DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Video: watson

Die Russen machen jetzt Jagd auf diese Waffe aus den USA – und das hat gute Gründe

Die russische Armee will die M777-Haubitzen zerstören, welche in der Ukraine eingesetzt werden. Sie sollen mitverantwortlich für die bisher symbolträchtigste Niederlage an der Ostfront gewesen sein.
20.05.2022, 06:0221.05.2022, 21:42

Die Ukraine kann immer mehr auf schwere Waffen zählen, die vorwiegend aus den Nato-Ländern geliefert werden. Im Einsatz ist etwa die 155 mm gezogene Haubitze M777, die von den USA geliefert wird. Das Artilleriegeschütz soll dazu beigetragen haben, die Russen bei Charkiw bis zur Grenze zurückdrängen.

Dies sagte ein Mitglied des US-Verteidigungsministeriums im Laufe dieser Woche. «Wir glauben, die Haubitzen haben einen Einfluss, besonders bei Charkiw.» 90 M777-Haubitzen wollen die USA an die Ukraine liefern. Davon seien bereits 74 an der Front im Einsatz, sagte der ukrainische Verteidigungsminister Oleksii Reznikow diese Woche.

Warum die M777 so gefährlich ist

Für die Russen ist das keine gute Nachricht. Denn die M777 gilt als modernstes Artilleriegeschütz, das im Westen breit eingesetzt wird. Die Haubitze wurde erst im Jahr 2005 von den USA in Betrieb genommen und in Afghanistan erstmals im Krieg eingesetzt. Ein grosser Vorteil der M777 ist ihr Gewicht. Sie wiegt nur 4,2 Tonnen und kann deshalb vergleichsweise einfach transportiert und verschoben werden.

US-Soldaten mit einer M777-Haubitze in Afghanistan.
US-Soldaten mit einer M777-Haubitze in Afghanistan.Bild: EPA

Die M777 wird von einer Mannschaft von acht bis zehn Personen bedient. Mit herkömmlicher Munition beträgt die Schussdistanz bis zu 24 Kilometer. Doch die M777 kann auch die GPS-gelenkten Projektile «Excalibur» verwenden. Damit können Ziele in bis zu 40 Kilometer Entfernung getroffen werden. Der Zünder wird kurz vor dem Abschuss durch einen Laptop mit den Zielkoordinaten programmiert.

Die Genauigkeit der Excalibur-Projektile ist erstaunlich. Bei Kämpfen im Irak sollen im Jahr 2007 92 Prozent aller Projektile nicht weiter als vier Meter vom Ziel entfernt eingeschlagen sein, schreibt das Fachmagazin root-nation.com. Ein Excalibur-Projektil kann ein Ziel treffen, für dessen Zerstörung sonst zehn bis 50 ungelenkte Artilleriegranaten erforderlich wären. Dies ist eine ernsthafte Bedrohung für die Russen, zumal die Geschütze sowjetischer Bauart keine moderne westliche Spezialmunition verwenden können.

Russland will M777 zerstören

Die Zerstörung der M777-Haubitzen dürfte für Russland denn auch höchste Priorität haben. Das sagte der russische Militär-Experte Michail Chodarjonok kürzlich im russischen Fernsehen. Der Ex-Oberst erregte in den vergangenen Tagen viel Aufmerksamkeit, da er im Staatsfernsehen das Vorankommen der russischen Armee kritisch kommentierte.

So sieht es aus, wenn eine geschulte Mannschaft eine M777-Haubitze bedient.

Video: watson/aiirsource military

Er durfte dennoch erneut auftreten und meinte: «Es gibt allen Grund zu der Annahme, dass diese Haubitzen in naher Zukunft die vorrangigsten Ziele für die Einheiten unserer Raketentruppen, unserer Artillerie und für unsere Einheiten der Luftwaffe sein werden.» Chodarjonok zeigte sich zuversichtlich. Innert Kürze werde die russische Armee die Haubitzen aufgespürt und zerstört haben. «Alles, was von diesen Haubitzen übrig bleiben wird, wird die Erinnerung sein.»

Chodarjonok stützte sich bei seiner Prognose auf ein Video (siehe am Anfang des Artikels) des russischen Verteidigungsministeriums, das die Zerstörung von M777-Haubitzen auf ukrainischem Boden zeigen soll. Das russische Verteidigungsministerium liess am Mittwoch verlauten, dass man per Drohne einen Raketenangriff auf amerikanische Haubitzen durchgeführt habe. Dabei seien mehrere Geschütze beschädigt worden.

Nach dem Drohnen-Angriff hätten sich die ukrainischen Streitkräfte in einem Wald versteckt und die Haubitzen dorthin gezogen. Daraufhin habe die russische Artillerie das Feuer eröffnet und «die gesamte Ausrüstung und die amerikanischen Haubitzen vernichtet».

Ob beim russischen Angriff tatsächlich alle Haubitzen zerstört wurden, kann nicht überprüft werden. Auf dem veröffentlichten Video ist lediglich zu sehen, wie ein Raketeneinschlag eine Haubitze leicht verfehlt. Beim anschliessenden Artilleriebeschuss ist nicht erkennbar, ob die Ziele getroffen werden.

M777 mitverantwortlich für gescheiterte Flussüberquerung

Es wird immer deutlicher, dass die russische Armee gegen einen Gegner kämpft, der mittlerweile mit modernstem Kriegsmaterial agiert. Damit hat Wladimir Putin wohl nicht gerechnet, als er im Februar in die Ukraine einfiel. Die Ostoffensive der Russen ist nicht zuletzt wegen westlicher Waffenlieferungen arg ins Stocken gekommen.

Die Einarbeitung mit der M777 sei sehr einfach, liess das ukrainische Verteidigungsministerium diese Woche in einem Video verlauten. Bereits nach wenigen Minuten könne man damit umgehen. Die Waffenhilfe steigere die Moral der eigenen Truppen und die russische Armee habe grosse Angst vor der M777.

Die US-Haubitzen seien auch beim Gefecht am Siwerskyj Donez eingesetzt worden und hätten massive Verluste bei den russischen gepanzerten Fahrzeugen bewirkt. Will man dem ukrainischen Verteidigungsministerium Glauben schenken, dann dürfte dies auch erklären, weshalb die Zerstörung der M777 beim russischen Militär höchste Priorität geniesst.

Die gescheiterte Flussüberquerung am Siwerskyj Donez ist die bisher symbolträchtigste Niederlage, die die russische Armee an der Ostfront erlitten hat. Nachdem ukrainische Aufklärungstruppen den Überquerungsversuch lokalisieren konnten, wurden die Russen unter massiven Artilleriebeschuss genommen. Die Ukrainer zerstörten Dutzende Panzer und töteten mehrere Hundert russische Soldaten.

Nachdem das Ausmass des Desasters publik wurde, äusserten russische Militär-Blogger scharfe Kritik. Die russische Armee wird deshalb alles daran setzen, dass sich ein solches Fiasko nicht wiederholt – und hätte die M777 wohl lieber bereits heute als morgen aus dem Feld geschafft.

Video: watson
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

93 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
_kokolorix
20.05.2022 07:08registriert Januar 2015
Mit den eher mit Schrottschüssen vergleichbaren russischen Artillerie- und Raketenangriffen, dürfte es schwierig sein, diese vollmundig angekündigten Ziele zu erreichen.
Bisher haben die Russen kaum etwas erobert, das sie nicht vorher in wochenlangem, grossflächigem Beschuss komplett zerstört haben.
Mit Präzision hat dieses Vorgehen nichts zu tun.
1955
Melden
Zum Kommentar
avatar
Androider
20.05.2022 07:31registriert Februar 2014
Wenn es doch nur eine Möglichkeit gäbe, schnell & ohne Verlust aus der Schusslinie der M777 zu kommen... oh wait
1559
Melden
Zum Kommentar
avatar
Borki
20.05.2022 08:12registriert Mai 2018
Das gute an Leand-Lease ist ja: In der gleichen Zeit, in der die Russen 50 Artilleriegeschütze zerstören, liefern die Amis 100 neue...
1273
Melden
Zum Kommentar
93
Wegen Putins Gasdrosselung – hier drohen Gasengpässe im Winter
Putin drosselt das Gas nach Deutschland. Jetzt ruft der Energieversorger Uniper nach staatlicher Hilfe. Die Bundesnetzagentur macht düstere Winter-Prognosen. Die Deutschen sparen schon jetzt freiwillig beim Energieverbrauch.

Seit Mitte Juni drosselt Russland wegen angeblich technischer Mängel die Lieferung von Gas über die Ostseepipeline Nord Stream 1 erheblich. Nur noch 40 Prozent der üblichen Gasmenge erreichen Deutschland. Es könnte gar noch schlimmer werden: Am 11. Juli ist die jährliche Wartung der Ostseepipeline angesetzt. Eigentlich eine Routine-Arbeit. Russland wird den Gashahn für die Wartungsarbeiten wie immer für einige Tage zudrehen. Experten befürchten, dass der Kreml-Herrscher den Gashahn danach überhaupt nicht mehr aufdrehen wird.

Zur Story