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Russische Panzer auf dem Weg zurück: Ist der Truppenabzug ein Zeichen für Entspannung? Die Lage bleibt in jedem Fall explosiv.
Russische Panzer auf dem Weg zurück: Ist der Truppenabzug ein Zeichen für Entspannung? Die Lage bleibt in jedem Fall explosiv.Bild: keystone

Greift Putin die Ukraine doch an? 3 Gründe sprechen dafür – und 3 dagegen

Russland hat bekannt gegeben, einen Teil seiner Truppen von der ukrainischen Grenze abziehen zu wollen. Ein Zeichen der Entspannung? Vielleicht. Was Wladimir Putin genau vorhat, bleibt unklar. Ein Überblick.
15.02.2022, 21:24
Samuel Schumacher und Fabian Hock / ch media

Das spricht für den Krieg

1. Jene, die es wissen müssen, prophezeien den Einfall

Niemand weiss, was im Kopf des russischen Präsidenten Wladimir Putin vorgeht. Wenn es aber darum geht, die Bewegung von Truppen und Waffensystemen zu deuten und sensible Informationsquellen auszuwerten, dann ist auf niemanden mehr Verlass als auf die US-Geheimdienste. Die liessen vergangene Woche durchsickern, dass ein russischer Angriff auf die Ukraine «wahrscheinlich» sei und bereits heute Mittwoch losgehen könnte.

Woher genau sie das wissen, lassen die USA im Dunklen. Ihre Strategie, relevante Erkenntnisse über die russischen Aktivitäten sofort publik zu machen und Putins Handlungsoptionen damit einzuschränken, scheint aber aufzugehen: So haben die Geheimdienste den russischen Plänen einen Strich durch die Rechnung gemacht, mit einem gefälschten Video eines Angriffs ukrainischer Kräfte auf russische Bürger einen Grund für einen russischen Einmarsch zu liefern.

2. 150'000 Soldaten schickt man nicht zum Spass an die Front

Russlands gestrige Ankündigung, einen Teil seiner Truppen von der ukrainischen Grenze abzuziehen, liess den ukrainischen Aussenminister Dmytro Kuleba kalt. Man habe gelernt, nicht den russischen Worten, sondern nur den russischen Taten zu glauben, schrieb er auf Twitter. Tatsache ist: Laut übereinstimmenden Berichten diverser investigativer Gruppierungen befinden sich noch immer neue Truppenverbände und Waffensysteme auf dem Weg an die ukrainische Grenze.

Russlands Präsident Wladimir Putin
Russlands Präsident Wladimir PutinBild: keystone

Unter den anrollenden Waffensystemen sind mobile Raketenabschussrampen (sogenannte Iskander-Fahrzeuge) und Krasukha-4-Systeme, mit denen der Radar feindlicher Kampfjets im Umkreis von 300 Kilometern gestört werden kann. Diese Waffen machen es möglich, die Ukraine auch ohne einen einzigen einmarschierenden Soldaten anzugreifen. Den Aufwand, all dieses Material (inklusive Blutreserven für mögliche Kriegsverletzte) und all diese Leute aus ihren Kasernen in die Winterkälte hinauszuschicken, unternimmt kein Kriegsstratege nur zum Spass.

>> Ukraine-Konflikt: Alle News im Liveticker

3. Putin kann sich einen Gesichtsverlust nicht leisten

Der Kremlchef hat mehrfach deutlich gemacht, dass er den Untergang der Sowjetunion als Katastrophe empfunden hat. Dass er den Einfluss Russlands auf die umliegenden Ländern, deren Souveränität er nur sehr begrenzt anerkennt, ausweiten will, ist kein Geheimnis. Einen leisen, friedlichen Abgang kann er sich weder vor dem heimischen Publikum leisten, das seit Wochen medial auf den Krieg gegen die Aggressoren hinter der ukrainischen Grenze eingestimmt wird, noch vor den mächtigen Verbündeten in Peking, mit denen er sich gemeinsam auf einen scharfen Kurs gegenüber dem Westen geeinigt hat.

Ein russischer MiG-31-Kampfjet steht bereit für den Einsatz.
Ein russischer MiG-31-Kampfjet steht bereit für den Einsatz.Bild: keystone

Das spricht gegen den Krieg

1. Es sind zu wenig Soldaten

Die Bedrohung der Ukraine durch den Aufmarsch russischer Soldaten ist zweifellos real. Es ist die grösste Truppenmobilisierung in Europa seit Jahrzehnten. Dennoch kommen die Sicherheitsexperten des Kiewer Center for Defense Strategies zum Schluss, dass die angesammelten Kräfte «für eine gross angelegte Operation, die darauf abzielt, die gesamte oder einen bedeutenden Teil der Ukraine zu erobern» nicht ausreichen. Würde Putin das vorhaben, müsste Russland Hunderttausende Soldaten und Reservisten auf den Einsatz vorbereiten. Das geschieht derzeit nicht.

Putin, Nato und der Zankapfel: Der Ukraine-Konflikt einfach erklärt

Video: watson/Vanessa Hann, Emily Engkent

2. Die Kosten sind zu hoch

Selbst wenn es zu keiner Grossinvasion des gesamten Landes kommen sollte, ist die Kriegsgefahr keineswegs vom Tisch. Die Besetzung einzelner Regionen oder gar der Hauptstadt Kiew wäre denkbar. Allerdings dürfte auch diese Rechnung kaum aufgehen. Im Falle eines Versuchs, die Grenze vom Norden her zu durchbrechen, «werden die russischen Truppen enorme Verluste erleiden», heisst es in der Analyse der Kiewer Sicherheitsexperten.

Kommt hinzu, dass die Kontrolle über eine Stadt mit drei Millionen Einwohnern «eine schwierige bis unrealistische Aufgabe» ist. Und selbst wenn das gelingen würde: Eine vom Kreml eingesetzte «Marionettenregierung» in Kiew würde weder von den Ukrainern noch international anerkannt. Auch massive Bombardierungen und Raketenangriffe, die einen Einmarsch wohl begleiten müssten, sind unwahrscheinlich. Dagegen sprechen die potenziellen zivilen Opfer. Will Putin die Kontrolle über die Ukraine erlangen, benötigt er die Unterstützung der russischsprachigen Bevölkerung im Land. Durch eine grosse Zahl getöteter Zivilisten dürfte er diese verlieren.

3. Der Westen und die Ukraine selber sind parat

Dass die Kosten für Russland bei einem Angriff enorm hoch wären, hat sowohl mit der Reaktion des Westens, als auch mit Bereitschaft der Ukrainerinnen und Ukrainer zu tun. Hunderttausende Freiwillige sind entschlossen, ihr Land zu verteidigen. Und da es dem Kreml bislang nicht gelungen ist, die Einheit des Westens aufzubrechen, muss Putin mit internationaler Isolation und harten Sanktionen rechnen.

Dennoch gilt es, alarmiert zu bleiben. Denn gerade die Situation in der Ostukraine bleibt hochexplosiv. Versuche des Kreml, Provokationen in den besetzten Gebieten zu organisieren, bleiben plausibel. Solche Aktionen könnten dem Zweck dienen, den Eintritt russischer Truppen in das Territorium der Ukraine zu legitimieren. Denn eines ist klar: die aufgeführten Gründe gegen einen Krieg gelten nur solange der Westen und die Ukraine Putin keinen Spielraum lassen. Erkennt der Kreml eine Schwäche, wird er sie ausnutzen. (aargauerzeitung.ch)

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Maurer bei Putin

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Maurer bei Putin
quelle: epa / alexei druzhinin / sputnik / kre
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100 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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digital detox
15.02.2022 21:28registriert März 2020
Wirtschaftlich hat die Ukraine wegen den letzten Wochen viel verloren. Westliche Investoren werden aus Angst vor einem Krieg in der Ukraine weniger aktiv sein.

Russland kann so mehr wirtschaftlichen Einfluss geltend machen und auch ohne Krieg den Einfluss des Westens verringern.
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Dageka
15.02.2022 22:07registriert März 2014
"dann ist auf niemanden mehr Verlass als auf die US-Geheimdienste"

🤡🤡🤡
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The Destiny // Team Telegram
15.02.2022 21:36registriert Mai 2014
"2. 150'000 Soldaten schickt man nicht zum Spass an die Front"

Man schickt sie auch nicht, einen Monat lang, in hellstem Tageslicht zum Picknick an die Grenze bevor man eine Invasion macht.
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