und seine Vertrauten sind üblicherweise äusserst still, wenn es um die Qualitäten ihrer militärischen Führer geht. Darum sind Kadyrows und Prigoschins Äusserungen umso ungewohnter.

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168 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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s'Paddiesli
03.10.2022 15:04registriert Mai 2017
"Der Alkoholismus sei ein grosses Problem"

Dann schlage ich vor, dass Kiew die besetzten Gebiete mit Containern an Fallschirmen voller Wodka runterlässt.
Die Russen erledigen den Rest dann selber. 🤭
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Scrat
03.10.2022 15:01registriert Januar 2016
Kann man Kadyrow bitte ein solches Nuklearbömbchen in den Allerwertesten schieben und dort zünden?
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Macca_the_Alpacca
03.10.2022 14:32registriert Oktober 2021
Da wackelt nicht nur das Kreml-Narrativ sondern leider auch so manche Schraube.
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