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Sanktionen als Geschäftsmodell: Ex-Botschafter unterwegs in heikler Russland-Mission

Nach der Annexion der Krim versprachen die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland einen Business Case, gerade für einen Experten wie den ehemaligen Vertreter der Schweiz in Moskau. Nun droht Pierre Helg in den Strudel des Ukraine-Kriegs geraten.
12.05.2022, 11:10
Benjamin Rosch / ch media

Pierre Helg kennt sich mit heiklen Situationen aus. 2008 war er der Schweizer Sonderbeauftragte, der für den Bundesrat zwei Schweizer Geiseln aus Libyen befreien sollte. Davor hatte er Halt gemacht in Nigeria und im Tschad, war die Nummer zwei der Schweiz bei der UNO und sass in den 90ern am Verhandlungstisch, als die Schweiz erstmals mit der EU über einen Beitritt sprach.

Heute vertritt Helg nicht mehr die Schweiz, sondern russische Kundschaft. Die Bühne der Weltpolitik hat er gegen Diskretion getauscht – und doch dürfte Pierre Helg dieser Tage viel auf seine Fähigkeiten aus seiner Zeit als Spitzendiplomat zurückgreifen müssen. Jetzt ist Fingerspitzengefühl gefragt.

Pierre Helg, von 2011 bis 2016 Schweizer Botschafter in Russland.
Pierre Helg, von 2011 bis 2016 Schweizer Botschafter in Russland. Bild: Screenshot www.quorus.ch

Er habe schon immer gewusst, dass er seinen Lebensabend in der Privatwirtschaft verbringen würde, sagte Helg einmal freimütig gegenüber «Ticino Management», einem italienischsprachigen Finanzmagazin. Wie eilig er es damit hatte, zeigte sich, als Helg pensioniert wurde. Noch während seiner letzten Arbeitswoche im Dienst des Eidgenössischen Departements für Auswärtige Angelegenheiten gleiste Helg seine berufliche Zukunft auf und machte sich selbstständig.

Von 2011 bis Ende November 2016 war Helg Schweizer Botschafter in Russland. Offiziell endete das Arbeitsverhältnis erst im April 2017. Am 25. November 2016 bereits war Helg aber Mitgründer einer Beratungsfirma: «Quorus». Wofür Quorus genau steht, wer zum Kundenstamm gehört und welche Tätigkeitsfelder das Unternehmen mit Sitz in Zürich und Moskau abdeckt, muss im Ungefähren bleiben.

Helg wollte diese Fragen wie auch andere nicht beantworten, ein Telefongespräch unterbrach er nach wenigen Minuten. Ein Hinweis liefert die Webseite: «Die Expertise des dynamischen Teams umfasst unter anderem Recht, Business Management, Start-Up-Beratung sowie russische und internationale Kunstberatung», heisst es dort.

Im genannten Interview umriss Helg seine Dienstleistungen so: Sollte etwa «plötzlich zu einem Problem» werden, wenn «die russische Seite ihre Aufenthaltsgenehmigung verlor: Ich würde in der Lage sein, dies pragmatisch und im Interesse beider Seiten zu regeln.»

Schliesslich könne er aufgrund seiner «langjährigen Tätigkeit in der Bundesverwaltung den Russen bei einigen ungewöhnlichen Fragen im Umgang mit den Behörden in Bern oder den Kantonen oder bei konkreten Projekten in der Schweiz helfen». Zwei weitere Personen gehören neben Helg zum Gründungsteam von Quorus: Isabelle Ganz, die bei Helg auf der Botschaft in Moskau arbeitete. Und als treibende Kraft Evgenii Zhilin.

Wirtschaftssanktionen als Business Case

Zhilin ist ein russischer Wirtschaftsanwalt mit Wohnsitz in Zürich, der bei Yust, einer der renommiertesten Kanzleien Moskaus tätig war. Regelmässig taucht er in Rankings der besten russischen Anwälte auf. Zhilin versteht es hervorragend, sich zu vernetzen. So verkehrte er im exklusiven deutsch-russischen Forum mit Wirtschaftsgrössen aus beiden Ländern, darunter mit Alexei Mordaschow, dem gemäss «Forbes» reichsten Russen.

Zhilin ist ein Experte, wenn es um internationale Wirtschaftssanktionen geht. Als Mordaschow kurz nach Putins Invasion das Reiseunternehmen TUI an seine Frau verkaufte, bevor er auf der Liste sanktionierter Personen landete, war es Zhilin, der in russischen Zeitungen Auskunft über das Vorgehen gab.

Zhilin war auch einer der prominentesten Promotoren der 2020 gegründeten Plattform «Juruss». Dabei handelt es sich um ein globales Netzwerk russischsprachiger Anwälte. Gegenüber der russischen Zeitung «Komersant» erklärte Zhilin: «Unsere Hauptkunden sind Unternehmer mit einem Kapital von mehreren Millionen bis mehreren hundert Millionen US-Dollar, die weltweit tätig und nicht auf ein Land beschränkt sind. Zu unseren Kunden gehören auch berühmte und wohlhabende Musiker, Künstler, Sportler und so genannte politisch exponierte Personen (PEPs).» Die Schweizer Vertretung bei Juruss dürfte wenig erstaunen: Es ist Quorus.

Das Geschäftsfeld von Helg, Zhilin und Ganz ist dynamisch. Um ihre Expertise weiterzugeben, traten insbesondere Zhilin und Helg an internationalen Finanz-Konferenzen auf, die sich mit Steueramnestien, globalem Erbrecht oder Offshore-Konten beschäftigten. Diese fanden statt in St. Petersburg, Kiew oder Dubai, aber auch in der Schweiz gab Quorus Auskunft. 2019 etwa hielt Zhilin im Swiss Russian Forum einen Vortrag. Titel: «Ausländische Investitionen in Russland – trotz westlicher Sanktionen wird heftig investiert. Wo liegen Chancen und wo birgen (sic) Risiken?»

Die Annexion der Krim lag damals schon fünf Jahre zurück. Die EU hatte reagiert, die Schweiz beschloss damals aber keine Sanktionen, sondern lediglich Massnahmen, welche deren Umgehung verhindern sollten. Die komplizierte Rechtslage stellte ein gutes Geschäftsmodell dar. 2020 warb Helg konkret damit, dass die Schweiz durch ihre Neutralität «keine Wirtschaftssanktionen» verhänge.

Business mit Russland war längst nicht so verfemt wie seit Putins Überfall vergangenen Februar. Wie hoch der Druck auf die Schweiz aktuell ist, zeigte hingegen vergangene Woche: Die Helsinki Commission der US-Regierung warf der Schweiz unverhohlen vor, russisches Geld zu verstecken.

Die Resonanz sei gross gewesen, sagte Zhilin gegenüber der deutschen «Wirtschaftswoche», ohne den Zeitraum zu präzisieren. Kunden aus dem Osten hätten die Schweiz als stabilen und steuergünstigen Standort mit effizienter Regulierung geschätzt, zuletzt auch vermehrt im noch neuen Geschäft mit Kryptowährungen. Damit sei nun Schluss, die Kunden von Quorus seien «sehr besorgt».

Swiss Russian Forum: Verbindungen zur offiziellen Schweiz

Das Swiss Russian Forum zeigt, wie eng verschlungen Helgs frühere Arbeit im Dienst der Schweiz und seine heutige Tätigkeit als Berater sind. 2006 gegründet, wurde das Swiss Russian Forum auch von der Schweiz unterstützt. Vordergründig dient die Stiftung der Völkerverständigung zwischen Russland und der Schweiz, im Kern ist es eine Institution für wirtschaftliche Beziehungspflege.

Lange Zeit war Béatrice Lombard die Schweizer Präsidentin des Forums, mit Yury Pilipenko als russischem Pendant. Pilipenko ist ein russischer Anwalt mit bemerkenswerter Karriere, seit Jahren präsidiert er die russische Anwaltskammer. Ausserdem arbeitete er mit Zhilin in der gleichen Kanzlei.

Helg persönlich tritt beim Swiss Russian Forum selten in Erscheinung, aber in den vergangenen Jahren hat Quorus die Geschicke des Forums mehr und mehr übernommen. Gemäss Webseite ist Zhilin der Programmverantwortliche. Seit 2020 hat das Forum sogar die gleiche Adresse wie Quorus: die Olgastrasse 6 in Zürich.

Im Handelsregister des Kantons Zürich sind die jüngsten Änderungen noch nicht vollzogen, aber wie diese Zeitung weiss, sind Pilipenko und Lombard mittlerweile ausgeschieden, die Fäden liegen nun bei Zhilin sowie Dieter Kläy, FDP-Kantonsrat und vor kurzem höchster Zürcher. Im Handelsregister ausserdem eingetragen sind Bruno Sauter, ehemaliger Leiter des Zürcher Wirtschaftsamts und Mikhail Lifshitz, ein Vertrauter des sanktionierten Oligarchen Viktor Vekselberg.

Sorge vor Rassismus

Für keine der genannten Personen ist es derzeit opportun, in Erscheinung zu treten. Auf der Webseite des Forums war Mitte März noch eine Stellungnahme zum Krieg zu lesen. Darin hiess es, man verurteile «den russischen Verstoss gegen Völkerrecht und wir sind ob all dem menschlichen Leid und der Zerstörung in der Ukraine entsetzt und zutiefst traurig.»

Zudem wehre man sich gegen «jedwelche Form von Rassismus gegenüber in der Schweiz lebenden Russinnen und Russen». Etwas umfangreicher war eine zweite Stellungnahme, welche die Konsequenzen von Russlands Ausschluss des Zahlungssystems Swift beleuchtete.

Inzwischen ist die Webseite nicht mehr erreichbar, offiziell wegen Wartungsarbeiten, tatsächlich aber, weil die involvierten Personen teils massiv wegen ihrer Russland-Nähe angegangen wurden. Auch für Pilipenko ist die Lage nicht einfach: Kurz nach Kriegsausbruch veröffentlichte er mit der Anwaltskammer eine Forderung, den Krieg zu beenden. Nur um Tage später zu sehen, wie seine Institution eine Gegendarstellung veröffentlichte.

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) will sich auf Anfrage nicht zum ehemaligen Botschafter äussern. Eine «Cooling-off-Phase», wie sie beispielsweise Spitzenmanager in der Wirtschaft und andere Länder auch in der Politik zur Vermeidung von Interessenkonflikten kennen, gibt es für Schweizer Diplomaten nicht. Nach Beendigung der Arbeitsbeziehungen entfallen alle Verpflichtungen aus dem Arbeitsvertrag, mit Ausnahme des Amtsgeheimnisses.

Mitarbeit: Christian Mensch (bzbasel.ch)

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17 Kommentare
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BG1984
12.05.2022 12:27registriert August 2021
Eine Cooling-OFF Phase wäre das mindeste. Aber gleich nach dem Diplomatenjob komplett die Seite wechseln, sollte bestraft werden.
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starwalker67
12.05.2022 12:43registriert April 2022
Toll ,jetzt versteh ich langsam weshalb die Schweiz so ruhig ist und sich immer und überall unter dem Mäntelchen "Neutralität " versteckt .
Unfassbar ,der sollte auch gleich sanktioniert werden
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Heimweh Berner
12.05.2022 11:53registriert März 2017
Und unser Finanzminister in Zug behauptet alles geprüft kein Geld gefunden... Alles legal und nur Business. Wie viele Juristen hängen da noch drin? Wir brauchen mehr Juristen....NICHT!
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