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Die Frontlinie verschiebt sich nur langsam – aber die russische Armee macht Boden gut

Die russischen Truppen wüten im Donbas, dem Osten der Ukraine. Wo sich die Frontlinie gerade befindet und was in den nächsten Tagen zu erwarten ist.
23.05.2022, 22:2224.05.2022, 13:07

Der Ukraine-Krieg kann von der Weltöffentlichkeit fast in Echtzeit mitverfolgt werden – das unterscheidet ihn von allen vorangegangen und aktuellen Konflikten.

Trotz der Informationsflut bleiben bestimmte Ereignisse allerdings mehrheitlich im Diffusen. Dazu gehören teilweise auch die Truppenbewegungen sowie die Gebietsgewinne beziehungsweise Rückeroberungen der russischen und der ukrainischen Armee. Was wir über die aktuelle Frontlinie wissen und wie die Prognosen aussehen:

Die Ausgangslage Stand Sonntag – der Donbas

George Barros, Analyst bei der US-Denkfabrik «Institute for the Study of War» (ISW), ordnet auf Twitter ein, was zur aktuellen Frontlinie bekannt ist. Grundsätzlich gilt nämlich: An der Frontlinie machen die russischen Soldaten Fortschritte. Zwar nur äusserst langsam, aber sie werden gemacht.

Die russische Armee befindet sich noch immer vorwiegend im Osten der Ukraine – im sogenannten Donbas. Die Frontlinie bewegt sich grob von Charkiw im Norden der Ukraine über die Stadt Luhansk weiter südlich bis Cherson im Südwesten. Der Zugang zum Asowschen Meer ist somit mittlerweile von Russland kontrolliert.

Im Norden der Frontlinie wurde irgendwann in den letzten Tagen die Stadt Rubischne in der Oblast Charkiw von russischen Truppen zurückerobert, wie Barros annimmt. Wahrscheinlich ist Rubischne seit dem 19. Mai wieder in russischer Hand, wie das ISW im täglichen Lagebericht vermutet. Das Institut und Barros stützen sich bei dieser Einschätzung auf Telegram-Nachrichten, unter anderem von der russischen, staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti.

Die russische Armee versucht unter anderem, die grossen Zentren an der Frontlinie einzunehmen. Eines dieser Zentren ist die Stadt Sjewjerodonezk in der Oblast Luhansk südöstlich von Rubischne.

Laut dem ukrainischen Generalstab hätten die ukrainischen Streitkräfte am 22. Mai mehrere russische Angriffe rund um die Stadt Sjewjerodonezk abgewehrt. Der Feind habe Verluste erlitten und sei gezwungen worden, sich auf seine früheren Stellungen zurückzuziehen, schrieb der ukrainische Generalstab auf Telegram.

Das könnte darauf hindeuten, dass die ukrainischen Streitkräfte das Gebiet um Sjewjerodonezk kontrollierten, wie Barros vom ISW schreibt.

Bild: twitter @Isw

Südlich von Sjewjerodonezk befindet sich die Stadt Popasna, die mittlerweile bis auf die Grundmauern zerstört sein soll. Dort wurden laut ISW in den vergangenen Tagen grössere Gebietsgewinne durch die russische Armee gemacht.

Das Rathaus von Popasna wurde bereits im April 2022 von russischen Truppen erobert, am 8. Mai haben die ukrainischen Truppen die Stadt den Russen überlassen. Die verbliebene Bevölkerung wurde nach Angaben der ukrainischen Militärverwaltung nach Russland deportiert, wie der Leiter der Militärverwaltung des Bezirks Popasna, Mykola Chanatow, Mitte Mai meldete.

Im kleinen Dorf Wiktoriwka nördlich von Popasna sollen am 22. Mai Kriegsgefangene festgenommen worden sein durch die russische Armee.

Das könnte darauf hindeuten, dass die russischen Streitkräfte das Gebiet um Popasna kontrollierten und kontinuierlich vorrückten, wie Barros schreibt. Das maximale Ausmass des russischen Vormarsches um Popasna sei am 22. Mai aber unklar. Zudem werde in diesem Gebiet weiter gekämpft, wodurch sich die Lage stündlich verändern kann.

Ein ukrainischer Militärsanitäter sitzt in seinem Zimmer in einem Feldlazarett an der Front in der Nähe von Popasna, Oblast Luhansk, Ostukraine, 09. Mai 2022.
Ein ukrainischer Militärsanitäter sitzt in seinem Zimmer in einem Feldlazarett an der Front in der Nähe von Popasna, Oblast Luhansk, Ostukraine, 09. Mai 2022.Bild: keystone

Auf der südlichen Frontlinie wurden die seit Tagen dauernden Raketen- und Artillerieangriffe auf die Städte Saporischschja, Cherson, Dnipropetrowsk und Mykolajiw fortgesetzt.

Menschen flüchten aus Saporischschja.
Menschen flüchten aus Saporischschja. Bild: keystone

Was in den nächsten Tagen passieren könnte

Im Norden bei der Stadt Charkiw werden die russischen Streitkräfte ihre Truppen wahrscheinlich mit der ersten Panzerarmee verstärken in den nächsten Tagen. So solle ein weiteres Vordringen der ukrainischen Gegenoffensive in Richtung der russischen Grenze verhindert werden, wie das ISW vermutet.

Südlich von Rubischne liegt die Stadt Isyum, die bereits in russischer Hand ist. Während Wochen war Isyum der Schauplatz heftigster Kämpfe, bis die russische Armee Ende März 2022 die Stadt eroberte. Nun bereiteten sich die russischen Streitkräfte wohl auf eine Wiederaufnahme von Offensivoperationen südöstlich von Isyum vor, wie das ISW schreibt. Gestützt wird diese Annahme auf Beobachtungen, dass die russischen Truppen Siedlungen an der Frontlinie südöstlich und südwestlich von Isyum beschiessen.

Die russischen Streitkräfte werden wahrscheinlich weiterhin versuchen, die Stadt Sjewjerodonezk von Süden her einzunehmen, wie das ISW prognostiziert. Dazu werden sie wohl auch die letzte Autobahn, die Sjewjerodonezk mit der übrigen Ukraine verbindet, abschneiden.

Was zudem beachtet werden muss: Es war eine schwere und unglaublich blutige Angelegenheit, doch Putins Armee ist es schlussendlich gelungen, die Stadt Mariupol einzunehmen. Letzte Woche wurden die letzten Kämpfer aus Asowstal evakuiert – der ukrainische Widerstand in der strategisch wichtigen Hafenstadt ist gebrochen.

Die russischen Streitkräfte in Mariupol werden sich wahrscheinlich auf die Kontrolle der Stadt konzentrieren, da die Belagerung von Azowstal beendet ist. Von Mariupol aus könnten sich die russischen Streitkräfte auf ukrainische Gegenoffensiven vorbereiten sowie sich für langwierige Operationen in der Südukraine rüsten, wie das ISW schreibt.

Russland hat nun Vorteile bei der Versorgung der Krim und werde wohl bald auch den Hafen wieder in Betrieb nehmen, wie das ISW am 16. Mai geschrieben hat.

Frische Gräber in Staryi Krym, einem Vorort von Mariupol, 21. Mai 2022.
Frische Gräber in Staryi Krym, einem Vorort von Mariupol, 21. Mai 2022.Bild: keystone

Im Donbas schwelt bereits seit 2014 ein Konflikt zwischen Russland und der Ukraine: Separatisten, die sich kulturell und sprachlich Russland zugehörig fühlen, wollten diesen östlichen Zipfel des ukrainischen Territoriums von der Ukraine ablösen.

Sollte es Russland gelingen, den gesamten Donbas zu erobern, könnte Putin dies als eine Art Erfolg verbuchen. Der nächste Schritt wäre dann die Annexion des Donbas – wie bei der Krim, die mittels eines Referendums im Jahr 2014 von Russland annektiert wurde. Die Seperatistenführer in Luhansk sprachen bereits von einem Referendum in «naher Zukunft», obwohl die Idee einer Scheinabstimmung in einem Kriegsgebiet absurd ist.

(yam)

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59 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Sälüzäme
23.05.2022 23:12registriert März 2020
Jeder sogenannte Sieg der Russen ist ein Pyrrhussieg, wie wollen sie die Ortschaften nachdem sie diese total zerstört haben wieder aufbauen?
Dazu fehlen Ihnen die Mittel, nach den Sanktionen erst recht und sie müssen mit andauernden Anschlägen rechnen. Wer will schon in einem mit Minen und Blindgängern verseuchten Gebiet leben. So wird in den "eroberten" Gebieten der Krieg noch lange nicht enden und diese zu halten übersteigt die Ressourcen Russlands. Je schneller sie das einsehen desto weniger Tote auf beiden Seiten, hauptsächlich auf russischer. Afghanistan lässt grüssen.
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Sir Konterbier
23.05.2022 23:53registriert April 2017
Man sollte bei der ganzen Sache nicht vergessen, dass Gewietsgewinne nicht alles über den Stand des Krieges aussagen. Die Ukrainische Armee ist zurzeit nicht in der Lage, auf breiter Front anzugreifen, weshalb man versucht, die Russen regelrecht „auszubluten“. Das beinhaltet auch taktische Rückzüge auf bessere Verteidigungsstellungen: Solange der Gegner höhere Verluste erleidet als man selbst. Die bisherigen Rückeroberungen Rund um Kiev und Charkiw waren denn auch nicht der Vorstoss grosser mechanisierter Verbände der Ukraine, sondern vielmehr der Rückzug völlig erschöpfter russischer Truppen.
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Barlsi
23.05.2022 22:59registriert Oktober 2021
“ Der Ukraine-Krieg kann von der Weltöffentlichkeit fast in Echtzeit mitverfolgt werden – das unterscheidet ihn von allen vorangegangen und aktuellen Konflikten.”

Stimmt eben nicht wirklich. Das war schon beim Vietnamkrieg ein grosses Thema und auch im Irak, Afghanistan usw.

In diesem Konflikt hat man zwar viele Videos und Fotos, jedoch scheint sich das nur auf sehr wenige Orte zu beschränken. Ein richtig klares “Livebild” der Gesamtlage hat man nicht wirklich. Auf beiden Seiten scheint der Informationsschutz sehr gut zu funktionieren.
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