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43 Studierende in Mexiko getötet – Ex-Generalstaatsanwalt festgenommen

Dutzende Menschen wurden im September 2014 in Mexiko verschleppt und getötet. Nun gab es in dem Fall eine Festnahme.
20.08.2022, 07:55
Ein Artikel von
t-online

Im Fall der 43 verschwundenen Studierenden in Mexiko ist der frühere Generalstaatsanwalt Mexikos verhaftet worden. Die Polizei habe einen Haftbefehl gegen den ehemaligen Top-Ermittler vollstreckt, teilte die Generalstaatsanwaltschaft am Freitag mit.

Jesús Murillo Karam war 2014 für die ersten Ermittlungen in dem Fall verantwortlich. Erst am Donnerstag hatte eine Wahrheitskommission den Behörden vorgeworfen, damals Beweise gefälscht zu haben, um die Wahrheit zu vertuschen.

Festnahme des ehemaligen Generalstaatsanwalts: 43 Menschen wurden für tot erklärt.
Festnahme des ehemaligen Generalstaatsanwalts: 43 Menschen wurden für tot erklärt.Bild: shutterstock

Zeugen sollen gefoltert worden sein

Murillo Karam werden Verschwindenlassen von Menschen, Folter und Vergehen gegen die Justizverwaltung vorgeworfen, wie es in der Mitteilung weiter hiess. Murillo wurde an seinem Wohnsitz in Mexiko-Stadt festgenommen, er habe keinen Widerstand geleistet.

Den ersten Ermittlungen unter seiner Leitung zufolge waren die Studierenden getötet und in einer Müllkippe verbrannt worden. Diese These wurde später von unabhängigen Experten verworfen. Zudem sollen Zeugen gefoltert worden sein.

Nur Stunden nach der Festnahme gab die Staatsanwaltschaft ausserdem Haftbefehle gegen 44 Polizisten, 20 Angehörige der Streitkräfte sowie 14 Mitglieder der Drogenbande Guerreros Unidos bekannt. Ihnen wird eine Verwicklung in das Verschwinden der Studenten im Jahr 2014 zur Last gelegt, das weltweit für Schlagzeilen und Entsetzen gesorgt hatte.

Familien und Verwandte der verschwundenen Studierenden an einer Demonstration am 26. Juni 2022 in Mexiko City.
Familien und Verwandte der verschwundenen Studierenden an einer Demonstration am 26. Juni 2022 in Mexiko City.Bild: keystone

Studierende waren auf dem Weg zu einer Demo

Die 43 Studierenden eines linksgerichteten Lehrerseminars im südmexikanischen Ayotzinapa waren in der Nacht zum 27. September 2014 nahe der Stadt Iguala im Bundesstaat Guerrero verschwunden, als sie auf dem Weg zu einer Demonstration in Mexiko-Stadt waren. Bis heute sind nur die sterblichen Überreste von drei Opfern identifiziert worden.

Der damals zuständige Generalstaatsanwalt Murillo Karam gilt als Architekt der «historischen Wahrheit», der 2015 unter dem damaligen Präsidenten Enrique Peña Nieto vorgelegten offiziellen Erklärung zu den Hintergründen der Tat. Demnach waren die Studierenden von korrupten Polizisten verschleppt und an die Drogenbande Guerreros Unidos ausgeliefert worden. Bandenmitglieder sollen die Studierenden für Angehörige eines verfeindeten Kartells gehalten, ermordet und die Leichen verbrannt haben.

Familien zweifeln Ermittlungen an

Die Familien der Studierenden und unabhängige Experten der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte zweifeln die offiziellen Ermittlungsergebnisse aber an. Eine 2019 von Nietos Nachfolger Andrés Manuel López Obrador ins Leben gerufene Wahrheitskommission kam in einem am Donnerstag vorgelegten Bericht zu dem Schluss, dass auch Soldaten eine Mitschuld am Verschwinden der Studierenden tragen.

«Ihre Taten, Unterlassungen oder Beteiligung ermöglichten das Verschwinden und die Hinrichtung der Studierenden sowie die Ermordung von sechs weiteren Menschen», sagte der Leiter der Wahrheitskommission Ayotzinapa, Alejandro Encinas, bei der Vorstellung des Berichts. Er sprach von einem «Staatsverbrechen».

Partei PRI: Karams Festnahme ist politisch motiviert

Präsident López Obrador forderte daraufhin, die Wahrheit müsse bekannt und die Verantwortlichen müssten «bestraft» werden. Der Staatschef hatte bereits im März gesagt, es gebe Ermittlungen gegen Marinesoldaten. Diese sollen bei Ermittlungen Beweise manipuliert haben, insbesondere auf einer Müllkippe, auf der menschliche Überreste gefunden worden waren.

Wahrheitskommissionschef Encinas sagte am Donnerstag ausserdem, die Streitkräfte hätten einen Soldaten in das Lehrerseminar von Ayotzinapa eingeschleust. Der Soldat habe über die Aktivitäten der Studierenden berichtet. Sein Aufenthaltsort ist seit dem Verschwinden der Studierenden ebenfalls unbekannt.

Ex-Generalstaatsanwalt Murillo Karam galt einst als Schwergewicht der Partei PRI, die Mexiko bis ins Jahr 2000 mehr als 70 Jahre lang ununterbrochen regiert hatte. Die Partei bezeichnete seine Festnahme am Freitag als politisch motiviert.

((dpa,AFP,lw))

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