Frühlingsoffensive in der Ukraine: Das grösste Problem der russischen Armee
Offiziell beginnt der ukrainische Frühling jeweils schon am 1. März. Tatsächlich sind die Temperaturen landesweit inzwischen wieder so hoch, dass man auch ohne Heizung überleben kann. Was bleibt, sind grossflächige Stromausfälle – vor allem im Osten und Süden – auch wenn sich die Versorgung mit Elektrizität laut Bewohnern von Kiew und Odessa inzwischen verbessert hat.
Die Ukraine hat den mit Abstand härtesten Winter überlebt. Putins Kalkül, die Zivilbevölkerung mit der Kältewaffe in die Knie zu zwingen, ging nicht auf. Die Angriffe auf die Energieinfrastruktur haben das Gegenteil bewirkt: Viele Ukrainer sind nun noch weniger bereit als zuvor, Moskaus Kapitulationsforderungen nachzugeben.
Dennoch publizierte zum Beispiel das renommierte amerikanische Magazin «Foreign Affairs» noch Ende Februar einen Artikel mit dem Titel «Die Ukraine verliert den Krieg». Dabei hatte das Land schon einen Monat zuvor im Südosten eine Gegenoffensive gestartet, die sich inzwischen als ziemlich erfolgreich herausgestellt hat. Entgegen den Unkenrufe, die seit mehr als vier Jahren die baldige Niederlage Kiews voraussagen, hat die Ukraine nicht nur den Winter überstanden, sondern ist sogar in der Lage, den Russen an bestimmten Frontabschnitten die Initiative zu entreissen.
Begünstigt wurde diese unerwartete Aktion durch die Blockierung der russischen Starlink-Terminals in der Ukraine. Dass der frisch gebackene und erst 35 Jahre alte ukrainische Verteidigungsminister Michajlo Fedorow den Starlink-Gründer Elon Musk überzeugen konnte, die von Russland in der Ukraine eingesetzten Satellitenschüsseln zu sperren, stört die Kommunikation der Invasionsarmee erheblich. Es geht dabei nicht nur um russische Kampfdrohnen, die noch vor kurzem über Starlink ins Ziel gesteuert wurden.
Wer sich heute einen Kommandoraum von Ukrainern oder Russen anschauen darf, erfasst schnell, wie wichtig die Übertragung von Videos eigener Aufklärungsdrohnen in Echtzeit ist. Der hohe Datendurchsatz bei Starlink ermöglicht es Kommandanten beider Seiten, dank hochauflösender Videos den Überblick über das Gefechtsfeld zu bewahren und Entscheidungen zu treffen.
Ohne Starlink zeigen die Computerbildschirme kaum aktuelle Lagebilder, was im modernen Drohnenkrieg ein extremer Nachteil ist. Wer nicht rechtzeitig gegnerische Nachschubfahrzeuge, Panzer, Geschütze oder auch Bunker von Drohnenpiloten erkennen und dann auch zeitnah bekämpfen kann, hat das Nachsehen.
Kreml will Max statt Telegram durchsetzen
Natürlich wird Moskau den Verlust von Starlink früher oder später kompensieren, doch die Kommunikation der russischen Frontsoldaten wird derzeit noch durch eine andere, selbst verschuldete Aktion des Kremls beeinträchtigt. Schon länger werden in Russland Messenger-Dienste wie Whatsapp oder Signal blockiert. Seit Mitte Februar drosseln die Behörden jetzt aber auch den beliebten russischen Messenger-Dienst Telegram. Beobachter erwarten, dass die im In- und Ausland beliebte Applikation schon bald ganz blockiert wird.
Einer der Gründe für die Sperre ist die Weigerung von Telegram, dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB Auskünfte über die Nutzer zu erteilen. Der Kreml will, dass die Bürger die neue Applikation Max benützen, die dem FSB das Ausspionieren der Handy-Besitzer erleichtert.
Telegram ist für die russischen Frontsoldaten das vielleicht wichtigste Kommunikationsmittel. Die behördlichen Einschränkungen erschweren es nun, wichtige Nachrichten auszutauschen. Damit wird es für die russischen Kommandanten schwieriger, den Überblick zu behalten und rasch Befehle zu erteilen. Ein Umsteigen auf die Max-Applikation ist nicht möglich, weil diese als zu unsicher gilt und von den Ukrainern leicht infiltriert werden kann.
Ukrainische Beobachter berichten, dass viele russische Soldaten in der Folge über so genannte VPN-Dienste auf Telegram zugreifen. Dank eines VPN kann man sich auf einem ausländischen Server ins Internet einwählen und so die inländische Sperre umgehen. Doch Moskau lässt inzwischen fast 470 solcher Dienste blockieren, unter anderem auch den schweizerischen Proton VPN. Damit beschneidet Moskau die Kommunikationsfähigkeiten seiner Invasionstruppen.
Russlands Soldaten versuchen sich unter anderem, mit Richtfunkantennen und dem Verlegen von Glasfaserkabeln zu behelfen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Netzwerktechnik des amerikanischen Herstellers Ubiquiti, dessen Produkte trotz Sanktionen massenweise an der Front auftauchen.
Drohnenschwärme gegen Drohnenpiloten
Die ukrainische Gegenoffensive im Südosten hat nicht zuletzt wegen der Kommunikationsprobleme auf russischer Seite den Gegner zurückgedrängt und damit möglicherweise den Start der geplanten russischen Frühlingsoffensive behindert. Entscheidend für den Zwischenerfolg der Ukrainer dürfte aber der massenweise Einsatz von elektronischen Störmitteln gegen russische Funkdrohnen und die lokal begrenzte Luftüberlegenheit bei Kampfdrohnen gewesen sein.
Damit haben es Kiews Streitkräfte geschafft, ihren gepanzerten Fahrzeugen im Angriff Luft zu verschaffen. Bevorzugtes Ziel der ukrainischen Drohnen sind nicht nur die russische Infanterie und die Nachschubwege, sondern auch die Stellungen russischer Drohnenpiloten.
Je mehr Piloten und Richtfunkantennen die Ukrainer ausschalten, umso weniger werden ihre eigenen Angriffsverbände von russischen Drohnen behelligt. Hinzu kommt, dass immer mehr funkgesteuerte Drohnen im Zielanflug keinen Piloten mehr benötigen, sondern mittels künstlicher Intelligenz gesteuert werden. So können die Ukrainer Drohnenschwärme aussenden, die nach Anweisung durch die Piloten ihr Ziel selbständig zerstören.
Positiv auf die russische Kriegsführung auswirken wird sich dagegen der hohe Erdölpreis infolge des Iran-Kriegs und die teilweise Aufhebung der US-Sanktionen gegen russische Energieexporte. Nichtsdestotrotz steht die ukrainische Seite in diesem Frühling wesentlich besser da als noch vor einem Jahr – vor allem auch wegen des steigenden Anteils der einheimischen Rüstungsproduktion und deren Innovationskraft. Diese wird nun offenbar auch auf der Arabischen Halbinsel geschätzt – bei der Abwehr iranischer Kampfdrohnen. (aargauerzeitung.ch)
