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Gehört Putin eine der grössten Yachten der Welt? Nawalnys Team glaubt: Ja

Niemand weiss genau, wer die Megayacht Scheherazade besitzt. Recherchen zeigen: Das 700-Millionen-Schiff dürfte dem russischen Präsidenten gehören. Der Kapitän des Schiffes sieht das anders.
22.03.2022, 13:1622.03.2022, 15:24

Scheherazade. Ein Name, der orientalische Verführung verspricht – und weibliche Klugheit.

Doch Scheherazade ist nicht nur der Name der gewitzten Märchenerzählerin aus «Tausendundeiner Nacht», sondern auch der einer 700 Millionen US-Dollar teuren Megayacht, die derzeit im italienischen Hafen Marina di Carrara in der Toskana liegt.

Wem dieser Ausruf von Dekadenz gehört, ist nicht bekannt. Das Luxus-Lifestyle-Magazin «Boat International» geht davon aus, dass der Besitzer ein «Milliardär aus dem Nahen Osten» sein soll.

Doch neueste Recherchen von Alexei Nawalnys Team lassen anderes vermuten: Scheherazade gehört wohl dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, der gerade einen Angriffskrieg in der Ukraine befehligt und dessen Vermögenswerte darum weltweit auf Sanktionslisten stehen.

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Über die Scheherazade, warum sie Putin gehören könnte – und wer dem widerspricht:

Scheherazade stellt sich vor

Scheherazade ist so beeindruckend, dass sie auf keiner Zusammenstellung der längsten, teuersten oder luxuriösesten Yachten fehlen darf – und sie hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag.

Scheherazade vor der Werft – auch in der Nacht eine Augenweide.
Scheherazade vor der Werft – auch in der Nacht eine Augenweide.Bild: Lürssen: sale.ruyachts.com/

Der schwimmende Luxustempel der deutschen Schiffswerft Lürssen ist 2019 vom Stapel gelaufen, misst 140 Meter in der Länge und 23 Meter in der Breite. Sie umfasst 6 Decks samt zweier Helikopterlandeplätze.

Die diversen Spa-Bereiche können 40 Gäste nutzen, für die 22 Kabinen zur Verfügung stehen. Zusätzlich gibt es Platz für 94 Besatzungsmitglieder.

Scheherazade nach ihrem Stapellauf 2019.
Scheherazade nach ihrem Stapellauf 2019. Bild: Wikimedia/DrDuu 007/CC BY-SA 4.0

Selbst für die verschwiegene Welt der Superyachten-Besitzer ist Scheherazade von einem ungewöhnlichen Mass an Geheimhaltung umgeben: Wem das Schiff gehört, war bislang nicht öffentlich. Sie fährt unter Flagge der Cayman Inseln, die Besitzergesellschaft wiederum hat ihren Sitz auf den Marshall Islands. Die Scheherazade besitzt sogar eine Abdeckung, um ihr Namensschild zu verbergen. Und als sie zum ersten Mal im Hafen einfuhr, wurde eine hohe Metallbarriere auf der Pier aufgebaut, um die Yacht vor Schaulustigen zu verbergen.

Scheherazade …
… ist eine Hauptfigur der Rahmenhandlung der persischen Märchensammlung von «Tausendundeiner Nacht»:
Der König Schahryâr wurde von einer Frau betrogen. Davon überzeugt, dass alle Frauen Betrügerinnen sind, heiratet er jeden Tag eine neue Frau, die er am nächsten Morgen töten lässt. Das Treiben geht so lange, bis er Scheherazade zur Frau nimmt. Diese bricht die brutale Tradition mit List und Klugheit: Nämlich erzählt sie ihrem Gemahl jede Nacht eine Geschichte, die sie erst am nächsten Abend beendet. Neugierig auf das Ende der Geschichte, lässt König Schahryâr seine Frau am Leben. Nach 1001 Nächten und drei Kindern ist der König von der Klugheit seiner Gattin so angetan, dass er sie am Leben lässt.

Warum die Yacht wohl Putin gehört – die Recherchen von Nawalnys Team

Am Montag veröffentlichten die Investigativjournalistin Maria Pewtschich und der Anti-Korruptions-Aktivist Georgy Alburow auf YouTube ein Video über Scheherazade und deren Besitzverhältnisse. Beide gehören zum Team des wohl gefürchtetsten Kreml-Kritikers überhaupt: Alexei Nawalny.

Screenshot YouTube / <a target="_blank" rel="follow" href="https://www.youtube.com/channel/UCsAw3WynQJMm7tMy093y37A">Алексей Навальный</a>
Screenshot YouTube / Алексей НавальныйBild: youtube / Алексей Навальный

Die Recherche der beiden basiert auf einer Besatzungsliste der Scheherazade vom Dezember 2020, diese wird in Auszügen im Video gezeigt. Die Besatzungsliste führt alle ständigen Besatzungsmitglieder auf.

Die Ergebnisse der Auswertung:

  • Mit Ausnahme des Kapitäns sind alle Besatzungsmitglieder Russen.
  • Mindestens zehn der Besatzungsmitglieder konnten durch Nawalnys Team als Offiziere der Federalnaja Sluschba Ochrany Rossijskoi Federazii (FSO) identifizieren werden. Und der FSO ist ein staatlicher Schutzdienst, der vor allem für die Sicherheit des russischen Präsidenten und der russischen Regierung verantwortlich ist.

Pewtschich twitterte im Anschluss an die Recherche über die Besatzungsmitglieder: «Ein Dutzend von Wladimir Putins Leibwächtern und Bediensteten hält eine der grössten Yachten der Welt ständig instand». Dies sei Beweis genug, dass Scheherzade Putin gehöre. Und sie fordert die italienischen Behörden auf, dass die Yacht sofort beschlagnahmt werde:

Das Telefongespräch der «New York Times» mit dem Kapitän

Bereits am 8. März erklärten US-Beamte gegenüber der «New York Times», dass sie die Besitzverhältnisse der Scheherazade untersuchten. Endgültige Schlüsse lägen aber noch keine vor.

Für den gleichen Artikel interviewte die «New York Times» den Kapitän des Schiffes, Guy Bennett-Pearce, per Telefon. Bennett-Pearce ist britischer Staatsbürger und laut der Recherche von Pewtschich und Alburow der einzige Nicht-Russe auf der Besatzungsliste.

Die Scheherezade gehört zur Klasse der Megayachten.
Die Scheherezade gehört zur Klasse der Megayachten.Bild: Lürssen: sale.ruyachts.com

Bennett-Pearce berief sich während des Interviews auf eine «wasserdichte Geheimhaltungsvereinbarung», aufgrund derer er nichts über den Besitzer sagen könne. Er bestritt gegenüber der «New York Times» jedoch, dass Putin die Yacht besitze oder jemals auf ihr gewesen sei: «Ich habe ihn nie gesehen. Ich habe ihn nie getroffen». Er fügt zudem hinzu, dass der Eigner auf keiner Sanktionsliste stünde.

Kapitän Bennett-Pearce sagte, italienische Ermittler seien an Bord gekommen und hätten einige Papiere des Schiffes geprüft: «Sie sind sehr gründlich. Sie untersuchen jeden Aspekt.» Und weiter: «Das ist nicht die örtliche Polizei, die hierherkommt, das sind Männer in dunklen Anzügen.»

Kapitän Bennett-Pearce zeigt sich gegenüber der «New York Times» zuversichtlich, dass die Auswertung der Papiere «alle negativen Gerüchte und Spekulationen» aus dem Weg räume.

Was würde mit Scheherazade passieren, wenn sie tatsächlich Putin gehörte?

Die amerikanischen und italienische Behörden untersuchen also die Eigentumsverhältnisse an der Scheherazade. Gerade in der Szene der Superreichen sei es allerdings üblich, Yachten über Holdings oder Briefkastenfirmen in Steuerparadiesen zu registrieren, wie die «Süddeutsche Zeitung» aus Behördenkreisen erfahren habe. Deshalb sei es häufig schwierig, die Besitzverhältnisse schnell zu klären.

Sollte die Megayacht tatsächlich dem russischen Machthaber Putin gehören, wie Nawalnys Team zu wissen glaubt, könnte sie vom italienischen Staat beschlagnahmt werden. Denn Putin steht aufgrund des Angriffskrieges in der Ukraine auf der Sanktionsliste der EU. Bereits wurden mehrere Yachten von russischen Oligarchen in Italien beschlagnahmt.

Putin spricht bei einer Videokonferenz, die im russischen Fernsehen übertragen wurde: «Ja, natürlich wird der Westen auf die sogenannte fünfte Kolonne setzen, auf Landesverräter. Auf diejenigen, die ihr Geld in Russland verdienen, aber im Westen leben. Und sie leben nicht einmal im geografischen Sinne im Westen, sondern bezüglich ihrer Gedanken, ihrem sklavischen Bewusstsein.»
Putin spricht bei einer Videokonferenz, die im russischen Fernsehen übertragen wurde: «Ja, natürlich wird der Westen auf die sogenannte fünfte Kolonne setzen, auf Landesverräter. Auf diejenigen, die ihr Geld in Russland verdienen, aber im Westen leben. Und sie leben nicht einmal im geografischen Sinne im Westen, sondern bezüglich ihrer Gedanken, ihrem sklavischen Bewusstsein.» Bild: keystone

Bizarr an der Situation ist, dass Putin erst letzte Woche in einer Videokonferenz, die im russischen Fernsehen übertragen wurde, gegen Oppositionelle und Oligarchen polterte. Dabei hat er diesen vorgeworfen, nicht nur geografisch, sondern auch bezüglich ihrer Werte im Westen verortet zu sein und um die Zugehörigkeit zu einer «höheren Kaste» zu buhlen, die sie mit allen Mitteln zu imitieren versuchten. Er bezeichnete sie als «Abschaum» und sprach von einer «nötigen Selbstreinigung der Gesellschaft», um diese «Verräter» loszuwerden.

(yam)

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123 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Pachyderm
22.03.2022 13:32registriert Dezember 2015
Und wenn sie doch nicht Putin gehört, dann doch bestimmt jemandem, der sein riesiges Vermögen fair und ehrlich erarbeitet hat.
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June
22.03.2022 13:49registriert Juli 2019
Ich würd mal sagen, wenn sich niemand meldet, gehört sie niemandem und kann beispielsweise als Asylunterkunft genutzt werden.
25813
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Brat Wurst
22.03.2022 13:41registriert November 2017
Da hast du sooo eine teure Yacht mit sooo vielen Zimmern… und du darfst sie nicht benutzen, damit niemand erfährt, wem sie gehört: wie bei der Mafia: Milliardäre, müssen sich aber in einem Erdloch verstecken. Einfach nur sinnlos und schade um das verbrannte Geld, könnte auf dieser Welt besser eingesetzt werden.
2007
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