DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Vakuumbomben auf Mariupol und die andere Schreckenswaffen Putins

Hat Russland die geächteten Vakuumbomben beim Angriff auf das Stahlwerk Asow eingesetzt? Es wäre nicht die einzige Horrorwaffe der Russen, wie ETH-Experten erklären. Sogar den Weltraum haben die Russen im Visier.
11.05.2022, 11:35
Bruno Knellwolf / ch media

Die Vakuumbombe gehört zu den schrecklichsten Waffen überhaupt. Die erste seiner zwei Sprengladungen setzt beim Aufprall eine Wolke aus Aerosol-Treibstoff frei. Die zweite Sprengladung entzündet diese Wolke und löst eine grosse Schockwelle und einen Feuerball aus, der mit 3000 Grad Celsius brennt und den Sauerstoff aus der Umgebung abzieht.

Die Vakuumbombe tötet auch Menschen, die sich in Tunnels und Kellern verstecken, so wie in den befestigten unterirdischen Räumen des Stahlwerks Asow in Mariupol.

«Es gibt nun Berichte, wonach die russische Armee bei der Belagerung des Stahlwerks solche thermobarische Waffen eingesetzt hat.»

Ein Überleben einer solchen doppelten Brennstoff-Luft-Explosion wäre in unmittelbarer Nähe fast unmöglich, sagt Stephen Herzog, Experte für Massenvernichtungswaffen am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich.

Offiziell ist noch nichts bestätigt. «Obwohl viele humanitäre Organisationen und Medien den Einsatz von Vakuumbomben gegen Zivilisten gemeldet haben, wissen wir es nicht mit Sicherheit», sagt Herzog. Russen und Ukrainer haben für ihre Behauptungen unterschiedlichen Gründe.

«Moskau versucht, ukrainische Soldaten und Zivilisten durch die Angst vor einer Eskalation zur Kapitulation zu bewegen», sagt der ETH-Experte. Kiew hingegen möchte damit andere Länder bewegen, mehr Waffen zu liefern oder direkter einzugreifen.

Stephen Herzog vom Center for Security Studies der ETH Zürich, Experte für Massenvernichtungswaffen.
Stephen Herzog vom Center for Security Studies der ETH Zürich, Experte für Massenvernichtungswaffen.Bild: ZVG

Um ein Kriegsverbrechen nachzuweisen, braucht es viele Beweise

Der Einsatz von Vakuumbomben wäre ein Kriegsverbrechen, der allerdings erst durch eine dritte Partei nachgewiesen werden müsste. Dafür bräuchte es eine Reihe verschiedener Beweise. «Im Idealfall würden die Ermittler nach Überresten der Raketenhülle suchen, die sowohl am Ort als auch in einem Labor untersucht werden könnten», sagt Herzog.

Das wäre zusätzlich zu den Videos von Explosionen, Bildern von Kratern an den Einschlagstellen und Aufzeichnungen der Geheimdienste wichtig für die Beweisführung. Eine solche «komplizierte Untersuchung eines Kriegsverbrechens» ist in Mariupol zurzeit aber unmöglich.

Für absolut undenkbar hält der ETH-Experte den Einsatz einer Vakuumbombe nicht. Er würde nach Herzog nur bestätigen, was man schon sieht: Dass Putin bereit ist, tödliche und unverhältnismässige Schreckenswaffen einzusetzen – auch gegen Zivilisten. «Der Einsatz von weissem Phosphor, Streumunition und Hyperschallwaffen hat bereits stattgefunden. Auch das Flammenwerfer-System TOS-1A des russischen Militärs, das Vakuumbomben abfeuern kann, wurde bereits im Kampfgebiet eingesetzt», sagt Herzog.

Dieser russische Flammenwerfer TOS-1A namens Solntsepyok (Glühende Sonne) kann Vakuumbomben abschiessen.
Dieser russische Flammenwerfer TOS-1A namens Solntsepyok (Glühende Sonne) kann Vakuumbomben abschiessen.Bild: EPA/EPA

Mit weiteren «Geheimwaffen» Angst schüren

Angst verbreitet Putins Gefolge auch mit Meldungen zu anderen Horrorwaffen. «Wie die staatliche russische Nachrichtenagentur TASS berichtet, wird das atomgetriebene U-Boot Belgorod diesen Sommer ausgeliefert und bald einsatzbereit sein», sagt Herzog. Es soll am «Tag der russischen Marine», dem 31. Juli, in den Armeedienst gestellt werden. Die Belgorod wird nach russischen Angaben das grösste U-Boot der Welt sein und die atomar bewaffneten Poseidon-Torpedos tragen.

Diese Torpedos verfügen über ein Leitsystem, das mit künstlicher Intelligenz arbeitet. Deswegen können sie nur schlecht abgewehrt werden. «Wenn alles nach Plan verläuft, wäre die Belgorod eine bemerkenswerte Erweiterung der russischen Flotte», sagt der ETH-Militärexperte. Er relativiert aber auch: Die Seemacht und die Kapazitäten der Nato blieben auch dann grösser als jene Russlands.

Neue interkontinentale Raketen

Britische Medien berichten zudem, dass die Russen Gleitflugkörper des Typs Avangard bauen. Wann diese eingesetzt werden könnten, sei nicht bekannt, sagt Alexander Bollfrass, Waffenforscher am CSS der ETH Zürich. Im Krieg in der Ukraine würden diese aber keine Rolle spielen. Sie wären aber eine Bedrohung für Länder in der Entfernung von England. Avangard ist ein strategisches System mit interkontinentaler Reichweite. Geplant wurde Avangard, um die Raketenabwehrsysteme der USA zu überwinden.

Berichtet wird auch über eine andere «Geheimwaffe», mit denen die Russen ihre Macht demonstrieren wollen. Die Rede ist von einer Hyperschall-Marsch-Rakete, die mit unglaublicher Geschwindigkeit unterwegs ist. Dabei handelt es sich um eine Anti-Schiffs-Rakete. «Die Ukraine hat aber keine nennenswerten Schiffe, auf welche die Russen damit zielen könnten», sagt Bollfrass. Eine Hyperschall-Marschrakete wäre somit nicht für den Einsatz in der Ukraine vorgesehen.

Baut Russland eine militärische Raumstation?

Die russischen Drohungen reichen bis ins Weltall. «Russland hat sich kürzlich aus der Internationalen Raumstation zurückgezogen und einen neuen Militärsatelliten gestartet, der im Konflikt in der Ukraine eingesetzt werden soll», sagt Herzog.

Darüber hinaus erklärte Dmitri Rogosin, der Direktor der russischen Raumfahrtagentur Roscosmos, im März, dass der Kreml den Start einer neuen militärisch ausgerichteten Raumstation plane. Auf dieser wären nur russische Kosmonauten anwesend, die Überwachung und Spionage betreiben könnten. Diese Raumstation werde errichtet, wenn Russland weiterhin mit einer «feindlichen Welt» konfrontiert sei, sagte Rogosin.

«Bisher gibt es jedoch keine Anzeichen dafür, dass es sich bei dieser Rhetorik um mehr als leere Drohungen handelt», erklärt Herzog. Falls doch mehr dran wäre, bedeutete dies eine neue Etappe in der Militarisierung des Weltraums. Derzeit verfügt kein einziges Land über eine militärische Raumstation. Diese Art von Drohungen mache deutlich, dass es wichtig sei, einen Vertrag zur Verhinderung eines Wettrüstens im Weltraum unter der Schirmherrschaft der UNO zu überdenken, sagt Stephen Herzog.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

48 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Kaffeesüchtig
11.05.2022 12:15registriert November 2021
„… einen Vertrag zur Verhinderung eines Wettrüstens im Weltraum unter der Schirmherrschaft der UNO zu überdenken…“

Ich bezweifle gerade, dass momentan die Unterschrift der Russen unter einem Vertrag das Papier wert ist. Wenn Putin eine militärische Raumstation will, wird er eine bauen. Der Vertrag würde nur dazu dienen, den Westen in falscher Sicherheit zu wiegen, bis es zu spät ist.
747
Melden
Zum Kommentar
avatar
tss
11.05.2022 12:01registriert Juni 2020
"Ich han dr grösser als DU"
für vorgeschrittene

Einfach nur widerlich egal ob Russland, USA oder China.
5711
Melden
Zum Kommentar
avatar
sivetech
11.05.2022 12:08registriert April 2020
Der Mensch ist wahrlich das primitivste Lebewesen.
5813
Melden
Zum Kommentar
48
«Wen lügt ihr an?» Situation in Shanghai bleibt trotz Lockerungs-Ankündigung angespannt

Am Montag hat die Stadtverwaltung von Shanghai bekanntgegeben, dass der strickte Lockdown nach mehreren Wochen gelockert wird. Die Zahlen der Neuinfektionen sanken zuletzt in in der Metropole im Osten des Landes. Nachdem beim Peak Mitte April noch über 3000 Menschen pro Tag neu positiv getestet worden waren, waren es am Mittwoch nur noch 96.

Zur Story