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Mit diesen Ideen versuchen andere Länder den Geburtenrückgang zu bekäm

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Der Babyboom ist – ausser in Afrika – vorbei. Und nun?Bild: Shutterstock

Mit diesen skurrilen Ideen versuchen andere Länder den Geburtenrückgang zu bekämpfen

Nicht nur in der Schweiz, in fast allen Ländern der Welt sinkt die Zahl der Geburten. Regierungen stemmen sich dagegen. Manche werden dabei besonders kreativ. Ein Überblick.
06.04.2024, 21:07
Natasha Hähni / ch media
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Es gibt zu wenig Babys.

Die einzige Region, in der die Geburtenrate stabil bleibt, ist das subsaharische Afrika. Bis 2100 soll mehr als die Hälfte aller Neugeborenen aus dieser Region kommen. 2021 waren es bereits 29 Prozent.

Einer Studie im Fachjournal «The Lancet» zufolge werden Frauen in Niger in 26 Jahren im Schnitt 5,15 Kinder zur Welt bringen. Gefolgt von Tschad, Somalia, Mali und dem Südsudan – alle mit Geburtenraten über 4. Die wenigsten Geburten werden 2050 in Südkorea (0,82) erwartet. Gefolgt von Puerto Rico (0,84), Taiwan (0,9), Serbien (1,01) und der Ukraine (1,01).

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Bis 2050 werden drei Viertel aller Länder eine Geburtenrate unter 2,1 Kindern pro Frau haben. Die wäre nötig, um das Bevölkerungsniveau aufrechtzuerhalten. 2100 soll die Geburtenrate laut der veröffentlichten Studie gar bei 97 Prozent aller Länder unter 2,1 fallen.

Mit diesen teils skurrilen Ideen versuchen die Länder dieser Welt dem Trend bereits jetzt entgegenzuwirken:

Mehr Freiheiten, weniger Geburten

In den 1950er-Jahren sah die Situation noch ganz anders aus. Europa, der Kontinent, der am wenigsten Nachwuchs produzierte, hatte eine Geburtenrate von 2,7. Anfang der 1960er-Jahre gab es vielerorts einen Baby-Boom, seither sind die Zahlen weltweit im Sinkflug – aber wieso?

Junge Menschen und vor allem Frauen haben heute mehr Freiheiten als jemals zuvor. Frauen ihre Fruchtbarkeit besser kontrollieren als noch vor ein paar Jahrzehnten. Die sinkende Geburtenrate ist also in vielerlei Hinsicht ein Zeichen des Fortschritts.

In den letzten Jahren hat die Angst vor einer alternder Bevölkerung jedoch angefangen, Staatsoberhäupter auf der ganzen Welt zu beschäftigen. Sie fürchten sich vor dem Wegbrechen junger Arbeitskräfte, dem Ausfall von Steuern und dem Kollaps der Sozialversicherung.

Deshalb wird jetzt gegengesteuert. Und zwar massiv, mit Aufklärungskampagnen, grosszügigen Sozialprogrammen und anderen Anreizen für Familien, Kinder zu bekommen.

Deutschland: Ausbau der Familienpolitik

Von provozierenden Werbesprüchen wie dem eines CDU-Politikers, der vor gut zwei Jahrzehnten noch «Kinder statt Inder» forderte, ist man in Berlin zum Glück abgerückt. Stattdessen hat die Regierung die tiefe Geburtenrate (sie lag im vergangenen Jahr bei 1,36) mit anderen Mitteln bekämpft: Sie führte das «Elterngeld» ein, ausserdem hat seit dem Jahr 2013 jedes Kind ab dem ersten Lebensjahr das Recht auf einen Kita-Platz.

Die Anpassungen haben immerhin dafür gesorgt, dass die Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen von 30 auf 25 Prozent gesunken ist.

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Frankreich: Macron erklärte das Problem zur Chefsache

In Frankreich wurden im Jahr 2023 insgesamt 6,6 Prozent weniger Babys geboren als noch im Jahr zuvor. Präsident Emmanuel Macron führte Anfang Jahr deshalb einen Geburtsurlaub für neue Eltern ein. Ausserdem kündigte er in einer emotionalen Rede an die Französinnen und Franzosen einen grossen Plan zur «demografischen Aufrüstung» an. Dazu gehört unter anderem eine kostenlose Fruchtbarkeitsuntersuchung für junge Menschen.

Das watson-Chefsache für alle Schwangeren:

Video: watson

Italien: mehr «Bambini statt Migranten»

In Italien sieht die Lage ähnlich aus. Seit 2008 sinkt die Geburtenrate deutlich. 2022 wurden erstmals seit der italienischen Einigung weniger als 400'000 Babys geboren. Massnahmen zur Förderung der Geburtenrate gibt es auch hier, zum Beispiel über steuerliche Anreize.

Besonders grosse Hoffnung in die Fortpflanzung ihrer Landsleute hat die Rechtsregierung. «Mehr Bambini statt mehr Migranten», so ihr Motto. Nur: Laut einem Bericht von «Altroconsumo» wollen 51 Prozent der jungen Menschen zwischen 20 und 40 Jahren keine Kinder.

Taiwan: Single-Treffs und gratis Haustiere

Mit rund 0,9 hat Taiwan eine der tiefsten Geburtenraten weltweit. Es überrascht also nicht, dass sich die Politik hier besonders stark für mehr Babys einsetzt. Weil sich das Problem trotz Elternurlauben, Kampagnen und Steurvorteilen in den letzten Jahren aber nicht wirklich verbessert hat, wurde die Regierung kreativ: So hat der Staat mehrere Single-Treffs veranstaltet, um Leute zusammenzubringen.

Eine weitere, sehr originelle Idee hatte der ehemalige Präsidentschaftskandidat Terry Gou. Wer ein Kind bekommt, sollte gratis ein Haustier erhalten.

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Bild: Shutterstock

Singapur: Ein skurriles Video

In Singapur veröffentlichte die Regierung 2012 ein Rap-Video in Zusammenarbeit mit dem Süssigkeitenhersteller Mentos. Darin wurden Paare aufgefordert, in der «Nationalen Nacht» die Geburtenrate in Singapur hochschnellen zu lassen.

USA: Abtreibungsverbote

In den USA ist die Geburtenrate ebenfalls rückläufig. Das hat mehrere Gründe, wie Andrea aus Washington erzählt: «Das Leben in den USA ist sehr teuer.» Hinzu kämen Risiken wie der erschwerte Zugang zu einer sicheren Gesundheitsversorgung für Mütter oder der zunehmende Mangel an Autonomie über den eigenen Körper. «Das, gekoppelt mit einer Waffenpolitik, die Kinder gefährdet, senkt meine Bereitschaft, hier ein Kind aufziehen zu wollen», so die 30-jährige Analystin.

Die Aufhebung des Rechts auf Abtreibung und die darauffolgenden Abtreibungsverbote in mehreren US-Bundesstaaten werden zwar nicht allgemein als bevölkerungsfördernde Massnahme propagiert, viele sehen sie aber als solche.

Etwas deutlicher als die demokratischen Länder sind einige Autokratien mit ihrer Bitte nach mehr Nachwuchs. Russland bezahlt Familien mit mehr als zwei Kindern einen einmaligen Betrag von 7000 Franken, bei 10 Kindern gibt es sogar 15'000 Franken. Dass Kreml-Herrscher Wladimir Putin jedoch Zehntausende junge Männer zum Sterben an die Front in der Ukraine schickt, zeigt, dass die Wertschätzung nur auf dem Papier gilt.

Ungarn gewährt frisch verheirateten Paaren seit 2019 ein Darlehen über 30'000 Franken. Haben sie mehr als drei Kinder, müssen sie das Darlehen nicht zurückzahlen. Ministerpräsident Viktor Orban hat seine Bevölkerung zusätzlich dazu aufgefordert, sich zu vermehren. Er selbst geht mit entsprechendem Beispiel voran: Orban hat fünf Kinder.

China: Reiskocher für Teilnahme an Propaganda-Veranstaltungen

Nach Jahrzehnten der strikten Ein-Kind-Politik ist die Bevölkerung in China erstmals geschrumpft. Vor neun Jahren wurde die Ein-Kind-Regel deshalb aufgehoben. Nach einem kleinen Baby-Boom in den folgenden Jahren befindet sich auch die chinesische Geburtenrate im freien Fall.

Als Antwort «ermutigt» die Regierung junge Chinesinnen und Chinesen mit finanziellen Anreizen, längerem Elternurlaub sowie Propaganda, jung Familien zu gründen. Die Methoden sind dabei teils sehr originell. Frauen erhalten zum Beispiel Preise wie Reiskocher und Wasserflaschen, wenn sie an Familien-Propaganda-Veranstaltungen teilnehmen.

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Bild: Shutterstock

Iran: Die Pille kostet wieder mehr

Auch im Iran hat die Regierung die Frage nach der Lösung für sinkende Geburtenraten mit der Bedrängung von Frauen beantwortet. Der Zugang zur Pille wurde erschwert und wer illegal abtreibt, dem droht unter Umständen die Todesstrafe. So soll die Geburtenrate wieder erhöht werden.

Das Problem: Trotz Einmischung des Staates entscheiden letztlich nicht die Politiker, ob eine Frau schwanger wird. Leila (Name geändert) wohnt in Teheran. Für die 31-jährige Online-Marketing-Managerin ist klar: «Ich habe keine Kinder und ich denke auch nicht daran, Kinder zu haben.» Vielen jungen Iranerinnen und Iranern gehe es gleich. Der Grund dafür sei die mangelnde wirtschaftliche Stabilität und die Inflation im Land. «Aber auch der Mangel an bürgerlichen und politischen Freiheiten im Iran», sagt sie zu CH Media.

Ob mit Anreizen oder Drohungen, die Geburtenrate scheint sich in den meisten Ländern nicht zu erholen. Die Gesellschaft wird in den nächsten Jahren also älter. Das muss aber nicht nur negativ sein. Wie Wang Feng, Professor für Soziologie an der UC Irvine, der «New York Times» sagte, könnte eine niedrigere Geburtenrate die Umweltzerstörung, den Wettbewerb um Ressourcen und sogar globale Konflikte verringern.

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Tabu-Bruch Abtreibung – so fühlt es sich an abzutreiben
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87 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Andi...
07.04.2024 07:48registriert Oktober 2023
Ich sehe nicht ein, wieso die Bevölkerung auf dem jetzigen Niveau bleiben oder weiter wachsen soll. Runter auf 6 bis 4 Mia. Das würde in den nächsten 30 - 50 Jahren zwar ein schmerzhafter Prozess mit Einschränkungen in vielen Bereichen sein, aber wir sehen ja, dass es jetzt schon an allen Ecken und Enden kollabiert. Also endlich mal einen richtigen Plan machen wie die Welt im 2074 aussehen soll und nicht nur auf die Jahre bis zur nächsten Wahl schauen.
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Glücklich
07.04.2024 06:35registriert August 2022
Für mich und meine Frau ist es unvorstellbar ein Leben ohne unsere Kinder und wir freuen uns bereits auf unseren 1. Enkel.

Trotzdem verstehe ich, dass sich Frauen heute auch gegen Kinder entscheiden, sind doch sie ganz klar die welche fast alle Risiken/ Nachteile zu Tragen haben. Sie sind die welche durch die Schwangerschaft/ Geburt körperlich sowie seelisch belastet sind, sie sind die welche berufliche Lücken aufweisen, sie sind die welche das Risiko der Alleinerziehung tragen sollte die Beziehung in die Brüche gehen, sie sind die welche ein hohes Armutsrisiko tragen, usw.

Also tja …
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P. ajaja
06.04.2024 22:57registriert April 2023
Das sind alles kurzfristige Anreize… Kinder sind, besonders für Frauen, ein Armuts- und Gesundheitsrisiko das weit über einen Reiskocher oder Prämie hinausgeht. Der Kita-Platz ab 1. Geburtstag ist in Deutschland ist zwar auf dem Papier schön, aber es gibt genügend Berichte, wo dieser nicht oder schwer zu bekommen ist oder (mit Lohnverlust) eingeklagt werden muss, womit auch wieder die Arbeitsstelle in Gefahr ist.

Wenn die Politik die Grundlagen würde verbessern, würden auch mehr Frauen Kinder bekommen, weil der Kinderwunsch und Existenzsorgen sich nicht mehr ausschliessen würden.
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