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Putin hat im Donbass zwei Optionen: Wenn er versagt, wirds erst richtig gefährlich

Die entscheidende Schlacht des Ukraine-Kriegs hat begonnen. Ihr Ausgang ist alles andere als klar.
20.04.2022, 04:56
Samuel Schumacher / ch media

Ruhig war es nie vor dem Sturm. Seit der Besetzung der östlichen Hälfte durch pro-russische Separatisten 2014 schwelte der Konflikt im Donbass. Damals, als die Separatisten mit Schützenhilfe aus Moskau zum ersten Mal versuchten, die ostukrainische Region einzunehmen, verloren fast 15'000 Menschen ihr Leben. Beim zweiten Eroberungsversuch, der in der Nacht auf Dienstag losgegangen ist, könnten es deutlich mehr werden.

Zwei Helfer evakuieren einen alten Mann aus dem Dorf Chasiv Yar im Donbass. Die Schlacht um die ostukrainische Region könnte zur entscheidenden dieses Krieges werden.
Zwei Helfer evakuieren einen alten Mann aus dem Dorf Chasiv Yar im Donbass. Die Schlacht um die ostukrainische Region könnte zur entscheidenden dieses Krieges werden.Bild: keystone

«Ganz egal, wie viele russische Truppen jetzt kommen: Wir werden kämpfen», sagte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski in einer Ansprache. Währendessen nahmen Wladimir Putins Truppen laut russischen Quellen gestern mehr als 60 Ziele im Donbass ins Visier.

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Das Ziel der Russen ist klar: Nach dem gescheiterten Umsturzversuch in Kiew will Putin jetzt wenigstens den gesamten Donbass einnehmen und damit sein Versagen von 2014 wettmachen. Die Kontrolle über die einstmals wichtige Kohle-Region möchte er seinem Volk – so glauben westliche Beobachter – am 9. Mai anlässlich der Moskauer Militärparade zur Feier des Weltkriegsendes als Sieg der «Spezialoperation» verkaufen.

Fast jeder zweite russische Soldat kämpft im Donbass

Um das Ziel zu erreichen, setzt Putin auf zwei neue Massnahmen: Erstens hat er vor Kurzem den General Alexander Dwornikow mit dem Oberkommando über die russischen Truppen in der Ukraine betraut.

Umkämpftes Gebiet
Der Donbass (oder das Donezbecken) ist ein Gebiet in der Ostukraine, ungefähr so gross wie die Schweiz. Der Osten des Donbass ist seit April 2014 von pro-russischen Separatisten besetzt. Im Februar 2022 hat Wladimir Putin per Dekret die Unabhängigkeit der beiden selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk im besetzten Teil des Gebiets anerkannt. Seit dem 18. Jahrhundert war der Donbass ein wichtiges Kohleabbaugebiet mit einer einst florierenden Stahlindustrie. Ab 1944 zwang die Sowjetunion mehr als 200'000 deutsche Kriegsgefangene zu Zwangsarbeit in der Region. Heute gilt sie als eine der ärmsten Gegenden der Ukraine. (sas)

2015 und 2016 liess Dwornikow einst Aleppo und andere syrische Städte ohne jegliche Rücksicht auf zivile Opfer kaputtbomben. Ähnliches plant er – wie die Attacke auf den Bahnhof in Kramatorsk am 8. April mit mehr als 50 Toten zeigte – auch im Kampf um die Gebiete der Ostukraine.

Zweitens schickt Putin noch einmal deutlich mehr Männer und Waffen aufs Schlachtfeld. Inzwischen kämpfen im Donbass und im Südosten der Ukraine laut dem US-Verteidigungsministerium 76 der total 170 «Battalion Tactical Groups» der russischen Streitkräfte. Eine solche Gruppe besteht aus rund 800 Kämpfern und Logistik-Experten, dutzenden gepanzerten Fahrzeugen und schwerer Artillerie.

Strategisch hat Putin nur zwei Optionen, um seine Ziele im Donbass zu erreichen, schreibt der australische Ex-General Mick Ryan auf Twitter:

  • Option 1: Russische Truppen stossen aus dem Norden von Charkiw und aus dem Süden von Saporischschja her in Richtung der Grossstadt Dnipro vor. Gelingt ihnen das, schneiden sie die ukrainischen Truppen im Osten faktisch von Kiew ab und kontrollieren rund einen Drittel des Landes.
  • Option 2: In der minimalistischen Variante versuchen die Russen den Klammergriff 150 Kilometer weiter östlich und bilden eine Front zwischen Izjum und Mariupol (siehe Karte).

Ex-General Ryan erachtete die zweite Option als die wahrscheinlichere.

Krieg im Donbass: Putins militärische Optionen

quelle: reuters, nyt/karte: stb

Das Horror-Szenario aus der US-Elite-Universität

Geritzt ist die Sache im ukrainischen Osten damit aber noch lange nicht. Ein grosser Unsicherheitsfaktor für Putins Planung ist die Situation in Mariupol. Noch immer harren rund 2500 ukrainische Kämpfer und 1000 Zivilisten im Stahlwerk Azovstal aus und leisten Widerstand. Die andauernde Schlacht um Mariupol bindet bedeutende russische Kräfte.

Drohnenaufnahme des Stahlwerks von Mariupol, in dem noch immer rund 2500 Kämpfer und 1000 ukrainische Zivilisten ausharren.
Drohnenaufnahme des Stahlwerks von Mariupol, in dem noch immer rund 2500 Kämpfer und 1000 ukrainische Zivilisten ausharren.Bild: keystone

Sollte die Russen nach 2014 auch die zweite Schlacht um den Donbass verlieren, steigt laut Ryan die Gefahr für einen russischen Nuklearschlag – aus purem Frust.

Russland hat schätzungsweise 2000 sogenannte taktische Nuklearwaffen, deren Wirkung zwar verheerend, aber deutlich kleiner wäre als etwa jene der US-Atombomben im Zweiten Weltkrieg. Wie der Westen auf einen taktischen Nuklearschlag Moskaus reagieren würde, hat ein Team der amerikanischen Princeton-Universität simuliert.

Laut den Princeton-Experten könnte ein entsprechender Angriff schnell zu einem atomaren Schlagabtausch zwischen Moskau und der Nato führen, der binnen Stunden mehr als 30 Millionen Tote und knapp 60 Millionen Verletzte verursachen würde. Ein Horrorszenario, das mit dem Eintritt des Ukraine-Kriegs in die nächste Phase nicht mehr ganz so abwegig scheint, wie noch vor zwei Monaten. (aargauerzeitung.ch)

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So leidet die russische Bevölkerung unter dem Ukraine-Krieg

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So leidet die russische Bevölkerung unter dem Ukraine-Krieg
quelle: keystone / anatoly maltsev
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Russische Frauen zerschneiden aus Protest ihre Chanel-Handtaschen.

Video: watson

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130 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Frankygoes
20.04.2022 06:56registriert März 2019
Atomkrieg? Keine Ahnung. Das Problem für Putin ist nicht, den Donbass zu erobern. Dazu hat er nun genug Material zusammengezogen.. das Problem dürfte sein, was er mit dem Donbass nachher macht. In Syrien konnten die Russen leicht alles plattbomben, war ja nicht ihr Land.. Aber hier? Wie kontrollierst Du ein riesiges Gebiet, wenn Du darin alles kaputtgebombt und alle gegen Dich aufgebracht hast?
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Globias
20.04.2022 07:00registriert Juni 2016
Meiner pazifistischen Haltung zum Trotz: Es braucht nun grössere Unterstützung aus dem Westen. Nicht "nur" Waffenlieferungen. Nein, keine NATO-Intervention, das würde unweigerlich zu einem Weltkrieg führen; die UN haben ebenfalls Möglichkeiten. Den Russen muss hier sofort das Vetorecht entzogen werden – ganz egal, vor welchem historischen Hintergrund sie das erhalten haben.
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josoko
20.04.2022 07:45registriert Januar 2021
Punkt 1. Der Westen hat nicht mit diesem Mist angefangen. Niemand hier wollte das. Aber eines ist sicher. Man muss sich gegen diese Aggressionen zur Wehr setzen. Sonst werden die Russen und Chinesen sich von uns nehmen, was sie wollen. Punkt 2. Sollten wir das einigermassen heil und ohne Atombomben überstehen, haben die Russen gerade die Energiewende beschleunigt. Wirtschaftlich kann sich jeder denken, was das für Russland bedeuten wird. Punkt 3. Putin wollte als etwas besonderes in die Geschichte eingehen. Das wird er auch. Aber nicht so wie er sich das gedacht hat.
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