DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Video: watson

Russischer Musiker kritisiert Putin aufs Schärfste – das Publikum reagiert erstaunlich

Der russische Rockmusiker Juri Schewtschuk ging hart mit Wladimir Putin ins Gericht. Anti-Kriegsstimmung herrschte am Wochenende auch bei einem Konzert in St.Petersburg. Die Kritik am Krieg in der Ukraine wird lauter.
24.05.2022, 14:0725.05.2022, 16:21

Die Kriegs-Bilanz für Russland ist verheerend: Über 29'000 russische Soldaten sollen im Krieg bereits gefallen sein, berichten die Ukrainer. Die russische Wirtschaft schwächelt, Unternehmen verlassen das Land, die Reisefreiheit ist massiv eingeschränkt und die Nato ist gestärkt. Gleichzeitig kommt die Offensive im Osten der Ukraine nicht wirklich vom Fleck.

Offiziell ist der Rückhalt für Wladimir Putin in Russland immer noch gross – er bewegt sich bei rund 80 Prozent. Aber die Zahlen sind mit Vorsicht zu betrachten. Wer sich kritisch gegenüber dem Krieg äussert, muss in Russland mit Geld- oder Haftstrafen rechnen.

Es gibt in Russland jedenfalls Leute, die den Krieg in der Ukraine nicht unterstützen. Dies zeigte sich vergangene Woche an einem Konzert der Rock-Band «DDT» in der russischen Stadt Ufa. Frontmann Juri Schewtschuk nahm gegenüber den 8000 Zuschauerinnen und Zuschauern kein Blatt vor den Mund und kritisierte Putin aufs Schärfste.

Er sagte:

«Und jetzt werden die Menschen in der Ukraine ermordet. Weshalb?

Unsere Jungs sterben dort drüben. Und wofür?

Was sind die Ziele, meine Freunde?

Wofür? Wieder geht die Jugend Russlands und der Ukraine zugrunde.

Ältere Menschen, Frauen und Kinder sterben.

Für irgendwelche napoleonischen Pläne eines anderen Cäsars von uns.

Das Vaterland, meine Freunde, ist nicht der Arsch des Präsidenten, der ständig geküsst und getröstet werden muss.

Das Vaterland ist die bettelnde Oma am Bahnhof, die versucht, Kartoffeln zu verkaufen. Das ist das Vaterland.»

Dass sich Sewtschuk gegen den Krieg äussert, kommt nicht ganz überraschend. Der Musiker gilt schon länger als Kritiker der Putin-Regierung. Im April soll er sich geweigert haben, in der Stadt Tyumen aufzutreten, da der Veranstaltungsort mit einem grossen «Z» aufwartete, wie die in Amsterdam operierende Zeitung The Moscow Times berichtet. Der Buchstaben gilt als Symbol für die Unterstützung der russischen Streitkräfte in der Ukraine.

Durchaus überraschend war indes die Reaktion des Publikums. Denn die Zuschauerinnen und Zuschauer quittierten die Worte Sewtschuks mit tosendem Applaus.

Video: watson

Auftritt hat Konsequenzen

Für den Musiker dürfte der Auftritt Konsequenzen haben: Radmir Usaew, ein Produzent, sagte auf Instagram, dass nach dem Konzert «Sicherheitskräfte» eine Stunde lang mit Sewtschuk sprachen und ihn ein «Protokoll» unterschreiben liessen, das an ein Gericht geschickt wurde. Er habe sich davon aber nicht einschüchtern lassen. «Einmal mehr bestätigte Schewtschuk, dass er ein echter Mann ist, da er nach dem Verhör keine Angst oder Depression verspürte, sondern nur eine leichte Müdigkeit nach einem dreistündigen Live-Konzert.»

Liess sich nicht runterkriegen: Juri Schewtschuk rechts im Bild nach dem Konzert.

Schewtschuk wird nun wegen «Diskreditierung» des russischen Militärs angeklagt. Wird der Musiker für schuldig befunden, droht ihm eine Geldstrafe von bis zu 50'000 Rubel (etwa 800 US-Dollar), schreibt The Moscow Times. Seit Beginn des Krieges erhoben die russischen Behörden bereits 2000 solcher Anklagen. Mindestens 133 weiteren Personen drohen bis zu 15 Jahre Gefängnis, weil sie «Fake News» über das Militär verbreitet haben.

«F*** den Krieg»

Nicht nur in Ufa machten Konzertbesucherinnen und Konzertbesucher ihrem Unmut über den Krieg Luft. In einem Video, das von der Oppositionspolitikerin Ljubow Sobol auf Twitter gestellt wurde, ist zu sehen, wie eine Menschenmenge «F*** den Krieg» skandiert. Die Anti-Kriegs-Sprechchöre fanden am Freitag an einem Konzert der Band «Kiss-Kiss» in St.Petersburg statt.

Kritik wird lauter

Grössere Protestmärsche gegen den Krieg gibt es in Russland seit längerem nicht mehr. Viele Oppositionelle sind ausser Land geflüchtet und die Polizei nahm die Demonstrierenden gleich reihenweise fest. Doch immer wieder leisten Zivilistinnen und Zivilisten mit einzelnen Aktionen Widerstand. Etwa am 9. Mai, als am «Tag des Sieges» Gedenkmärsche satt fanden. Einige Personen mischten sich unter die Menge und liessen mit Plakaten ihre Ahnen für den Frieden sprechen.

Zuletzt wurde auch die russische Berichterstattung zum Krieg kritischer. Nachdem mutmasslich Hunderte Soldaten bei einer gescheiterten Flussüberquerung ihr Leben verloren hatten, platzte gleich mehreren Militär-Bloggern der Kragen. Sie bezeichneten die Generäle, die für das Desaster verantwortlich waren, als «Idioten» und forderten Personalveränderungen.

Der im Donbas agierende Militärführer Igor Girkin bezichtigte den eigenen Verteidigungsminister, Sergej Schoigu, der «kriminellen Fahrlässigkeit». Die Ost-Offensive bezeichnete er als «fehlgeschlagen». Derweil sorgte der ehemalige Oberst Michail Chodarjonok im Fernsehen für grosses Aufsehen, als er offen aussprach, dass die Situation für Russland «immer schlechter» werde.

Die Liste jener Russinnen und Russen, die mit dem Krieg oder dessen Verlauf nicht zufrieden sind, wurde am Montag noch einmal um ein prominentes Mitglied länger. Der russische Diplomat bei der Uno in Genf, Boris Bondarew, trat von seinem Posten zurück und hinterliess ein bissiges Rücktrittsschreiben. «Ich habe mich noch nie so für mein Land geschämt», liess Bondarew verlauten. «Der von Putin entfesselte Angriffskrieg gegen die Ukraine, ja gegen die gesamte westliche Welt, ist nicht nur ein Verbrechen gegen das ukrainische Volk, sondern vielleicht auch das schwerste Verbrechen gegen das russische Volk …» Die Konzertbesucherinnen in Ufa und St.Petersburg dürften ihm recht geben.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

108 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Firefly
24.05.2022 14:20registriert April 2016
"Das Vaterland, meine Freunde, ist nicht der Arsch des Präsidenten, der ständig geküsst und getröstet werden muss.

Das Vaterland ist die bettelnde Oma am Bahnhof, die versucht, Kartoffeln zu verkaufen. Das ist das Vaterland.»"

Er sollte Präsident sein!
60210
Melden
Zum Kommentar
avatar
MetalUpYour
24.05.2022 14:17registriert August 2016
Dass sich doch viele Russen getrauen, ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen, seien es einzelne Helden oder zumindest in Form von Sprechchören in der Masse lässt mich hoffen.

Дружба!
3436
Melden
Zum Kommentar
avatar
Kommissar Rizzo
24.05.2022 14:18registriert Mai 2021
*Das Vaterland ist die bettelnde Oma am Bahnhof, die versucht, Kartoffeln zu verkaufen. Das ist das Vaterland.*
Die traurige Realität! Was man alles mit den verschwendeten Ressourcen dieses riesigen Landes FÜR die Menschen dort machen könnte. Aber eben: *irgendwelche napoleonischen Pläne eines anderen Cäsars von uns* haben leider Priorität...
2955
Melden
Zum Kommentar
108
«Sie haben jeden getötet, den sie finden konnten» – wohl Dutzende Tote in Äthiopien

Bei einer Attacke in Äthiopien sind einem Augenzeugen zufolge Dutzende Zivilisten getötet worden. Premierminister Abiy Ahmed bestätigte den Angriff von Montag in der Region Oromia in sozialen Medien, nannte aber keine Opferzahlen.

Zur Story