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Die Feier am Gotthard war die Krönung für unser Ego. Jetzt holt uns die raue Realität wieder ein

anna Miller



Jetzt sind wir durchgefahren, durch den Tunnel. Er war 57 Kilometer lang, die Fahrt hat um die 20 Minuten gedauert. Es ging irgendwie schnell, irgendwie auch nicht. Es war dunkel, draussen vor den Scheiben, und drinnen war es hell wie immer. Die Leute haben während der Fahrt geschwatzt, gelacht, getrunken und auf ihren Handys rumgetippt. Das Leben hat einfach seinen Lauf genommen, am 1. Juni 2016, kurz vor 14 Uhr.

Wir haben das Jahrhundertbauwerk der Schweiz, die Neat, ziemlich anständig und bürgerlich eingeweiht. Wie es eben zur Schweiz gehört. Wir haben davor ein bisschen Bündnerfleisch gegessen und uns gegenseitig die Hände geschüttelt, haben auf einer Tribüne sitzend einem kunstvollen Spektakel des deutschen Regisseurs Volker Hesse beigewohnt, ein Paar nackte Brüste gesehen, ein paar als Federvieh und Gämse verkleidete Akrobaten. Einigen hat es sehr gefallen, anderen weniger.

epa05340731 Artists perform during the opening show directed by German director Volker Hesse, on the opening day of the Gotthard rail tunnel, the longest tunnel in the world, at the fairground in Pollegio, Switzerland, Switzerland, 01 June 2016. The construction of the 57 kilometer long tunnel began in 1999, the breakthrough was in 2010. After the official opening on 01 June, the commercial opperation will commence on December 2016.  EPA/ALEXANDRA WEY

Brüste!
Bild: EPA/KEYSTONE

Unsere Verkehrsministerin Doris Leuthard hatte einen durchlöcherten Umhang von einem Schweizer Designer an, über den sich die Medien das Maul zerreissen, weil die Schweizer es ungeheuerlich finden, für Design so viel Geld auszugeben und sich nicht mal dafür zu schämen. Sie hat fast geweint, vor laufender Kamera, weil ihr das Projekt Gotthard Basistunnel so am Herzen liegt, und viele Schweizer haben leise mit ihr geweint. Einige vor Freude, andere, weil sie die kleine Kirche von Wassen nicht mehr so oft sehen werden.

Die Schweiz hat sich mit der Neat ein neues Loch gebohrt und damit ein neues Herz transplantiert, mitten hinein in eine Zeit der Unsicherheiten und Krisen. Sie hat sich mit der Eröffnung des Gotthard Basistunnels für eine kurze Zeit Kredit verschafft, ein wenig Wohlwollen und Zeit, in Zeiten des starken Frankens, unverschneiter Berge, fehlender Touristen.

Swiss Federal President Doris Leuthard delivers a speech on the opening day of the Gotthard rail tunnel, the longest tunnel in the world, at the southern portal in Pollegio, Switzerland, Wednesday, June 1, 2016. The construction of the 57 kilometer long tunnel began in 1999, the breakthrough was in 2010.  (Alexandra Wey/Keystone via AP)

Frau Leuthard und die Löcher.
Bild: AP/KEYSTONE

Sie hat an ihrer grossen Volksfeier für einen Moment vergessen lassen, welche Probleme die Schweiz als Land des Tourismus und Exportland von Käse und Schokolade gerade stemmen muss – und hat die Schweiz glänzen lassen als Land des Fortschritts, der Innovation. Das Land der guten, alten, soliden Werte, so beständig wie der Fels, aus dem der Tunnel nun geboren wurde. Präzision, Handwerk, Innovation, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit.

Es gab keine Skandale, keine Verzögerungen, kein Überschreiten des Budgets, man hat dem Volk und dem Land gegeben, was man ihm versprochen hatte. Man hat 17 Jahre lang jeden Tag fleissig sein Werk vollbracht, Hunderte, Tausende Arbeiter, Planer, Strategen.

Wir haben zugehört, wie Bundespräsident Johann Schneider-Ammann den Weg frei machte, für die erste Durchfahrt, für eine Horde Schülerinnen und Schüler und ein paar glückliche Bürgerinnen und Bürger, die noch vor all den wichtigen Staatsgästen wie François Hollande und Angela Merkel durch den Tunnel durften. Ein Akt der Demut, ein Akt für das Volk, wie es sich für eine direkte Demokratie eben gehört. Ikonen der deutschen Politik wie Joschka Fischer sassen in ihren Sitzen und konnten gar nicht glauben, dass das Fussvolk zuerst fahren darf, das wäre so in keinem anderen Land der Welt möglich, da waren sich alle einig.

Former Swiss transport minister Adolf Ogi (R) talks with former German foreign minister Joschka Fischer before the opening ceremony of the NEAT Gotthard Base Tunnel, the world's longest and deepest rail tunnel, near the town of Erstfeld, Switzerland June 1, 2016.  REUTERS/Arnd Wiegmann

Joschka Fischer mit Adolf Ogi. Bild: ARND WIEGMANN/REUTERS

Die Neat, sie ist ein Zeichen, ein grosses Symbol. Eines, das 12,2 Milliarden Franken gekostet hat. Sie ist ein Versprechen, die Mauern und Felsen zu sprengen, ausgerechnet in einer Zeit, in der die europäische Politik nichts anderes tut, als Mehrheiten zu sammeln für eine Schliessung von Grenzen und für die Bewahrung von alten, nationalen Werten. Ein Europa, das Angst hat, seine eigene Kultur zu verlieren, wenn andere Kulturen es durchfahren und Halt machen.

Die Neat ist nicht nur ein Versprechen ans Volk, dass die Schweiz zu Grossem fähig ist, sie ist auch ein Versprechen an die EU, dass wir willens sind, uns mit ihr zu verbinden, ihr zu dienen, ihr zu helfen, ohne ihr auf der Tasche zu liegen oder gross Probleme zu machen. Und gleichzeitig lassen wir uns nicht homogenisieren. Wir zeigen mit der Arbeit am Berg, dass nur wir, die Schweizer, wissen, wie man mit Fels umgeht, mit Ewigem, mit Störrischem. Unverrückbare Tatsachen, mit denen kennen wir uns aus.

Wir haben François Hollande den Satz sagen hören, dass die Schweiz heute den Traum Europas realisiert habe. Wir haben Brasato al Manzo gegessen und Risotto mit Lughanige. Wir haben die Nationalhymne gehört und sie, soweit es eben ging, mitgesungen. Die älteren Herren mussten im heissen Festzelt ihre Jacketts ausziehen. Wir haben die Patrouille Suisse durch den Himmel von Pollegio fliegen sehen, in einer Präzision und dabei so befreit von jeder realen Gefahr, wie sie eben nur die Schweiz hinkriegt.

Und so ist aus diesem Projekt Neat Realität geworden, eine Realität, welche die internationalen Staatschefs und die Führungsriege aus Bundesbern als Öffnung sehen, als grossen Meilenstein, in der Verbindung von Nord und Süd, in der Verbindung von Staaten, Menschen, Raststätten und Kulturen.

Und so standen die Staatsmänner und -frauen auf der Inaugurationsbühne vor einer Horde Krawatten tragender Herren über 50 und sprachen von der grossen Zukunft der Einheit, von gemeinsamen Schienen und gemeinsamen Wegen, von gemeinsamen Träumen und dem Ziehen an einem Strang. Und die Herren in ihren Anzügen applaudierten laut, fast tosend. Ihnen gefiel, was sie hörten. Nur der Tisch der SVP, der blieb seltsam ruhig, bei den Worten Öffnung, Zukunft, EU.

Wir haben die Neat gebaut, jetzt ist sie da. Es ist fertig, unser schönstes, dunkelstes Loch inmitten der Schweiz. Wir können zu Recht stolz sein, auf ein Jahrhundertbauwerk, auf Tausende Stunden Schweissarbeit, auf imposante Zahlen, wunderbare Technik. Auf ein Stück Meilenstein in unserem Land. Wir haben uns damit bewiesen, wie stark, wie schnell wir sind. Dass wir den längsten Tunnel der Welt bauen können, dass wir Rekorde ertragen. Die Feier zur Eröffnung war die Krönung für unser Ego, die letzte, so dringend nötige Streicheleinheit, die wir auffangen konnten, bevor uns der raue Wind der Realpolitik wieder einholt.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Hüendli 02.06.2016 17:54
    Highlight Highlight Ich verteile ein paar Bindestriche für den Gotthard-Basistunnel 😉
    Ansonsten: Wunderbarer Text (inkl. Bildunterschriften), bitte mehr davon!
    Die zahlreichen beleidigten Kommentare sehe ich als späte Nachwirkung der 20min-Virenschleudergeschichte, darum bitte denen nicht zu viel Beachtung schenken... man ist sich dort eine solche Zeichenanzahl gepaart mit feiner Ironie (aus welcher der Respekt für die Leistung trotzdem durchscheint) nicht gewohnt 😁
  • Tomtom64 02.06.2016 15:01
    Highlight Highlight Kleine Randbemerkung: Ein Expansionsland ist ein Land in welchem ein ausländisches Unternehmen expandieren will. Das trifft in der Schweiz beispielsweise für Lidl und Aldi zu.
    In Zusammenhang mit Käse und Schokolade ist die Schweiz aber ein Exportland, dh. diese Produkte werden ausgeführt.
  • ostpol76 02.06.2016 11:44
    Highlight Highlight Psssst, ja nicht zu stolz sein was wir Schweizer erreichen und immer schön ruhig bleiben. In gewissen Kreisen gilt man schnell als Rassist wenn man auf seine Nation stolz ist.
  • andersen 02.06.2016 10:02
    Highlight Highlight Bescheidenheit führt zur Ewigkeit, besoffen von Grössenwahn nicht.
  • Mélisande 02.06.2016 09:13
    Highlight Highlight Ein sehr gut geschriebener Text, inhaltlich aber auch sprachlich! Kompliment!
  • Keine grösseren Probleme...? 02.06.2016 09:08
    Highlight Highlight Fortsetzung: Oder z. B. die Deutschen, die "chnorzen" ewig an ihrem Flugplatz in Berlin herum. Also, was solls. Sind wir froh sind nicht mehr Menschen gestorben!! Wenige Jobs sind so gefährlich wie deren der Tunnelbauer.
  • Keine grösseren Probleme...? 02.06.2016 09:06
    Highlight Highlight Trader, tue mal nicht so. Die Journalistin war halt etwas kritisch. Interessant ist etwas anderes, wie der Blick schreibt: "So viel Lob ist uns fast peinlich..!" Ja das Schweizervölckchen hat einfach Mühe mit seiner Persönlichkeit. Es hat keine "Schweizerfahne" da, sagte Giezedanner. Obwohl wir wissen, dass der grösste Teil der Arbeiter/Angestellten gar keine Schweizer waren. Sind wir doch stolz auf unser steuerzahlendes Volk, welches das Ding finanziell stemmt, so können wir wenigstens mit unserem Geld bluffen!
  • goschi 02.06.2016 08:58
    Highlight Highlight Kein guter Kommentar.

    Ehrlich gesagt, keine Ahnung ober das Sarkasmus sein soll, der einfach nicht zündet oder doch zu ernst gemeint, aber als ganzes ist der Kommentar einfach nicht stimmig.

    Neben diversen faktischen Fehlern sind auch viele Darstellungen so einfach nicht korrekt und diese Reduzierung auf "nur die Schweiz hätte es gekonnt" mit gleichzeitiger Gegenüberstellung, dass wir +/- Alle engstirnige Bünzlis sind finde ich wenig gelungen.

  • klugundweise 02.06.2016 08:50
    Highlight Highlight Anstatt zu jammern, nach vorne schauen, selbstsicher etwas wagen und hartnäckig und kompetent umsetzen. Das ist (wäre) meine Schweiz. Der Gotthard kann ein Symbol sein für die ach so verzagten mutlosen und rückwärtsgerichteten Politiker.
    Übrigens: die SVP (damals schon mit Hr. Blocher) hat sich vehement gegen den Tunnel gewehrt! (Ist das jetzt schon wieder "bashing"?)
  • amore 02.06.2016 08:40
    Highlight Highlight Danke schön für diesen Kommentar.
  • danmaster333 02.06.2016 08:18
    Highlight Highlight Zum glück regen sich buddhisten nicht auf, dass sie an der einweihung nicht vertreten waren.
  • Kstyle 02.06.2016 08:15
    Highlight Highlight Jaaaaaa wir sind die BESTEN. Wir haben den längsten und den dicksten... Tunnel
    • Nasi 02.06.2016 08:55
      Highlight Highlight Mir kamen die News gestern und heute etwa so vor:
      User Image
    • Nasi 02.06.2016 08:57
      Highlight Highlight Und ich persönlich fühle mich eher so:
      User Image
    • slashinvestor 02.06.2016 09:14
      Highlight Highlight Ich habe mich in die Ecke gelacht! Leute der Witz ist gut... Wieso die Blitze.

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