Das passiert gerade in Syrien – in 5 Punkten
Mehr als ein Jahr nach dem Sturz von Langzeitmachthaber Baschar al-Assad kommt Syrien noch immer nicht zur Ruhe. Regierungstruppen liefern sich mit den kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) Kämpfe um Macht, Einfluss und Gebietskontrolle in Nord- und Ostsyrien. Nun gibt es erneut einen Waffenstillstand. Was passiert dort gerade? Ein Überblick.
Die Kämpfe der vergangenen Tage und Wochen
In den vergangenen Wochen ist es immer wieder zu Gefechten zwischen Truppen der Übergangsregierung und den kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) im Norden und Nordosten Syriens gekommen. Die Übergangsregierung unter Interimspräsident Ahmed al-Scharaa setzt dabei mittlerweile militärisch durch, was auf anderem Wege nicht umgesetzt werden konnte: Die Regierung will die Gebiete, die bisher unter kurdischer Selbstverwaltung standen, unter ihre Kontrolle bringen.
Nach dem Sturz von Langzeitmachthaber Baschar al-Assad Ende 2024 hatte sie sich zum Ziel gesetzt, das Land nach Jahren der Spaltung zu einen. Ein Grossteil des Landes steht bereits unter staatlicher Kontrolle. Es fehlen aber noch die Gebiete der kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten. Dort liegen auch die meisten Ölfelder Syriens. Sie sind wirtschaftlich entscheidend für das Land. Eigentlich hatte sich die Regierung bereits mit der kurdischen Führung auf eine Eingliederung geeinigt. Ein Abkommen dazu wurde jedoch nie wirklich umgesetzt.
In einer Offensive rückten die Regierungstruppen nun immer weiter vor und haben die Kontrolle über mehrere dieser Provinzen für sich gewonnen. Die SDF sahen sich gezwungen, immer mehr ihrer Stellungen aufzugeben.
Die Situation der IS-Lager
Sorge bereitet dabei vor allem die Situation in und um Lager und Gefängnisse für Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) oder deren Angehörige. Diese liegen in den derzeit umkämpften Gebieten. Die SDF hatten im syrischen Bürgerkrieg vor allem mit einer von den USA angeführten Koalition gegen den IS gekämpft. Mit dem militärischen Sieg gegen die Terrormiliz wurden ihre Kämpfer und auch deren Familienangehörige in Lagern im Nordosten festgesetzt, um ein Wiedererstarken zu verhindern. Die Lager wurden von den SDF bewacht und verwaltet.
Mit den neuen Kämpfen kam es auch zu Ausbrüchen von IS-Gefangenen. Durch den Vormarsch der Regierungstruppen und mit ihnen verbündeten Gruppen sahen sich die SDF schliesslich gezwungen, die Kontrolle über das grösste Lager – das al-Hol-Lager – für Angehörige von IS-Kämpfern in Syrien aufzugeben und sich von dort zurückzuziehen.
Die Armee erklärte, nach dem SDF-Abzug in das Gebiet vorzurücken und für Stabilität zu sorgen. Sie verstehe sich als «Festung für alle Syrer». Wie sich die Lage an den Lagern und Gefängnissen weiter entwickelt, bleibt abzuwarten.
Sorge vor Wiedererstarken der Terrormiliz
Im al-Hol-Camp sind Tausende Angehörige von IS-Kämpfern untergebracht – vor allem Frauen, Kinder und Jugendliche. Das Lager gilt zwar offiziell nicht als Gefängnis, wird von Bewohnern aber oft als solches beschrieben. Freiwillig verlassen können sie das Lager nicht. Schon seit langem besteht die Sorge, dass hier die neue Generation der Terrororganisation heranwächst.
Verantwortlichen im Camp zufolge übt der IS dort weiterhin Einfluss auf die Bewohner aus, stiftet zu Morden oder Angriffen an. Bewohner leben nach eigenen Aussagen in einer Art rechtsfreiem Raum. Menschenrechtsorganisationen beklagen immer wieder auch die katastrophalen humanitären Bedingungen, unter denen die Menschen dort leben. Es besteht die Sorge, der IS könnte die jüngsten Entwicklungen ausnutzen und zu neuer Stärke gelangen.
Neuer Waffenstillstand zwischen SDF und Übergangsregierung
Nachdem ein Waffenstillstand vom Sonntag für gescheitert erklärt wurde, einigten sich beide Seiten am Dienstagabend erneut darauf, die Kämpfe einzustellen. Der Waffenstillstand soll zunächst für vier Tage gelten. In der Zeit sollen die SDF einen Plan ausarbeiten, wie sie ihre Institutionen weiter in die staatliche Ordnung eingliedern können.
Die Übergangsregierung stellte den SDF auch in Aussicht, Kandidaten für zentrale staatliche Positionen benennen zu können, darunter das Amt des stellvertretenden Verteidigungsministers.
Die Rolle der USA
Die USA sehen für die Kurden in Syrien eine «grosse Chance» zur Integration in einen geeinten syrischen Staat «mit Bürgerrechten, kulturellem Schutz und politischer Teilhabe», wie der US-Sondergesandte Tom Barrack auf X mitteilte. Die SDF zählten in Syrien zu den wichtigsten Verbündeten der USA im Kampf gegen den IS.
Der ursprüngliche Zweck der SDF, als primäre Anti-ISIS-Truppe vor Ort zu fungieren, habe ausgedient, schrieb Barrack. Damaskus sei nun sowohl bereit als auch in der Lage, die Sicherheitsverantwortung zu übernehmen – einschliesslich der Kontrolle über IS-Haftanstalten und -Lager.
Die SDF ihrerseits riefen die von den USA angeführte internationale Koalition im Zuge der Kämpfe mehrfach dazu auf, nicht wegzusehen. (sda/dpa)
