Rojavas ungewisse Zukunft – was in Syrien passiert ist
Am Freitagmorgen hat die Selbstverwaltung Nordostsyriens (DAANES) in einer Mitteilung bekannt gegeben, dass ein Abkommen mit der syrischen Übergangsregierung (STG) unterzeichnet wurde. Der Vertrag sieht nebst einer sofortigen Waffenruhe auch den Abzug der Truppen beider Seiten von der Front vor.
In einem nächsten Schritt soll dann die Administration der kurdischen Selbstverwaltung in den syrischen Staat integriert werden. Die Syrian Democratic Forces (SDF) werden Teil der syrischen Armee, mit einer eigenen Division, die aus drei Brigaden besteht. Gleichzeitig werden alle Gefängnisse, die vor allem für IS-Mitglieder genutzt werden, sowie die Öl- und Gasfelder an Damaskus übergeben.
Das Abkommen folgt auf wochenlange Angriffe der syrischen Übergangsregierung auf die Selbstverwaltung in Nordostsyrien. Innerhalb kürzester Zeit rückten die Einheiten der STG und der von der Türkei unterstützten Hay'at Tahrir al-Sham (HTS) bis kurz vor die Grenzstadt Kobane vor. Dort kappten sie die Strom- und Wasserversorgung und begannen mit der wochenlangen Belagerung der Stadt.
Die Situation erinnert an den Herbst 2014, als die Stadt Kobane bereits einmal während eines halben Jahres vom Islamischen Staat (IS) umzingelt wurde. Damals konnten die kurdisch geführten Verteidigungseinheiten der YPG und YPJ zusammen mit der Unterstützung ihrer Verbündeten den IS erfolgreich zurückdrängen.
Wie also kommt es dazu, dass die einst verbündeten Staaten heute tatenlos bleiben, während die Übergangsregierung innerhalb weniger Tage über 80 Prozent des Gebiets von Rojava einnimmt?
Legende
Autonome Gebiete Nordostsyriens
Von der Türkei besetzt
Syrische Übergangsregierung
Islamischer Staat
Von Israel besetzt
Ausbruch des Bürgerkriegs
Im Frühling 2011 bricht in Syrien im Zuge des Arabischen Frühlings ein Bürgerkrieg aus. Auslöser ist die gewaltsame Niederschlagung der Massenproteste gegen das Assad-Regime.
März 2011
Die Assad-Regierung kann den Zentralstaat nicht zusammenzuhalten und zieht die Armee aus den Gebieten im Nordosten ab.
Kurdische Autonomie im Norden
Die Kurdinnen und Kurden rücken schnell in das entstandene Machtvakuum vor und errichten lokale Verteidigungskräfte, zivile Räte sowie Verwaltungsstrukturen. Nach und nach bauen sie die autonome Region auf, die als Rojava (kurdisch: Kurmanji für Westen) bekannt wird.
Ausbreitung des Islamischen Staats
Gleichzeitig breitet sich im Chaos des Bürgerkriegs der selbsternannte Islamische Staat (IS) in ganz Syrien aus und führt einen brutalen Krieg gegen die Selbstverwaltung.
Der Kampf um Kobane
Bis im Herbst 2014 breitet sich der «IS» bis kurz vor die Stadt Kobane nahe der türkischen Grenze aus. Dort gelingt den kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und YPJ sowie den damals verbündeten US-Streitkräften ein zentraler Sieg gegen den «IS».
Angriffe auf IS-Stellungen in Kobane.
Datum: 18.11.2014
Quelle: Anadolu / Getty
Die Befreiung Kobanes
Die Stadt gilt seit dem 26. Januar 2015 als befreit. Der IS wird im Zuge der Niederlage in Kobane immer weiter von den Volksverteidigungseinheiten und ihren Verbündeten zurückgedrängt.
26. Januar 2015
Bis Dezember 2015 können die kurdischen Verteidigungskräfte den IS fast vollständig aus den Gebieten im Norden verdrängen.
Etablierung der Selbstverwaltung Rojava
Im Frühjahr 2016 wird die Demokratische Selbstverwaltung von Nordostsyrien (DAANES) offiziell ausgerufen.
17. März 2016
Unter Beschuss
Die Selbstverwaltung wird weder vom Assad-Regime noch von der Türkei oder den USA als legitim betrachtet und immer wieder angegriffen.
Offensive der Türkei
Im August 2016 startet der türkische Staat eine Grossoffensive in Nordsyrien, die bis März 2017 dauern wird. Die Angriffe richten sich offiziell primär gegen den IS, doch das erklärte Ziel ist die Besetzung der Gebiete unter kurdischer Selbstverwaltung in Manbidsch.
24. August 2016 – 29. März 2017
Türkische Besatzung
Die türkische Militäroffensive in Manbidsch ist zwar nicht erfolgreich, doch die Türkei hält die Gebiete zwischen dem Euphrat und der Stadt Azaz bis Januar 2026 besetzt.
Der Kampf um Raqqa
Im Juni 2017 startet die SDF eine Grossoperation zur Rückeroberung von Raqqa. Die Stadt gilt als Hauptstadt des Islamischen Staats und als letzte grosse Ortschaft unter IS-Kontrolle in Syrien.
6. Juni 2017
Rauch steigt über dem Stadion in Raqqa auf
Datum: 01.10.2017
Quelle: Reuters
Der Sieg in Raqqa
Das Stadion in Raqqa ist die letzte Position des IS in der Stadt. Im Oktober 2017 gelingt es der SDF, die Stadt vollständig zurückzuerobern.
17. Oktober 2017
SDF Kämpferinnen und Kämpfer der Volksverteidigungseinheiten YPJ und YPG feiern die Befreiung von Raqqa.
Datum: 17.10.2017
Quelle: Reuters
Angriffe auf Afrin
Anfang 2018 beginnt die Türkei zusammen mit der SNA die Invasion von Afrin. Die Region ist seit 2012 Teil der Selbstverwaltung Nordostsyriens.
20. Januar - 24. März 2018
Innerhalb von zwei Monaten besetzt die Türkei das Gebiet komplett. Bei den Angriffen auf Afrin sterben über 500 Zivilistinnen und Zivilisten.
20. Januar - 24. März 2018
Sieg über den IS
Im Frühjahr 2019 gibt die SDF bekannt, alle Gebiete nordöstlich des Euphrats mit Luftunterstützung der us-geführten Koalition vom IS befreit zu haben.
März 2019
US-Rückzug
Im Oktober 2019 befiehlt US-Präsident Donald Trump den Abzug fast aller US-Truppen aus Syrien und beendet damit faktisch die militärische Unterstützung der Selbstverwaltung.
6. Oktober 2019
Grossangriff der Türkei
Nur drei Tage nach dem Abzug der US-Truppen beginnt die Türkei eine Grossoffensive gegen die Selbstverwaltung. Zusammen mit der Syrischen Nationalen Armee (SNA) bringt die türkische Armee innerhalb von rund zehn Tagen die Gebiete in den Gouvernements al-Hasaka und Raqqa unter ihre Kontrolle. Durch die Angriffe werden rund 100 Zivilisten getötet und 300'000 Menschen vertrieben. Die Türkei besetzt diese Gebiete bis ins Jahr 2026.
9.–17. Oktober 2019
Nach Attacken der türkischen Armee steigt Rauch von der Stadt Ras al-Ayn auf.
Datum: 10.10.2019
Quelle: Keystone
Ein Abkommen mit Assad
Die Selbstverwaltung von Rojava unterzeichnet im Oktober 2019 ein Abkommen mit dem Assad-Regime. Die Kämpfe gegen die Regierungstruppen nehmen bis im März 2024 weitgehend ab. Hauptsächlich leistet die Selbstverwaltung Widerstand gegen Angriffe der Türkei.
Oktober 2019 bis März 2024
Sturz des Assad-Regimes
Nach jahrelangen Kämpfen gelingt der SNA und den HTS-Milizen mit Unterstützung der Türkei im Dezember 2024 der Sturz von Bashar al-Assad in Damaskus.
8. Dezember 2024
Der neue Machthaber
Die Übergangsregierung formiert sich um den HTS-Anführer und ehemaligen al-Qaida-Angehörigen Ahmed al-Sharaa.
Syrische Rebellen nahe dem Damaszener-Schwert in Damaskus.
Datum: 08.12.2024
Quelle: Keystone
Unsichere Zukunft
Mit Ahmed al-Sharaa an der Macht ist die Lage für Rojava unklar. Doch die Tage nach dem Assad-Sturz haben den künftigen Kurs der Übergangsregierung zumindest angedeutet.
Im Dezember 2024 erreichen die islamistischen Rebellen der HTS und Syrian National Army (SNA) die Hauptstadt Damaskus. Das Assad-Regime wird von der Übergangsregierung von Ahmed al-Sharaa, auch bekannt unter seinem «nom de guerre» Mohammad al-Jolani, abgelöst.
Anfangs war die Unsicherheit, was der Machtwechsel bedeuten würde, gross. Zwar ist mit Bashar al-Assad ein erklärter Gegner der Selbstverwaltung von der Bildfläche verschwunden, doch wurde er in al-Sharaa durch ein ehemaliges Al-Qaida-Mitglied ersetzt. Wenige Monate nach dem Sturz von Assad sah es noch nach einem diplomatischen Frieden in Syrien aus.
Am 10. März kam es zu einem Abkommen zwischen der SDF und der Übergangsregierung, und die Selbstverwaltung konnte weiterhin auf Unterstützung der USA zählen. Doch schnell gab es Anzeichen dafür, dass die westliche Allianz mit den Menschen Rojavas bröckelt und eine Koexistenz nicht der Plan des neuen Herrschers in Damaskus ist.
Bis Mitte letzten Jahres wurden fast alle internationalen Sanktionen aufgehoben und al-Sharaa kurz vor seinem Staatsbesuch in Washington von der Terrorliste gestrichen. Kurzerhand wurde Syrien dann auch in die internationale Anti-IS-Koalition aufgenommen, trotz der bekannten Nähe von al-Sharaa zum IS. (2011 entsandte der damalige IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi al-Sharaa nach Syrien, um die al-Nusra-Front, einen Al-Qaida-Ableger, zu gründen.) Al-Sharaa gelang so innerhalb weniger Monate eine politische Transformation vom gesuchten Terroristen zum diplomatisch akzeptierten Staatsmann.
Ein unerfülltes Versprechen
Das Abkommen vom 10. März wurde von beiden Seiten als positiv dargestellt, aber nie final umgesetzt. Gerade die Integration der SDF in die syrische Armee sowie der Umfang der Autonomie der Selbstverwaltung blieben ungeklärt. Die Verhandlungen gingen bis am 4. Januar dieses Jahres weiter, als ein Minister der Übergangsregierung die Verhandlungen plötzlich einstellte, wie drei kurdische Vertreter gegenüber Reuters berichteten.
Wenige Tage später kam es in Paris zu einem von den USA vermittelten Treffen zwischen Regierungsvertretern Israels und Syriens über ein Sicherheitsabkommen. Was genau beim Treffen besprochen wurde, ist unklar, doch wurde der syrischen Übergangsregierung offensichtlich die Zustimmung zur Militäroffensive gegen Rojava gegeben.
Denn am 9. Januar, während die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei einem Treffen mit al-Sharaa in Damaskus der Übergangsregierung 620 Millionen Euro an Unterstützung zusicherte, wurden 350 Kilometer weiter nördlich in Aleppo kurdische Viertel durch die syrische Armee angegriffen.
Legende
Autonome Gebiete Nordostsyriens
Von der Türkei besetzt
Syrische Übergangsregierung
Druzen
Von Israel besetzt
Manbidsch-Offensive
Nur wenige Tage nach der Machtübernahme der Übergangsregierung folgen bereits die ersten Angriffe auf die Selbstverwaltung in Manbidsch mit Luftunterstützung der türkischen Armee.
6.–11. Dezember 2024
Die Truppen der STG rücken in Manbidsch bis zum Euphrat vor und bringen die Stadt unter ihre Kontrolle.
Tischrin-Damm
Die türkische Armee fliegt gezielte Angriffe auf den Tischrin-Damm, was in den selbstverwalteten Gebieten rund um Kobane zu grossflächigen Stromausfällen führt.
9. Dezember 2024
Am 8. Januar 2025 fährt eine Karawane von Zivilistinnen und Zivilisten zum Damm, um gegen die Bombardierung durch die Türkei zu protestieren.
Datum: 08.01.2025
Quelle: Keystone
Drohnenangriff
Der Konvoi wird kurz nach der Ankunft beim Damm von einer türkischen Drohne getroffen. Fünf Menschen sterben beim Angriff, 15 weitere werden schwer verletzt.
Der 10.-März-Deal
Mühsam wird eine Vereinbarung durchgerungen, die einen Waffenstillstand sowie die partnerschaftliche Einbindung der Selbstverwaltung in einen vereinten syrischen Staat vorsieht.
10. März 2025
Angriffe auf Aleppo
Diesem Versprechen wird nie Folge geleistet, die Verhandlungen werden am 4. Januar von der Übergangsregierung abgebrochen. Zwei Tage danach beginnen Angriffe auf die kurdischen Viertel Sheikh Maqsoud, Ashrafiyah und Bani Zaid in Aleppo.
6. Januar 2026
Angriffe auf kurdische Viertel in Aleppo
Datum: 08.01.2026
Quelle: Anadolu
Angriff auf Rojava
Wenige Tage später folgt eine Grossoffensive gegen die Selbstverwaltung in den Regionen Raqqa und Deir ez-Zor.
16. Januar 2026
Hunderte IS-Gefangene kommen frei
Die Selbstverwaltung hat während des Krieges gegen den IS Tausende IS-Mitglieder gefangen genommen. Durch Angriffe der syrischen Armee auf das Shaddadi-Gefängnis kommen Berichten zufolge rund 120 IS-Kämpfer frei.
20. Januar 2026
Das leere Gefängnis in Shaddadi
Datum: 20.01.2026
Quelle: Anadolu/getty
Die syrische Übergangsregierung setzt ihre Militäroffensive im Norden fort und erobert die ehemalige IS-Hauptstadt Raqqa.
20. Januar 2026
Belagerung von Kobane
Die Truppen der Übergangsregierung umzingeln Kobane, eines der letzten Kerngebiete der Selbstverwaltung.
Isolierte Gebiete
Die weiterhin von der SDF kontrollierten Gebiete im Nordosten um Hasaka sowie bei Kobane sind vollständig voneinander isoliert.
Widerstand in der Türkei
Am Grenzübergang bei Qamishli im Nordosten Syriens überwinden Menschen in Solidarität mit Rojava die Grenzmauer, um die Isolation zu durchbrechen.
Menschen überwinden den Grenzübergang bei Qamshli
Datum: 20.01.2026
Quelle: Reuters
Kobane ist umstellt
Die Truppen des Übergangsregimes stehen im Süden von Kobane, während die Türkei Sicherheitskräfte an den geschlossenen Grenzübergängen bei Qamishli und Kobane zusammenzieht.
21. Januar 2026
Die Truppen der Übergangsregierung kappen die Strom- und Wasserversorgung für Kobane.
Vertreibung
Durch die Angriffe der Übergangsregierung auf Rojava, insbesondere in Aleppo, Hasaka und Raqqa, wurden rund 170'000 Menschen gezwungen, nach Kobane zu flüchten.
Drohende humanitäre Krise
In Kobane fehlt es weiterhin am Nötigsten. Rund 400'000 Menschen sitzen in der Stadt fest, und es kommen keine Hilfsgüter an.
Einigung?
Am Freitag, dem 30. Januar, geben die Selbstverwaltung und die Übergangsregierung bekannt, ein Abkommen unterzeichnet zu haben. Vorerst herrscht eine Waffenruhe, und in Kobane gibt es wieder Strom.
30. Januar 2026
Die Angst und Unsicherheit in Rojava ist gross und die Lage in Syrien bleibt auch nach dem Abkommen vom 30. Januar instabil. In den ersten Tagen des Februars sind die Truppen der Übergangsregierung bereits weit in die kurdischen Gebiete in die Städte Hassaka und Qamishli vorgerückt und haben die Öl- und Gasfelder im Westen Rojavas unter ihre Kontrolle gebracht. Die SDF und STG haben bereits damit begonnen, Truppen von den Fronten in Kobane und Hassaka abzuziehen.
Der vormals von Russland gehaltene Flughafen in Qamishli sowie der einzige Grenzübergang zur Autonomen Region Kurdistan, der kurdischen Selbstverwaltung im Irak, wird inzwischen von den Streitkräften der Übergangsregierung kontrolliert.
Das Ende der Revolution?
Während das Abkommen zwischen der Selbstverwaltung und der Übergangsregierung die Kampfhandlungen zumindest vorübergehend beendet hat, sieht sich die Revolution in Rojava nach jahrelangen Kämpfen für die Autonomie mit einer ungewissen Zukunft konfrontiert.
Der Traum einer feministischen Revolution mit föderalen, basisdemokratischen Strukturen und einem ökologischen Umgang mit der Umwelt droht Opfer geopolitischer Machtinteressen zu werden.
Die Selbstverwaltung in Rojava stellt für viele Menschen in Syrien wie auch international eine hoffnungsvolle Perspektive dar. Proteste brechen nicht nur in den kurdischen Gebieten der Türkei und im Irak los, sondern auch in Europa und der Schweiz. Seit Beginn der Angriffe auf die Selbstverwaltung Mitte Januar zog es Zehntausende an die Demonstrationen auf den Schweizer Strassen, um ihre Unterstützung für Rojava zu zeigen.
Ob die Zusicherungen der Übergangsregierung gegenüber der Selbstverwaltung eingehalten werden und eine diplomatische Einigung gefunden werden kann, wird sich in den nächsten Tagen und Wochen zeigen. Vorerst bleiben aber die türkischen Streitkräfte an der Grenze zu Syrien stationiert und 400'000 Menschen sind weiterhin in der Stadt Kobane von Hilfslieferungen abgeschnitten.
