Russland nutzt Kälte als Waffe – wer einen Schlafsack besitzt hat Glück
Das Trottoir hat sich in Glatteis verwandelt. Fussgänger, besonders alte Leute, riskieren ihre Knochen, wenn sie zu Fuss unterwegs sind. Doch die Menschen müssen manchmal hinaus, um Essen zu kaufen oder Wasser zu holen – zum Beispiel an einem als «Büvette» angeschriebenen Häuschen im Park. Dort kann man während zwölf Stunden am Tag gratis seine Plastikflaschen füllen, weil ein massiver Generator nebenan die Wasserpumpen mit Strom versorgt.
In manchen Quartieren der Hafenstadt Odessa sind wegen der russischen Drohnen- und Raketenangriffe nicht nur Strom und Heizung ausgefallen, sondern auch die Wasserversorgung. Ein paar Schritte von der Büvette entfernt wischt eine alte Angestellte der Stadtverwaltung Eisstücke mit einem Besen von den Wegen. Bäume und Gebüsche tragen einen glänzenden Mantel, sie sind in Eis gehüllt. Wer sein Fahrzeug stehen lässt, findet es schon nach kurzer Zeit mit einer Eisschicht bedeckt.
Die Temperaturen in der Ukraine liegen im Moment zwar nicht mehr so tief wie noch vor wenigen Tagen, doch ist das ein schwacher Trost, wenn die eigene Wohnung nie warm wird. Nachts bleibt den Menschen nichts anderes übrig, als sich bekleidet unter einem Berg Decken im Bett zu verkriechen. Glücklich kann sich schätzen, wer einen dicken Schlafsack besitzt.
Das Thermometer sinkt auf bis zu minus 29 Grad
Ich habe Sweta und ihren Partner Wassilij, einen Marinesoldaten, in ein gut beheiztes Restaurant eingeladen. Die beiden kennen sich erst seit drei Monaten, wohnen aber bereits zusammen, nicht zuletzt weil Wassilij mit seinem Sold von umgerechnet etwas mehr als 200 Franken pro Monat keine eigene Bleibe finanzieren kann.
Wassilij hilft Sweta aus dem Mantel, bevor sie Platz nimmt. «Es ist schön, für einmal in einem warmen Raum zu sitzen», sagt sie. Dann beginnt das Husten. «Meine Erkältung will einfach nicht aufhören. Die Heizung funktioniert bei uns selten. Nur wenn wir Strom haben – also einige wenige Stunden pro Tag –, arbeitet die Umwälzpumpe, und die Radiatoren werden warm. Aber für mehr als 10 Grad im Innern reicht es dennoch nicht.»
Und die nächste Kältefront nähert sich schon wieder: Nächste Woche soll das Thermometer in Odessa nachts bis auf minus 17 Grad sinken. In Kiew werden Minustemperaturen von 27 Grad erwartet und in Charkiw, der zweitgrössten Stadt des Landes, sogar bis zu minus 29 Grad.
Die 40-jährige Sweta arbeitet als Logistikerin in einer Fabrik. Es gibt dort grosse Generatoren, doch der damit erzeugte Strom wird nur dazu benützt, um die Produktion aufrechtzuerhalten. In den Hallen und Büros bleiben die Radiatoren dagegen kalt. Sweta friert am Arbeitsplatz noch mehr als zuhause. Da hat es Wassilij besser, weil manche Stützpunkte der Marine geheizt werden.
Um dem Paar etwas zu helfen, schenke ich ihm eine etwa zwölf Kilogramm schwere Inverter-Batterie, die ich dank eines freiwilligen Helfers aus der Schweiz – zusammen mit einer Menge Schlafsäcke – mitgebracht habe. Mit dem Energiespeicher kann Sweta Teewasser kochen und mit ihrem Laptop zuhause arbeiten. Wenn die Elektrizität zurückkommt, dauert es nur eine Stunde, bis der Akku wieder aufgeladen ist. Bald wird das Paar dank Spenden aus der Schweiz auch noch einen kleinen Generator erhalten.
Ukrainer sind Meister der Improvisation
Das Restaurant, in dem wir zu Abend essen, ist insofern ein Glücksfall, als es an der Grenze zwischen zwei Quartieren liegt. Eine quer über der Strasse hängende Leitung verbindet das Gebäude auch mit dem Netz des angrenzenden Viertels. Wenn das Versorgungsunternehmen den Strom im einen Block abschaltet, kann das Restaurant von gegenüber Strom beziehen oder umgekehrt. Es reicht dazu, einen grossen Schalter zu betätigen.
Schon vor diesem bisher härtesten Kriegswinter haben die Menschen improvisieren gelernt. In der Innerstadt hämmern überall Generatoren und verpesten die Luft. In einem angesagten Lokal, in dem sich Odessas Schickeria trifft, erzählt ein Kellner, dass der Stromerzeuger vor dem Restaurant 200 Liter Diesel pro Tag fresse.
Noch nie in diesem Krieg waren die Stromausfälle so schlimm wie jetzt. Seit russische Drohnen und Raketen systematisch die Energieversorgung zerstören, ist die Lage in manchen Städten, vor allem auch in Kiew und Odessa, zum Teil dramatisch geworden. So müssen Odessas gelb-weiss-rote Strassenbahnen und die Trolleybusse wegen Strommangels fortan in den Depots bleiben. In Kiew erfror laut Presseberichten eine jüdische Holocaust-Überlebende in ihrer Wohnung, nachdem die Wasserleitungen geborsten waren. Wegen der Kälte haben laut den Behörden rund 600'000 Bewohner die Hauptstadt temporär verlassen.
Die Russen greifen sowohl Wärmekraftwerke in den Bevölkerungszentren als auch Umspannwerke der Stromübertragungsnetze an, um die Ukrainer in die Knie zu zwingen. Westliche Medien überbieten sich dabei gerne mit Hiobsbotschaften, berichten aber nur selten, wenn Techniker die Schäden wieder beheben.
So fiel infolge der russischen Bombardements in Kiew seit Anfang Januar die Heizung in etwa 6000 der insgesamt 12’000 Wohngebäuden aus. Dank den unermüdlichen Reparaturtrupps sank diese Zahl jetzt aber – je nach Quelle – auf noch 700 bis 900 Gebäude ohne Heizung – trotz fortgesetzter russischer Angriffe.
In diesem Jahr sind die Angriffe besonders heftig
In den letzten Tagen bin ich rund 1500 Kilometer quer durchs Land gefahren. Bei Umspannwerken sieht man häufig, wie die Ukrainer die wertvollen Transformatoren vor russischen Drohnen zu schützen versuchen: mit Barrikaden aus Sandsäcken, mit Betonröhren, die mit Erdreich gefüllt sind, und mit riesigen, bis zu 40 Meter hohen Vorhängen aus Drahtnetzen, die mit Baukränen an massiven Masten aufgehängt wurden.
Bisher haben die Russen die Kälte noch in jedem Kriegswinter als Waffe eingesetzt. Diesmal waren sie damit aber erfolgreicher, weil die Temperaturen erstens ungewöhnlich tief absackten und zweitens weil dem Kreml heute sehr viel mehr Kampfdrohnen zur Verfügung stehen als in früheren Jahren.
Oleksandr, der für eine Transportfirma in Kiew arbeitet, erzählt, dass er bei sich zuhause nur zwischen zwei und fünf Stunden pro Tag Elektrizität habe. «Die Russen greifen Kiew ganz besonders heftig an. Die Energieinfrastruktur ist schwer angeschlagen, aber es wird auch ständig repariert. Und dann schlagen die Drohnen erneut zu. Trotzdem werden wir nicht aufgeben.»
Tatsächlich hat eine russische Zircon-Rakete laut ukrainischen Presseberichten ein wichtiges Umspannwerk getroffen, das Kiew mit dem Atomkraftwerk Riwne im Westen des Landes verbindet. Dadurch seien rund 80 Prozent der Stromversorgung in der Hauptstadt ausgefallen.
Die Geran-Drohnen (Russisch für «Geranium») bedrohen aber nicht nur Infrastrukturanlagen, sondern fliegen häufig auch in Wohnhäuser. Mitten in der Nacht wache ich auf vom Lärm der Flugabwehr. Offenbar ist wieder ein Angriff in Gang. Bei Tageslicht gehe ich mir die Bescherung ansehen. Von den etwa 50 Geran, die auf die Hafenstadt Odessa abgefeuert wurden, traf eine ein dreistöckiges Wohngebäude und riss ein riesiges Loch in die Fassade.
Übrig blieb nur das Erdgeschoss, das jetzt unter einem Schutthaufen begraben ist. Zuoberst hängt das Dach mitsamt Überresten des Kamins gefährlich über Feuerwehrleuten und Rettungskräften, die nach Verschütteten suchen. Ein ausfahrbarer Kran hilft, grosse Trümmerstücke anzuheben. Die Bilanz des gesamten Luftangriffs in dieser Nacht: drei Tote und 35 Verwundete.
Rund um den Ort der Tragödie stehen Löschfahrzeuge und Krankenwagen, daneben auch Zelte und Fahrzeuge von Hilfsorganisationen, in denen Mahlzeiten und heisse Getränke serviert werden. Man kann leicht erkennen, dass sich die Rettungskräfte und Helfer längst an solche Terrorangriffe gewöhnt haben und nun professionell reagieren.
Keine 500 Meter entfernt hat eine weitere Drohne ein ebenerdiges, altes Haus getroffen. Handwerker arbeiten daran, die geborstenen Fenster im Umkreis des Einschlags mit Spanplatten behelfsmässig gegen die Kälte abzusichern. Im Baumarkt stapelt sich dazu tonnenweise Pressholz der Luzerner Swiss Krono Group AG, die unter anderem in der Westukraine ein grosses Werk betreibt.
Vor dem zerstörten Haus arbeitet ein Elektriker auf einer Leiter an Stromkabeln. Gegenüber befindet sich ein Hotel, dessen Fensterscheiben durch die Druckwelle zerstört wurden. Im Erdgeschoss sind die klaffenden Löcher bereits mit Holzplatten verschlossen. In den oberen Stockwerken flattern die Vorhänge im Wind. (aargauerzeitung.ch)
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