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Xi Jinping und Wladimir Putin: Die Schurken der Klimakrise haben Angst

Die Klimakrise spitzt sich zu, doch mächtige Staaten blockieren einen konsequenten Kampf dagegen. Es sind vor allem auch Autokraten, die zu den Bremsern gehören. Aber warum?
08.11.2021, 02:14
Patrick Diekmann / t-online
Ein Artikel von
t-online

In unserer Vorstellung ist die Welt oft wie die Geschichte in einem Kinderfilm. Ein Held rettet die Menschheit vor einem Schurken, der sie zerstören will. Gut gegen böse, Schwarz oder Weiss. Natürlich sind Kinder oft auf der Seite des sympathischen Helden, wer möchte schon auf der Seite des Bösen sein? 

Die Realität ist komplizierter. Im Kampf gegen die Klimakrise gibt es unter den Staaten dieser Welt keinen Helden. Alle Länder unternehmen nach Meinung vieler Experten zu wenig – der Weg zur Klimaneutralität ist noch weit.

Doch selbst bei dieser düsteren Ausgangslage bildet sich aktuell eine Gruppe von Klima-Schurken. Länder wie China oder Russland fürchten, Macht zu verlieren und die eigene Wirtschaft zu schwächen. Ihnen geht es um geopolitische Strategie, ihr Platz in der Weltordnung zählt mehr als die globale Erderwärmung.

1.5-Grad-Ziel fast unerreichbar

Das wurde beim G20-Gipfel in Rom am vergangenen Wochenende oder nun dem Weltklimagipfel in Glasgow deutlich. Den notwendigen Turbo konnte die internationale Gemeinschaft beim Klimaschutz dort nicht zünden. Chinas Präsident Xi Jinping oder sein russischer Amtskollege Wladimir Putin nahmen nur virtuell bzw. gar nicht teil. Deutlicher hätten sie ihre Prioritäten nicht zeigen können.

Russland und China führen die Gruppe der Bremser an, sind aber nicht die einzigen. Eine Übersicht:

China (Weltweiter CO2-Ausstoss: Platz 1)

Ohne die Volksrepublik lässt sich die Klimakrise nicht bekämpfen, immerhin ist China seit Längerem der mit Abstand grösste Verursacher von Treibhausgasen. Der Anteil ist 2020 noch gestiegen. Die Volksrepublik war im vergangenen Jahr für 31 Prozent der fossilen Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich, wie aus Berechnungen des Forschungsverbundes «Global Carbon Projects» hervorgeht. 2019 waren es etwa 27 Prozent.

Der prozentuale Anstieg ist darauf zurückzuführen, dass die Emissionen beim zweit- und beim drittgrössten Treibhausgasverursacher, den USA und der EU, wegen der coronabedingten Lockdowns besonders stark gesunken sind.

In einem Jahr möchte sich Präsident Xi auf dem 20. Parteikongress eine dritte Amtszeit sichern. Dafür verspricht er der Bevölkerung vor allem wirtschaftlichen Wohlstand und nährt das Narrativ, dass China bis Mitte des Jahrhunderts die dominierende Weltmacht wird. Dafür braucht er Energiesicherheit, keine einschränkenden Klimaschutzmassnahmen. Die USA möglichst schnell wirtschaftlich zu überholen, hat Priorität.

Präsident Xi hat andere Prioritäten als die Klimaziele.
Präsident Xi hat andere Prioritäten als die Klimaziele.Bild: keystone

China möchte zwar offiziell bis zum Jahr 2060 CO2-neutral sein, zuletzt genehmigte die chinesische Regierung aber noch weitere Kohlekraftwerke. Peking hat zwar angekündigt, die Abhängigkeit von dem Rohstoff zu verringern, was im Ausland Hoffnungen auslöste; doch weitere chinesische Zusagen blieben bislang aus.

Xi betonte beim G20-Gipfel, dass die reicheren Staaten des Westens, die früher mit der Industrialisierung begonnen haben, zunächst beim Klimaschutz vorangehen müssten. Ein zentrales Argument der Klima-Bremser. Doch natürlich gehört China mittlerweile selbst zu den reichen Staaten, steckt zum Beispiel Hunderte Milliarden Dollar in die eigene Armee und vergibt weltweit immense Kredite, um sich Einfluss zu sichern. 

Russland (Weltweiter CO2-Ausstoss: Platz 4)

Während China immerhin an klimafreundlicher Technologie forscht, im Bereich der Automobilindustrie schon grosse Fortschritte gemacht hat, wird sich die russische Wirtschaft mit der Umstellung noch schwerer tun. Zwar beteuerte auch der Kreml, bis 2060 klimaneutral werden zu wollen; aber es ist völlig unklar, ob und wie Putin das wirklich erreichen will.

Glaubt nicht so recht an den menschengemachten Klimawandel: Präsident Putin.
Glaubt nicht so recht an den menschengemachten Klimawandel: Präsident Putin.Bild: keystone

Der russische Präsident galt lange als Skeptiker des menschengemachten Klimawandels. Noch im Jahr 2018 sagte er, die Erde erwärme sich durch «kosmische Veränderungen und irgendwelche Verschiebungen in der Galaxie».

Russland hat sich zwar einer internationalen Initiative zum Schutz der Wälder angeschlossen. Doch das fiel Putin nicht schwer, denn die Bilder der verheerenden Waldbrände in Sibirien haben viele Russinnen und Russen noch vor Augen. Im Zentrum der «Klimastrategie» steht aber vor allem eines: der Schutz der russischen Gasexporte.

«Za nas, za was, za gas» («Auf uns, auf euch, auf das Gas») ist ein russischer Trinkspruch. Das kommt nicht von ungefähr. Die Abhängigkeit der Wirtschaft von fossilen Brennstoffen ist immens – über 63 Prozent der Exporte entfallen auf den Sektor. Bis 2035 soll die Produktion von Gas und Öl noch ausgeweitet werden. 

Auch strategisch ist das in Putins Interesse, denn Europa ist aktuell abhängig vom russischen Gas. Der Kreml nutzt das als aussenpolitisches Druckmittel.  

Saudi-Arabien (Weltweiter CO2-Ausstoss: Platz 8)

Auch Saudi-Arabien hat zwar Klimaneutralität bis 2060 ins Auge gefasst, aber bislang noch keine entsprechenden Massnahmen ergriffen. Das Königreich hat Interesse daran, den Klimaschutz so lange wie möglich hinauszuzögern, schliesslich verdankt es seinen Reichtum den Ölquellen. 

Deswegen investiert Saudi-Arabien weiter in die Produktion von fossilen Brennstoffen. Daran wird sich auch mittelfristig nichts ändern. Das Land wollte zwar seine Abhängigkeit von Ölexporten lösen, mehr auf erneuerbare Energien setzen, aber bislang sind das nur Versprechen. 

Indien (Weltweiter CO2-Ausstoss: Platz 3)

Es sind nicht nur autokratische Regime, die zu den Klima-Schurken gehören – auch Länder wie Indien bremsen.

Der weltweit drittgrösste CO2-Emittent möchte erst bis zum Jahr 2070 klimaneutral sein, wie Premierminister Narendra Modi erklärte. Der Strombedarf im bevölkerungsreichen Staat wächst stetig, gleichzeitig auch die Abhängigkeit von der Kohle – zwei Drittel des Stroms in Indien wird aus ihr gewonnen.

Narendra Modi verlangt auch Klimagerechtigkeit.
Narendra Modi verlangt auch Klimagerechtigkeit.Bild: keystone

Aber das ist nicht alles: Die Kohlebranche umfasst im Land Zehntausende Arbeitsplätze, viele Quellen sind noch gar nicht erschlossen. Die indische Regierung nimmt die Klimakrise zwar ernst, beharrt aber darauf, dass die reicheren Staaten den Grossteil der Massnahmen finanzieren müssen. Die Industrienationen hätten ihren Fortschritt auf dem Rücken der restlichen Welt vorangetrieben und es gehe nun um Klimagerechtigkeit, meint Modi.

Australien (Weltweiter CO2-Ausstoss: Platz 14)

Auch Australien ist eng mit der Kohle verbunden und wird an dem Rohstoff noch lange festhalten. Der neue Plan, den Morrison mit zur Klimakonferenz nach Glasgow genommen hat, baut neben günstiger Solarenergie und dem Handel mit CO2-Zertifikaten zu einem grossen Teil auf die erfolgreiche Entwicklung von Zukunftstechnologien. Statt komplett auf erneuerbare Energien zu setzen, will die Regierung zudem weiter in einen fossilen Brennstoff investieren: Gas.

Die Massnahmen gegen den Klimawandel kommen dem Premierminister Scott Morrison nicht entgegen.
Die Massnahmen gegen den Klimawandel kommen dem Premierminister Scott Morrison nicht entgegen.Bild: keystone

Neben Saudi-Arabien hat sich auch Australien dafür eingesetzt, dass im UN-Klimareport die Forderung nach einem schnellen Ende der fossilen Brennstoffe abgeschwächt oder gestrichen wird. Premierminister Scott Morrison verbindet fast schon eine Liebesgeschichte mit der Kohle.

Im Jahr 2017 hatte er einen legendären Auftritt im Parlament, damals als Parteischatzmeister. Zur Sitzung brachte er ein grosses Stück Kohle. «Das ist Kohle. Haben Sie keine Angst davor. Es wird Ihnen nicht schaden», rief er den Abgeordneten entgegen. Mit höchster Priorität will er die vielen Arbeitsplätze im Land schützen, die am Kohleabbau hängen.

Keine Vorbilder

All die Klima-Schurken haben eines gemeinsam: Angst. Nicht aber vor den verheerenden und auch teuren Folgen der Klimakrise. Nein, es ist einerseits die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen, die notwendige Klimaschutz-Massnahmen mit sich bringen. Und andererseits die Angst davor, dass sich das internationale Machtgefüge zum eigenen Nachteil verschieben könnte. 

Doch wie damit umgehen? Die Europäische Union und insbesondere auch Deutschland tragen dazu bei, dass sich Länder wie Russland und China nur schwer an Klimaziele binden. Immerhin ist die Volksrepublik der wichtigste Handelspartner und die deutsch-russische Gaspipeline Nord Stream 2 wurde in den vergangenen Monaten fertiggestellt. Aber wenn es ums Geld geht, schaut auch Europa nicht genau hin. Wirtschaftlicher Druck wäre ein Mittel.

Der Kampf gegen die Klimakrise braucht momentan vor allem eines: Vorbilder. Auch Deutschland hat seine Klimaziele in der Vergangenheit verpasst. Anders als in Kinderfilmen wird ein einzelner Held jedoch nicht ausreichen, um den Planeten zu retten – es braucht viele. 

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