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Warum die Hamas nun wohl auch in Europa zuschlagen will

Masked militant from the Izzedine al-Qassam Brigades, the military wing of Hamas, waves the green flag of the Islamist group during a protest in support of Palestinian prisoners in Israeli jails, afte ...
Ein maskierter Hamas-Kämpfer.Bild: keystone

Warum die Hamas nun wohl auch in Europa zuschlagen will

Lange Zeit war Europa für die islamistische Terrororganisation ein Rückzugsort. Nun scheint sie auch hier mit Gewalt aktiv werden zu wollen.
15.12.2023, 17:5515.12.2023, 19:32
Hansjörg Friedrich Müller, Berlin / ch media
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Die Festnahme von vier Männern in Berlin und Rotterdam hat diese Woche die deutsche Öffentlichkeit aufgeschreckt. Sie sollen der Hamas angehören und damit beschäftigt gewesen sein, Waffen für mögliche Anschläge auf jüdische Einrichtungen aus einem Erddepot nach Berlin zu schaffen.

Sollte die Hamas tatsächlich auch in Europa terroristisch aktiv werden, wäre dies eine neue Entwicklung: Bisher operierte die palästinensische Organisation lediglich im Nahen Osten mit Gewalt. Ihre europäischen Aktivitäten beschäftigten die Politik lange Zeit kaum: Die deutsche Innenministerin Nancy Faeser erteilte der Hamas erst einige Wochen nach deren Überfall auf Israel ein Betätigungsverbot.

Der «Deutschlandchef» der Miliz lebte unbehelligt in Berlin

So konnte auch Majed Alzeer lange Zeit unbehelligt in Berlin leben. Laut «Spiegel» hält das deutsche Innenministerium den britischen Staatsbürger für den «Deutschlandchef» der Hamas. Der 61-Jährige, der seit 2014 im Stadtteil Neukölln wohnt, soll Kontakte bis in die oberste Ebene der Miliz unterhalten und in ganz Europa Unterstützung organisiert haben.

Durch militärische Erfolge, die Israel im Kampf gegen die Terrorgruppe erzielt, könnte die Gefahr, die in Europa von der Hamas ausgeht, eher grösser werden: Terrorismus ist eine Waffe der Schwachen, und kleinere Attentate sind relativ leicht auszuführen. Erkennt die Hamas, dass sie Israel nicht in die Knie zwingen kann, könnte sie auf den Strassen von Berlin, Paris oder Brüssel nach tiefer hängenden Früchten greifen.

Über die Strukturen der Hamas in Europa ist noch immer relativ wenig bekannt. Ein wenig Aufschluss kann möglicherweise eine Studie geben, die 2022 von der Dokumentationsstelle Politischer Islam, einem staatlichen österreichischen Institut, erstellt wurde. Sie beschäftigt sich mit der Muslimbruderschaft, als deren palästinensischer Zweig die Hamas gilt.

Den Autoren Sergio Altuna und Lorenzo Vidino gelang es, mit vier in Europa lebenden Kadern der Bruderschaft zu reden. Nach aussen hin seien die Mitglieder zur Mässigung aufgerufen, um staatliche Repressionen zu vermeiden, erklärte ein in Deutschland lebender Syrer. Zu seiner Mitgliedschaft bekenne sich niemand offen.

Grösser war die Gefahr durch Islamisten lange nicht mehr

Engagierten sie sich öffentlich, täten sie dies in anderen, gesellschaftlich eher akzeptierten Organisationen. Eine solche könnte die Palästinensische Gemeinschaft in Deutschland gewesen sein, die sich wenige Wochen vor dem Angriff auf Israel aufgelöst hat. Der deutsche Inlandsgeheimdienst hält sie genauso für Hamas-nah wie den ebenfalls aufgelösten Verein «Die Barmherzigen Hände», der in Deutschland Spenden sammelte.

Europa sei für die Muslimbrüder «wie eine Lunge»: ein Rückzugsort, wo man sich unbehelligt treffen könne, erklärte ein anderer Kader den beiden Forschern, aus deren Studie man vor allem den Schluss ziehen kann, dass in vielen Fällen lügen dürfte, wer beteuert, nichts mit der Bruderschaft oder der Hamas zu tun zu haben.

Die Bedrohung durch mögliche islamistische Attentate ist in Europa derweil so hoch wie lange nicht mehr. Aufschlussreich ist eine Zahl aus Deutschland: Demnach richten sich von den Ermittlungsverfahren, die der dortige Generalbundesanwalt zwischen Januar und August neu eingeleitet hat, 284 gegen Islamisten. Gegen Rechtsextreme wurden elf Verfahren eingeleitet, gegen Linksextreme keines. Die Bundesanwaltschaft wird bei besonders schweren Fällen aktiv, etwa wenn es um Terrorismus geht.

Hyde-Park-Attentäter zu lebenslanger Haft verurteilt
Weil er ein terroristisches Attentat auf eine christliche Predigerin im Londoner Hyde Park plante, ist ein Islamist in Grossbritannien zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Das meldete die Nachrichtenagentur PA am Freitag aus dem Londoner Strafgerichtshof Old Bailey. Der 22-Jährige war festgenommen worden, als er im September 2022 versuchte, eine Waffe für das geplante Attentat zu kaufen. Die Polizei hatte den Mann bereits überwacht und so von den Plänen Kenntnis erhalten. Er kann frühestens nach 16 Jahren auf eine vorzeitige Entlassung hoffen.

Das verhinderte Attentat sollte in der berühmten Speaker's Corner stattfinden, einem für die Meinungsfreiheit symbolträchtigen Ort. Dort konnten bereits im 19. Jahrhundert politische Reden ohne vorherige Anmeldung gehalten werden, solange sie sich im Rahmen der Gesetze bewegten. Er wird noch heute ausgiebig genutzt. (sda/dpa)​

(aargauerzeitung.ch)

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76 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Devilduck
15.12.2023 19:54registriert Juli 2018
Wer in Europa jetzt noch für die Hamas ist, dem/der ist wirklich nicht mehr zu helfen!

Warte allerdinga schon auf die erste Verschwörungstheorie dazu...
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LeShopDerDritte
15.12.2023 20:01registriert Januar 2023
Was sagen jetzt jene Kreise, die einst Sympathien für die Hamas zeigten? Es ist Zeit, Farbe zu bekennen. Die Verherrlichung von Gewalt als „Freiheitskampf“ muss aufhören. Terrorismus bleibt Terrorismus, egal unter welcher Flagge. In Europa und überall darf dafür kein Platz sein. Wir müssen gemeinsam gegen jeden Extremismus stehen – klar und deutlich.
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maylander
15.12.2023 19:11registriert September 2018
Darum ist es so wichtig, dass Israel die Hamas vollständig besiegt. Wenn die Terrorangriffe ihnen einem Vorteil verschaffen wird es noch mehr davon geben. Plus noch weitere Angriffe von Nachahmungstätern.
In Europa muss man endlich gegenüber Terrororganisationen die Samthandschuhe ausziehen und Gefährder konsequent Überwachung und juristisch zur Rechenschaft ziehen.
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