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Boris Johnson, Guy Parmelin und Antonio Guterres am Klimagipfel in Glasgow.
Boris Johnson, Guy Parmelin und Antonio Guterres am Klimagipfel in Glasgow.Bild: keystone

Greta demonstriert, Biden schläft, Parmelin spricht – Tag 1 am Klimagipfel in 9 Punkten

Am Montag wurde der Klimagipfel in Glasgow eröffnet. Es wurden viele bedeutungsschwangere Reden geschwungen, auch Guy Parmelin äusserte sich. Vor dem Gelände wurde demonstriert und ein prominenter Teilnehmer gönnte sich vor laufenden Kameras ein Nickerchen. Ein Überblick in neun Punkten.
01.11.2021, 20:4001.11.2021, 22:11

Düstere Worte der Teilnehmenden

Mit düsteren Worten hat UN-Generalsekretär Antonio Guterres vor einem Versagen der Menschheit im Kampf gegen die Erderwärmung gewarnt. Sämtliche bereits zugesagten Anstrengungen beim Klimaschutz reichten hinten und vorne nicht aus, um eine Katastrophe abzuwenden, sagte er am Montag beim feierlichen Auftakt der Weltklimakonferenz COP26 im schottischen Glasgow vor Dutzenden Staats- und Regierungschefs. «Wir schaufeln uns unser eigenes Grab.»

Guterres verlangte, alle Regierungen müssten ihre Subventionen für fossile Brennstoffe wie Öl, Gas und Kohle abschaffen, aus der Kohle aussteigen und einen Preis für sämtliche Treibhausgas-Emissionen festlegen. «Es ist an der Zeit, zu sagen: Genug», sagte Guterres. «Genug brutale Angriffe auf die Artenvielfalt. Genug Selbstzerstörung durch Kohlenstoff. Genug davon, dass die Natur wie eine Toilette behandelt wird.»

Auch die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte mehr Tempo beim Klimaschutz und warnte vor «verheerenden Auswirkungen» der Erderwärmung. «Wir sind nicht da, wo wir hinmüssen», sagte sie. Nötig für die unumgängliche «umfassende Transformation» unseres Arbeitens und Wirtschaftens sei ein weltweiter Preis auf den Ausstoss von Kohlendioxid.

«Es ist eine Minute vor Mitternacht auf der Uhr des Weltuntergangs»
Boris Johnson

US-Präsident Joe Biden bat vor dem Plenum um Entschuldigung für den Rückzug seines Vorgängers Donald Trump aus dem Pariser Klimaschutzabkommen von 2015. Trump hatte daran gezweifelt, ob der Klimawandel überhaupt menschengemacht ist - solche Zweifel sind wissenschaftlich klar widerlegt. Nun sagte Biden, Glasgow müsse der Startschuss für ein «Jahrzehnt des Ehrgeizes und der Entschlossenheit sein». Und die USA wollten mit gutem Beispiel vorangehen.

Der Gastgeber der Konferenz, der britische Premierminister Boris Johnson, schwor die Weltgemeinschaft ebenfalls auf schnelles und ehrgeiziges Handeln ein. «Es ist eine Minute vor Mitternacht auf der Uhr des Weltuntergangs», sagte er. «Wir fühlen uns vielleicht nicht wie James Bond, und sehen vielleicht auch nicht so aus.» Aber mit Blick auf den Film-Geheimagenten und die drohende Klimakatastrophe sagte er: «Lasst uns diese Bombe entschärfen.»

Auch Parmelin äussert sich

Die Schweiz ist gleich mit drei Bundesräten an der Konferenz vertreten. Am Montag äusserte sich Bundespräsident Guy Parmelin. Die derzeitigen Verpflichtungen der Staaten reichten bei weitem nicht aus, um das Ziel des Pariser Klimaabkommens zu erreichen, sagte der SVP-Politiker.

«Ein Kind, das heute in meinem Land geboren wird, wird in seinem Leben viermal so viele extreme Ereignisse erleben wie seine Grosseltern. Dieses Kind wird fünfmal so viele Hitzewellen erleben, wie ich sie erlebt habe», begann Parmelin seine Rede in Glasgow in Schottland.

Als Bundespräsident setze er sich dafür ein, dass die Schweiz und die Menschen seines Landes die bestmöglichen Perspektiven hätten, sagte Parmelin weiter. «Als Alpenland ist die Schweiz vom Klimawandel besonders betroffen.»

Die Massnahmen zur Begrenzung der globalen Erwärmung würden «bei weitem» nicht ausreichen. Er fordere deshalb alle Länder auf, «ehrgeizige Ziele» bis 2030 vorzulegen und bis 2050 Klimaneutralität anzustreben. «Wir müssen dieses langfristige Ziel mit kurzfristigen Massnahmen umsetzen», sagte der Bundespräsident.

Seiner Meinung nach müssten an der Uno-Klimakonferenz in Glasgow mindestens drei Ziele erreicht werden: «Wir müssen uns wieder auf den Weg machen, die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, wir müssen robuste Regeln für die Umsetzung des Abkommens festlegen und schliesslich die finanziellen Mittel aufbringen, um unser gemeinsames Ziel Wirklichkeit werden zu lassen.»

Indien verspricht erstmals Klimaneutralität bis 2070

Indiens Premierminister Narendra Modi hat erstmals ein Ziel für die Klimaneutralität seines Landes genannt: Bis 2070 wolle Indien netto null Emissionen erreichen, sagte Modi am Montag beim Weltklimagipfel in Glasgow. Klimaneutralität bedeutet, dass nur noch so viel klimaschädliche Treibhausgase ausgestossen werden, wie etwa in Senken wie Ozeanen und Wäldern aufgenommen und künstlich gelagert werden können.

Das ist das obere Limit, das der Weltklimarat (IPCC) für weltweite Klimaneutralität angegeben hat, damit das Leben auf dem Planeten Erde noch lebenswert bleibt. Viele Länder streben – so wie die EU – Klimaneutralität bis 2050 an, China hat 2060 ins Auge gefasst.

Indien wolle 50 Prozent seines Energiebedarfs bis 2030 aus erneuerbaren Quellen decken, sagte Modi, ohne heutige Vergleichszahlen zu nennen. Das Land wolle bis 2030 zudem eine Milliarde Tonnen weniger Emissionen ausstossen als derzeitige Prognosen vorhersagten.

Indien ist nach China, den USA und der Europäischen Union der viertgrösste Verursacher von Treibhausgasen.

Die wichtigen Abwesenden

Für Schlagzeilen sorgten auch die prominenten Abwesenden. Denn mit Wladimir Putin, Xi Jinping und Jair Bolsonaro fehlen Staatschefs deren Länder viel zum globalen CO2-Ausstoss beitragen.

Chinas Präsident liess sich von der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua zitieren. «Taten sind die einzige Möglichkeit, Visionen in die Realität umzusetzen», hiess es darin.

Nach den von Xinhua veröffentlichten Auszügen machte XI zunächst keine konkreten neuen Zusagen, forderte jedoch alle Seiten auf, «ihre Versprechen einzuhalten». Kein Land produziert eine so grosse Menge klimaschädlicher Treibhausgase wie China.

Am Montag sagte auch Recep Tayyip Erdogan seine Teilnahme ab. Der türkische Präsident begründete sein Fernbleiben mit Bedenken über seine Sicherheit. Die Briten hätten seine Forderungen nicht erfüllen können, zitierten türkische Medien Erdogan.

Klima-Aufruf erreicht in Kürze eine Million Unterschriften

Ein offener Brief führender Klimaaktivistinnen um die Schwedin Greta Thunberg an die Staatenlenker der Erde hat in kurzer Zeit mehr als eine Million Unterstützer gefunden.

Bis zum Montagnachmittag hatten den zum Start der Weltklimakonferenz in Glasgow veröffentlichten Aufruf fast 1,1 Millionen Menschen online mit ihrer E-Mail-Adresse unterzeichnet. Das war auf der Webseite des Kampagnennetzwerks Avaaz zu sehen, mit dem die Aktivistinnen den Appell ins Leben gerufen haben.

In dem Aufruf fordern Thunberg, Vanessa Nakate aus Uganda, die Polin Dominika Lasota und Mitzi Tan von den Philippinen die Staats- und Regierungschefs der Erde auf, der Klimakrise endlich entscheidend und mit sofortigen und drastischen Massnahmen zu begegnen. «Verrat. So beschreiben junge Menschen weltweit das Versagen unserer Regierungen bei der Reduzierung der CO2-Emissionen», schreiben sie.

Die Welt sei «katastrophal weit» vom entscheidenden Ziel des Pariser Weltklimaabkommens entfernt - der Begrenzung der globalen Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. «Dennoch beschleunigen Regierungen weiterhin die Krise, indem Sie Milliarden in fossile Brennstoffe investieren.» Für die Erde bedeute das «Alarmstufe Rot».

Thunberg demonstriert vor Ort

Thunberg, die offiziell nicht eingeladen ist, ist trotzdem nach Glasgow gereist. Dort äusserte sie sich pessimistisch zur Klimakonferenz. «Wandel kommt nicht von da drinnen», sagte sie ausserhalb des Konferenzgeländes am Montag vor Demonstranten. Den teilnehmenden Politikern warf sie vor, nur so zu tun, als läge ihnen etwas an der Zukunft junger Menschen oder dem Schicksal von bereits heute vom Klimawandel Betroffenen. Das seien keine Führungsqualitäten, so Thunberg weiter. «So sieht Führung aus», rief sie und deutete auf die versammelten Aktivisten.

Klimawandel mit Holocaust verglichen: Erzbischof entschuldigt sich

Für viel Aufsehen sorgte eine Aussage des Erzbischofs von Canterbury, Justin Welby. Nach einem Vergleich zwischen dem Holocaust und den Folgen des Klimawandels hat er sich nun am Montag entschuldigt.

Es ist niemals richtig, Vergleiche zu den Gräueltaten der Nazis zu ziehen», schrieb das Oberhaupt der anglikanischen Kirche am Montag bei Twitter. Es tue ihm leid, bei jüdischen Menschen Anstoss erregt zu haben.

Zuvor hatte Welby im Gespräch mit einer BBC-Reporterin beim UN-Klimagipfel COP26 in Glasgow davor gewarnt, die teilnehmenden Staats- und Regierungschefs zögen einen Fluch auf sich, wenn sie nicht die richtigen Massnahmen ergriffen. Er fügte hinzu, man werde eines Tages härter über solche Politiker urteilen als über diejenigen, die während der 1930er-Jahre ignoriert hätten, was sich in Nazi-Deutschland abgespielt habe. «Es wird einen Genozid von unendlich grösserem Ausmass ermöglichen», so Welby weiter.

Die Queen meldet sich via Videobotschaft

Königin Elizabeth II. hat sich in einem ungewöhnlich energischen Appell an die Staatenlenker gewandt. «In den kommenden Tagen hat die Welt die Chance, eine sicherere und stabilere Zukunft für unsere Bevölkerung und den Planeten, von dem wir abhängig sind, zu schaffen», sagte die Königin in einer am Montagabend veröffentlichten Botschaft, die vor einigen Tagen auf Schloss Windsor aufgezeichnet wurde. Sie selbst hoffe, dass die Konferenz einer jener Momente sein werde, bei der alle die Politik des Augenblicks hinter sich lassen und über sich hinauswachsen würden.

Die 95 Jahre alte Königin hatte eigentlich persönlich nach Glasgow reisen und an einem Empfang teilnehmen wollen. Auf ärztlichen Rat sagte sie die Reise jedoch kurzfristig ab und sendete stattdessen die Videobotschaft, in der sie auch ihren im April gestorbenen Ehemann Prinz Philip als leidenschaftlichen Umweltschützer würdigte. Auch Thronfolger Prinz Charles, der die Konferenz am Montag offiziell eröffnete, ist als leidenschaftlicher Klimaschützer bekannt.

«Viele hoffen, dass das Vermächtnis dieses Gipfels – geschrieben in noch zu druckenden Geschichtsbüchern – Sie als die Staatenlenker beschreiben wird, die die Gelegenheit nicht verpasst haben, sondern dass Sie dem Ruf dieser zukünftigen Generationen gefolgt sind», sagte die Queen.

Die Verhandlungen können ganz schön anstrengend sein

«Man verhandelt Tag und Nacht, besonders gegen Ende der Treffen. Ich habe schon Minister neben mir schnarchen sehen. Es braucht schon viel Energie», sagt ETH-Experte Andreas Fischlin im watson-Interview. Fischlin hat schon viele Klima-Verhandlungen miterlebt.

Dass das Treffen in Glasgow an den Kräfen zehren kann, war auch dem US-Präsidenten anzusehen. Biden nickte beim Zuhören einer Rede kurz weg, wie auf Videobildern zu sehen ist. Kurz vor dem Ende der Rede tauchte jedoch ein Mann auf, der den US-Präsidenten wieder zurück in die Realität holte.

Das sind die 7 wichtigsten Punkte aus dem Klimabericht

Video: watson/Aya Baalbaki
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