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Europa überlegt, im Notfall Öl-Reserve anzuzapfen

Oberrirdisches Mineralöllager in Wilhelmshaven in Norddeutschland.
Oberrirdisches Mineralöllager in Wilhelmshaven in Norddeutschland.bild: jörg sarbach

Gut gesichert in unterirdischen Kavernen: Europa überlegt, Öl-Reserve anzuzapfen

Wegen des Kriegs im Iran geraten die Märkte in Turbulenzen. Das Anzapfen der strategischen Öl-Reserven könnte für Beruhigung sorgen – oder genau das Gegenteil bewirken.
10.03.2026, 19:5010.03.2026, 19:50
Remo Hess, Brüssel / ch media

90 Tage – so lange würde Europas strategische Reserve reichen, falls es wegen des Iran-Kriegs zu einem globalen Öl-Engpass käme. EU-Regeln sowie Vereinbarungen im Rahmen der Internationalen Energieagentur (IEA) verpflichten die europäischen Staaten, einen Notvorrat anzulegen.

Auch die Schweiz betreibt verschiedene Pflichtlager. Laut Angaben des Bundesamtes für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) könnte der Bedarf so für bis zu viereinhalb Monate gedeckt werden. Gegenwärtig sei die Versorgung der Schweiz mit Mineralölprodukten aber sichergestellt, so das BWL auf Anfrage.

Doch wie lange noch? In Europa wird jedenfalls bereits diskutiert, die Öl-Reserve anzuzapfen. Am Montag erklärten die Finanzminister der westlichen G7-Staaten, man werde «alle notwendigen Massnahmen» ergreifen und notfalls auch die Ölreserven mobilisieren.

Märkte beruhigen – oder gerade erst in Aufregung versetzen?

Die G7 verfügen über rund 1,4 Milliarden Barrel Rohöl. Würden sie 300 bis 400 Millionen davon freigeben, wäre das ein starkes Signal an den Markt – mit potenziell dämpfender Wirkung auf die Preise.

Allerdings besteht das Risiko, dass auch genau das Gegenteil passieren würde. Die Marktteilnehmer könnten den Rückgriff auf die Reserven so deuten, dass die Ölkrise nun definitiv ausgebrochen ist. Es käme dann zu Hamsterkäufen und einem zusätzlichen Preisanstieg.

Seit ihrer Einführung in den 1970er-Jahren wurden die Reserven erst viermal angetastet. Nämlich während des Golfkrieges 1990/91, nach dem Hurrikan Katrina 2005 in den USA, nach dem Sturz des libyschen Diktators Muammar Gaddafi im Jahr 2011 und zuletzt nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine vor vier Jahren. Die Freigaben geschahen international koordiniert.

Nato unterhält ihre eigenen Notvorräte

Die grössten Öl-Reserven in Europa hält Deutschland. Sie sind aus Sicherheitsgründen dezentral über das Bundesgebiet verteilt. Wichtige Lager liegen in Kavernen ehemaliger Salzstöcke, etwa bei Etzel in Ostfriesland. Andere Depots finden sich oberirdisch, etwa in den grossen Häfen oder in der Nähe von Pipeline-Knotenpunkten. So ist im Ernstfall eine schnelle Verteilung möglich. Neben Rohöl gibt es auch Pflichtlager für Ölprodukte wie Diesel, Benzin, Heizöl oder Kerosin.

Eine zentrale Rolle in der Notversorgung spielen private Unternehmen. In Deutschland zum Beispiel müssen alle Importeure und Verarbeiter von Ölprodukten Pflichtreserven halten. Der von den Unternehmen bestellte Erdölbevorratungsverband (EBV) organisiert und überwacht die Reservenbildung. In den USA dagegen sind grosse Öl-Kavernen im Staatsbesitz.

Nicht zu verwechseln sind die strategischen Reserven mit dem Vorrat, den die Armeen halten. Auch sie haben Ölprodukte und vor allem Treibstoffe für den Krisenfall gelagert, um die Einsatzfähigkeit zu garantieren. Die Vorgaben, die die Nato dazu ihren Mitgliedern macht, sind Teil der Verteidigungsplanung und geheim.

Neben der Lagerung auf Militärbasen, Marinehäfen und unterirdischen Depots unterhält die Nato ein eigenes Vertriebsnetz, das sogenannte «Nato Pipeline System» (NPS). Es erstreckt sich über mehrere tausend Kilometer und verbindet Seehäfen mit Luftwaffenbasen und wichtigen Nato-Stützpunkten. In Friedenszeiten kann es auch für kommerzielle Zwecke genutzt werden.

Im Zuge des russischen Angriffs auf die Ukraine beabsichtigt die Nato, ihr Pipelinesystem auszubauen. Gerade die Ostflanke des Bündnisgebietes ist noch zu wenig erschlossen. Noch wird Treibstoff zu einem grossen Teil per Schiene oder Strasse nach Osten transportiert. Diese logistische Schwachstelle könnte im Konfliktfall die Treibstoffversorgung der Nato-Truppen gefährden. (aargauerzeitung.ch)

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