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Öltanker «FSO Safer» – die Schweiz knausert bei der Hilfe

Im Roten Meer droht eine riesige Katastrophe – und die Schweiz knausert bei der Hilfe

Die UNO braucht Geld, um das Öl eines alten Tankers vor der Küste Jemens auf ein anderes Schiff umzuladen. Geschieht die Rettungsaktion nicht rechtzeitig, droht eine riesige Umweltkatastrophe. Die Schweiz hat bis anhin 300'000 Dollar gesprochen – andere Staaten zahlen Millionen.
22.06.2022, 20:0622.08.2023, 14:42
Chiara Stäheli / ch media
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FILE - This satellite image provided by Maxar Technologies shows the FSO Safer tanker moored off Ras Issa port, Yemen on June 17, 2020. An agreement has been reached in principle on a U.N.-coordinated ...
Rund 140'000 Tonnen Rohöl lagern derzeit auf der «FSO Safer» im Roten Meer.Bild: keystone

«Die Welt muss jetzt handeln oder die Zeitbombe tickt weiter.» Es sind deutliche Worte, welche die Vereinten Nationen Mitte Mai an einer Geberkonferenz an die über zwanzig eingeladenen Staaten – darunter die Schweiz – richten. Grund für die Besorgnis ist ein über 40-jähriger Öltanker, der seit 2015 rund sieben Kilometer vor der Küste Jemens im Roten Meer liegt. Der Tanker mit dem Namen «FSO Safer» wurde lange als Lager- und Umschlagstation für Öl genutzt, mittlerweile befindet er sich in desolatem Zustand und ist nicht mehr manövrierfähig.

Laut Einschätzungen der UNO könnte das mit über 140'000 Tonnen Rohöl beladene Schiff demnächst auseinanderbrechen oder explodieren. Die Folge wäre eine riesige Umweltkatastrophe in Form eines Ölteppichs. Dieser würde nicht nur die Fischergemeinden an der jemenitischen Küste des Roten Meeres verwüsten und so die Lebensgrundlage von mehreren hunderttausend Menschen zerstören, sondern hätte auch massive Auswirkungen auf die Meereslebewesen. Das Team der UNO im Jemen warnt: «Ein Ölunfall würde zu einer humanitären und ökologischen Katastrophe führen und in der gesamten Region erhebliche wirtschaftliche Kosten verursachen.» Diese dürften in Milliardenhöhe liegen.

Der Öltanker liegt vor der Küste Jemens

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Grafik: chi Quelle: UN

Schweiz steuert 300'000 Dollar bei

Um eine solche Katastrophe zu verhindern, braucht die UNO Geld. Sie hat sich dem Problem angenommen, da der Jemen als eigentlicher Besitzer des Tankers aufgrund des anhaltenden Bürgerkriegs dazu nicht in der Lage ist. In einer ersten Phase werden 80 Millionen Dollar benötigt. So viel Geld ist erforderlich, um das Öl auf dem Tanker auf ein anderes Schiff zu pumpen und die Tanks auf der «FSO Safer» nach dem Umladen zu reinigen. Wie Russell Geekie, leitender Sprecher der UNO im Jemen, auf Anfrage bestätigt, haben die Mitgliedstaaten bis jetzt rund 60 Millionen Dollar beigesteuert oder zugesagt. Davon stellt die Schweiz 300'000 Dollar zur Verfügung.

Darob zeigt sich die Umweltschutzorganisation Greenpeace enttäuscht: «Wir verstehen nicht, weshalb der Bund der UNO lediglich 300'000 Franken zugesichert hat. Anderen Staaten ist der Umwelt- und Bevölkerungsschutz mehr wert.» Zum Vergleich: Deutschland zahlt 8.4 Millionen Dollar, die Niederlande 7,9, Grossbritannien 5 und Schweden 3.1. Die grössten Geldgeber sind die USA und Saudi Arabien mit je 10 Millionen Dollar. In einem Brief fordert Greenpeace Aussenminister Ignazio Cassis auf, den Betrag «substanziell» aufzustocken, um eine Umweltkatastrophe im Roten Meer zu verhindern. Schliesslich engagiere sich die humanitäre Hilfe der Schweiz seit Jahren im Jemen. «Bricht der Tanker auseinander, ist das ganze Engagement für die Katz», so Greenpeace.

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) relativiert: «Die anderen europäischen Länder haben zum Teil im gleichen Umfang Gelder gesprochen oder ganz auf Beiträge verzichtet.» Zudem helfe die Schweiz der UNO bei der Kontaktherstellung mit Firmen, welche als mögliche Geldgeber in Frage kommen könnten. Aus Sicht des EDA «kann die Rettung des Tankers nicht allein von öffentlichen Geldern abhängen». Es brauche auch die Solidarität von privaten Akteuren, «damit die Staaten nicht auf die Finanzen zurückgreifen müssen, die für die Deckung des erheblichen humanitären Bedarfs der Menschen im Jemen vorgesehen sind».

Die Zeit drängt

Während sich die Schweiz aus der Verantwortung zieht, warnt Russell Geekie vom UNO-Büro in Jemen: «Wir rennen gegen die Zeit an, denn es ist nicht die Frage, ob der Tanker auseinanderbricht oder explodiert, sondern wann.» Es sei deshalb zwingend notwendig, die Mittel bis Ende Juni zu erhalten. Denn für eine Rettungsaktion müssen auch die meteorologischen Bedingungen stimmen. Das Zeitfenster bis im Herbst wäre laut Geekie optimal, danach werde es schwierig: «Die Strömungen und starken Winde gegen Ende des Jahres erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass das Schiff auseinanderbricht, und machen die Arbeit des Bergungsteams noch gefährlicher.»

Um die verbleibenden 20 Millionen Dollar so schnell wie möglich zu erhalten, hat die UNO nun ein Online-Crowdfunding gestartet. Einzelpersonen können sich finanziell an der Rettungsaktion beteiligen. Zudem soll das Crowdfunding dazu dienen, «das Bewusstsein für das Problem zu schärfen und zusätzliche Beiträge aus den Mitgliedstaaten sowie von Privatunternehmen anzuregen», so Geekie.

Gelingt es, bis Ende Juni die 80 Millionen Dollar zusammenzubringen, wird die Rettungsaktion eingeleitet. Diese soll rund vier Monate dauern. Um anschliessend den Tanker abzuschleppen und zu entsorgen, sind laut Einschätzungen der UNO-Experten weitere 64 Millionen Dollar nötig.

Die total 144 Millionen Dollar sind allerdings nur ein Bruchteil der Kosten, die eine Explosion des Tankers verursachen würde. Alleine der finanzielle Aufwand für die Säuberung des Meeres wird aktuell auf 20 Milliarden Dollar geschätzt. Bis sich die Fischbestände erholt hätten, dürfte es gemäss Berechnungen der UNO mehr als 25 Jahre dauern. Und was die Experten vor allem beunruhigt: Ein Ölteppich hätte zur Folge, dass die nahe gelegenen Häfen schliessen müssten. Die Versorgung des Landes mit Lebensmitteln, Treibstoff und lebenswichtigen Gütern würde massiv erschwert. So schreibt das UNO-Büro in Jemen denn auch: «Wenn jetzt mehrere zehn Millionen Dollar bereitgestellt werden, können wir in Zukunft mehrere Milliarden Dollar einsparen.» (aargauerzeitung.ch)

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67 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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crik
22.06.2022 20:24registriert Dezember 2016
Wem gehört denn das Öl? 140,000 Tonnen dürften ca. 840,000 Barrel sein. Bei einem Preis von gut $100 pro Barrel also etwa 90 Millionen - so viel wie für den Abtransport gebraucht wird.
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Homelander
22.06.2022 20:58registriert Oktober 2014
Wem gehört denn dieser Eimer? Wer hat das Schiff so verkommen lassen? Wer hat all die Jahre sein Geschäft damit gemacht? Wieder muss die öffentliche Hand helfen weil sich Firmen nicht an einfachste Regeln halten können.

Wem gehört das Öl wenn es vom Schiff runter ist? Mit dem Wert des Öls könnte man die Rettungsaktion finanzieren.
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Homelander
22.06.2022 20:46registriert Oktober 2014
Sorry, aber das kann doch nicht sein dass das über 80Mio kostet? Da das Schiff ja eh als Lager genutzt wurde ist es für dauerndes rein- und rauspumpen ausgerüstet. Jemand will sich hier ordentlich die Taschen füllen.
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