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Queere Menschen im Krieg: Drei Soldaten aus der Ukraine erzählen

Queerer Soldat im Ukraine-Krieg: «Die sexuelle Orientierung spielt im Krieg keine Rolle»

Als queerer Mensch stösst man im Alltag auf viel Wut, Hass und Unverständnis. Aber wie ist es, als Teil der LGBTQIA+ Community im Krieg zu kämpfen? Drei Soldaten berichten.
02.03.2023, 17:3703.03.2023, 15:23
Lea Oetiker
Lea Oetiker
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Der Krieg in der Ukraine ist wohl der erste Krieg, in dem so offen über LGBTQIA+ gesprochen wird. Drei Soldaten berichten über ihre Erfahrungen:

Viktor – Soldat

Queere Menschen im Krieg: Viktor aus der Ukraine erzählt
Viktor ist eigentlich Übersetzer und Projektleiter.
«Im Krieg verschwimmen soziale Herkunft und sozialer Status.»
Viktor

Viktor ist eigentlich Übersetzer und Projektleiter. Nun kämpft er im Ukraine-Krieg in der Region Donezk. Gegenüber dem Tagesspiegel erzählt er, wie es ist, als queerer Mensch im Krieg zu kämpfen.

Viktor habe viele Kameraden im Krieg, die sich für ihn einsetzten. Sobald jemand Fragen hatte oder Missverständnisse auftauchten, hätten ihn seine «Brüder» verteidigt. So nennt er seine Kameraden. «Wir sind hier alles Menschen», sagt Viktor. Hier – im Krieg – bewerte man Menschen in erster Linie nach den menschlichen Qualitäten und nach Effizienz in der Einheit und im Kampf, berichtet er gegenüber dem «Tagesspiegel». «Wenn Sie ein guter Mensch sind, spielt es keine Rolle, ob man heterosexuell oder homosexuell ist. Im Krieg verschwimmen soziale Herkunft und sozialer Status», fügt er hinzu.

Der Staat hinke jedoch in rechtlicher Hinsicht ein wenig hinterher: «Stirbt ein homosexueller Soldat im Krieg oder wird er verwundet, hat er nicht die gleichen Rechte wie die Frau eines heterosexuellen Soldaten.» Das müsse sich ändern. Doch Viktor geht davon aus, dass man dieses Problem bald lösen wird. Er hoffe darauf, dass man eine vollständige Gleichstellung der Ehe einführen kann. «Ich bin seit zwei Jahren mit meinem Freund zusammen, er wartet im Krieg auf mich. Warum sollten wir anders behandelt werden?», fügt er hinzu.

«Stirbt ein homosexueller Soldat im Krieg oder wird er verwundet, hat er nicht die gleichen Rechte wie die Frau eines heterosexuellen Soldaten.»
Viktor über seine Rechte als homosexueller Mann

Eine Vereinigung für queere Menschen im Militär

Viktor war schon 2014 als Freiwilliger an der Front, berichtet der «Tagesspiegel». Er diente bis 2016. Da kam ihm die Idee, eine Vereinigung für queere Menschen zu gründen. Seit 2018 besteht «LGBT Military and Our Allies» als informeller Verein. Seit 2021 sind sie offiziell eingetragen. Auf Facebook haben sie etwa 4000 Abonnenten. «Das sind Vertreter der Zivilgesellschaft, zum Beispiel Journalisten, Anwälte, Heterosexuelle im Militär, die uns offen unterstützen», erzählt Viktor. Im Verein sind viele queere Menschen repräsentiert: Homosexuelle, Bisexuelle, Non-Binäre und Transgender-Menschen im Krieg haben hier einen Safe Space.

Borys – Kampfsanitäter

«Im Krieg haben wir einen Feind und ein gemeinsames Ziel, alles andere ist irrelevant.»
Borys

Borys ist militärischer Kampfsanitäter. Monatelang ist er an der Front unterwegs und bildet Soldaten aus: Blutsperre anlegen, Blutung stillen und Schusswunden versorgen. Er erzählt seine Geschichte gegenüber dem polnischen Blatt Wiadomosci. «Der Krieg macht es einfacher, sich in einer militärischen Umgebung zu outen», erzählt er. «Wenn einem der Tod in die Augen sieht, gibt es keine Zeit zu zögern». Seine Einheit weiss, dass er schwul ist. «Im Krieg haben wir einen Feind und ein gemeinsames Ziel, alles andere ist irrelevant», fügt Borys hinzu.

Homophobie sei in Russland gross verbreitet – auch in der Ukraine: «Wir haben auch Organisationen in der Ukraine, die ‹traditionelle Werte› verteidigen. Seltsamerweise klingt die genau gleich wie die russische Propaganda», erzählt er im Interview mit Wiadomosci. «Laut den russischen Propagandabotschaften haben alle Schwulen das Land verlassen. Aber ich bin hier und kämpfe für mein Land.»

Oleksander – Sanitäter

«Ich sagte, ich bin schwul. Die meisten hatten es erraten. Die meisten hatten auch kein Problem damit.»
Oleksander

Als die Russen einmarschierten, meldete Oleksander sich freiwillig als Sanitäter. Auch er erzählt dem polnischen Blatt Wiadomosci von seinen Erfahrungen, die er im Krieg macht. Oleksander wollte schon immer Kinderarzt werden: «Ich sprach zu den Verwundeten wie zu Kindern», erzählt er. Er klebte Pflaster auf die Verletzungen, blies auf die Wunde und verlieh ihnen ein tapferes Patientenabzeichen. «Sie kamen unter jedem Vorwand wieder zurück. Wie beim Psychologen», berichtet er.

«Jeder braucht Wärme. Vor allem unter diesen Umständen.» Er fand schnell heraus, wer homophob ist und wer kein Problem mit ihm hatte. Er wollte, dass seine Kameraden aus der Einheit ihn kennenlernten: «Ich sagte, ich bin schwul. Die meisten hatten es erraten. Die meisten hatten auch kein Problem damit», fügt er hinzu. Verändert habe sich nach seinem Outing nichts.

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42 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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dega
02.03.2023 17:56registriert Mai 2021
Die sexuelle Orientierung (wie auch die Hautfarbe) sollte nie eine Rolle spielen. Wäre eigentlich sehr einfach...
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Tokyo
02.03.2023 18:14registriert Juni 2021
grundsätzlich sollte die sexuelle Orientierung, die man sich nicht aussucht, nie eine Rolle spielen!
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Sii sorry abär....... Äääääähm?
02.03.2023 18:17registriert März 2020
Schön auch etwas Fortschritt, in einem Krieg der nicht ins Jahr 2023 gehört.
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