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«Auch die Schweiz verletzt Menschenrechte» – Toni Locher, Honorarkonsul von Eritrea, schiesst zurück

Er hat die wohl berühmteste Reise des noch jungen Jahres 2016 organisiert: Toni Locher, Gynäkologe aus Wettingen und vor allem Honorarkonsul von Eritrea, hat eine Gruppe Schweizer Politiker durch das afrikanische Land geführt. Er lobt Eritrea – und trotzdem würde er keine Eritreer zurückschaffen, wie er im Interview erklärt.  

David Egger / Nordwestschweiz



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Der Schweizer Toni Locher ist Honorarkonsul von Eritrea.
bild: nordwestschweiz

Mehrere Tage reiste eine Gruppe Schweizer Politiker durch Eritrea. Sie wollten sich ein persönliches Bild von der politischen Lage im afrikanischen Land machen. Denn aus Eritrea stammen die meisten Asylsuchenden in der Schweiz. Am Samstag bei ihrer Rückkehr sprach die Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli vor den Medien über die Reise: "Ich sah viel Positives - die Schweiz muss anders mit Eritrea umgehen." 

Die Politikergruppe um Hochuli will nun Asylministerin Simonetta Sommaruga zum Gespräch treffen und über die Eindrücke berichten. Im Interview mit der «Nordwestschweiz» nimmt nun auch der Schweizer Toni Locher, Honorarkonsul Eritreas in der Schweiz, Stellung. Er hat die umstrittene Reise der Schweizer Politiker organisiert und geleitet. 

Herr Locher, wir müssen Ihnen gratulieren: Sie haben die Reise eingefädelt, deretwegen die Politiker die eritreische Diktatur beschönigen – ganz so, wie Sie es sich wünschen.
Toni Locher: Es waren von der SP bis zur SVP praktisch alle Parteien auf der Reise vertreten, das freut mich tatsächlich. Ich habe das aber nicht eingefädelt. Am Ursprung steht die Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli, die im Herbst auf mich zugekommen ist. Ich war nur der Reiseleiter.

«Beim Gefängnis Limmattal in Dietikon schaut auch kein ausländischer Politiker nach, was dort falsch läuft.»

Toni Locher, Honorarkonsul von Eritrea

Sie haben das Reiseprogramm bestimmt. Wieso waren die eritreischen Gefängnisse nicht Teil davon?
Das wäre lächerlich. Es ist nicht die Aufgabe der Politiker, Gefängnisse zu besuchen. Beim Gefängnis Limmattal in Dietikon schaut auch kein ausländischer Politiker nach, was dort falsch läuft. Schauen Sie: Das internationale Recht hält ganz klar fest, welche Gremien befugt sind, um die Gefängnisse auf der Welt zu begutachten. Das ist einzig und allein der Menschenrechtsrat der UNO. Auf unserer Reise haben wir eine Delegation des Büros des Menschenrechtsrats getroffen, der Gefängnisse besucht hat.

Die Schweizer Politiker haben sich hingegen die schönen Seiten von Eritrea angesehen. Was bringt das?
Es wird immer wieder gefordert, dass die Schweiz mit Eritrea in einen Dialog tritt. Dafür sind Gespräche mit der eritreischen Regierung nötig. Solche Gespräche habe ich vermittelt. Das war gar nicht so einfach, ist mir aber gelungen. Zwischen den Gesprächen war die Schweizer Reisegruppe meistens alleine unterwegs. Ich fungierte keineswegs als Aufpasser, das wäre lächerlich.

Gespräche mit der Regierung sind sicher spannend. Aber sprechen Sie auch mit Eritreern, die vor dem Regime in die Schweiz geflüchtet sind?
Ich habe viel Kontakt mit jungen Eritreern in der Schweiz. Ich erlebe ihre Frustration. Alle Träume scheitern, die sie sich von Europa erhofft haben. Genau darum werden zunehmend Eritreer wieder in ihre Heimat zurückkehren, weil die Schweiz eben kein Paradies ist.

Dafür ist Eritrea ein Paradies?
Nein, es ist ein armes Land mit grossen wirtschaftlichen Problemen. Mit den Einkünften aus dem Bergbau wird sich das verbessern. Aber das Land unterliegt internationalen Sanktionen, weshalb kein Ausländer investieren will. Auch die Bedrohungslage ist noch real.

Welche Bedrohung meinen Sie?
Die Opposition führt Anschläge durch. Und Äthiopien akzeptiert die Unabhängigkeit Eritreas immer noch nicht.

«Wir Schweizer werden auch zwangsrekrutiert, wenn wir ins Militär müssen.»

Toni Locher, Honorarkonsul von Eritrea

Sie skizzieren die Bedrohung von aussen. Für das Asylwesen zählt aber die Bedrohung durch Folter und Zwangsrekrutierung.
Das ist lächerlich. Wir Schweizer werden auch zwangsrekrutiert, wenn wir ins Militär müssen. Der sogenannte Nationaldienst steckt zudem im Umbruch: Der tiefste Sold wurde von 500 auf 2000 Nakfa erhöht (115 statt 29 Franken). Die Regierung hat begriffen, dass die Jungen sonst abhauen.

Ein Bericht des Bundes sieht die Lage in Eritrea ganz anders als Sie.
Den Bericht habe ich mir angeschaut. 90 Prozent der Quellen sind oppositionsnah, das ist doch nicht unabhängig.

Sie selber sind auch nicht unabhängig. Trotzdem: Was sagen Sie zur Menschenrechtslage in Eritrea?
Es gibt Probleme, so wie in allen afrikanischen Ländern. Auch die Schweiz verletzt die Menschenrechte, man schaue sich nur mal unseren ökologischen Fussabdruck an. An der Dürre in Eritrea sind wir mitschuldig. Bei den sozialen Menschenrechten ist Eritrea vorbildlich: Von allen Ländern am Horn von Afrika hat Eritrea die höchste Lebenserwartung.

«Wer seine Türe weit aufmacht, soll seine Gäste anständig behandeln.»

Toni Locher, Honorarkonsul von Eritrea

Würden Sie eritreische Asylbewerber guten Gewissens zurückschicken?
Ich würde niemanden zurückschicken. Diese jungen Männer machen auf dem Weg nach Europa Schlimmes durch. 2005 hat die Schweiz mit dem Entscheid der Asylrekurskommission die Türe für Eritreer weit aufgemacht. Wer seine Türe weit aufmacht, soll seine Gäste anständig behandeln. Eritrea nimmt seine Leute aber gerne zurück, wenn sie freiwillig kommen. Aus Israel sind seit 2014 über tausend Eritreer zurückgekehrt, da Israel eine heftige Abschreckungspolitik fährt.

Wieso vertreten Sie Eritrea als Honorarkonsul in der Schweiz?
Eritrea kann sich keine Lobbyisten leisten, darum übernehme ich diese Arbeit. Ich unterstütze die Regierung, weil sie gute Arbeit leistet. Bricht diese Regierung zusammen, hätten wir einen weiteren «failed state» wie Somalia. So würden noch mehr Eritreer flüchten.

Würden Sie am liebsten gleich selber mit Frau Sommaruga sprechen?
Ich schätze die menschliche Haltung der Bundesrätin sehr. Jetzt ist es wichtig, dass das von der Parlamentariergruppe gewünschte Gespräch mit der Bundesrätin bald stattfindet. Selber will ich mich nicht in der Politik exponieren, ich bin in erster Linie Frauenarzt.​

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    Alle Leser-Kommentare
  • Wasss 16.02.2016 18:09
    Highlight Highlight Man stelle sich vor Deutschland würde mit Militärgewalt Basel besetzen und 200000soldaten an die grenzen stellen. Wie würde die schweiz zugrundegehen. Niemad schreibt darüber das eritrea und Äthiopien ein Krieg geführt hat um den grenzverlauf und das Äthiopien bis heute Illegal die grenzen eritreas mit waffengewaltbesetzt hält troz internationalem gerichtsurteil. Ou deswegen muss jeder Erritreer ins milität. Eritrea einwohner 5.3mio sinkend Äthiopien 65 mio.
    Aber ja die böse Erritreische regierung zwingt alle ins millitär weil sie lust haben 😯
    • atomschlaf 16.02.2016 20:04
      Highlight Highlight Basel können sie meinetwegen haben! :-}
      SCNR
  • Nick Name 16.02.2016 13:53
    Highlight Highlight Interessant fände ich mal noch zu lesen, was genau ein Honorarkonsul ist (@watson?). Unterschied zu Botschafter/Konsul/...?
  • Walter Sahli 16.02.2016 12:44
    Highlight Highlight "Asylministerin Simonetta Sommaruga"? Könnte auf diese Art framing nicht verzichtet werden?
  • Pipapo 16.02.2016 11:16
    Highlight Highlight Schade, dass das Interview mit schnoddrig gestellten Fragen geführt wurde. Ansonsten interessant.
  • Olafson 16.02.2016 10:57
    Highlight Highlight Die RS in der friedlichen, neutralen Schweiz vs. die alternativlose Ausbildung zum Soldaten in einer (meiner Meinung nach) afrikanischen Diktatur. Fragen zum politischen System in Eritrea hätte ich interessant gefunden. Die Regierungspartei ist zur Zeit die einzige 'legale' Partei.
    • Ghost 16.02.2016 13:07
      Highlight Highlight Wenn Sie sich über den Militärdienst in Eritrea informiert hätten, dann wüssten Sie, dass dieser auch im öffentlichen Dienst, in Verwaltungen, Spitälern etc. geleistet werden kann.
    • Olafson 16.02.2016 23:01
      Highlight Highlight Das wusste ich tatsächlich nicht, bin aber lernfähig :-)
      Von welcher Quelle haben Sie das?
    • Ghost 17.02.2016 20:07
      Highlight Highlight Kein Problem ;) - wir alle lernen nie aus!

      http://www.eritrea-chat.com/why-i-move-to-eritrea/
  • atomschlaf 16.02.2016 10:37
    Highlight Highlight Obschon die Menschenrechtssituation gut sei, will Herr Locher niemanden zurückschicken.
    Schon klar, wenn der Herr Honorarkonsul öffentlich das Geschäftsmodell des eritreeischen Staates torpedieren würde, wäre er seinen Job wohl bald los.
    • Pisti 16.02.2016 12:20
      Highlight Highlight Darum kein Bargeld mehr für Eriträer. Da sieht man wie verlogen die Politik von BR Sommaruga ist. Auf der einen Seite, Eritrea als Unrechtsstaat abstempeln, diesen aber mit unseren Steuergeldern finanzieren.
  • FrancoL 16.02.2016 10:35
    Highlight Highlight Locher sagt;
    "Ich würde niemanden zurückschicken. Diese jungen Männer machen auf dem Weg nach Europa Schlimmes durch."
    Vor dem Hintergrund seiner (positiven) Darstellung der eritreischen Wirklichkeit ist dieser happige Satz für mich nicht verständlich, ausser es sei für ihn auch klar dass für die Rückkehrer nicht alles zum Besten sich entwickeln wird.
    Auch scheint es mir als wolle er sich da nicht exponieren, fragt sich nur wieso, wenn alles zum Besten ist.
    • atomschlaf 16.02.2016 11:46
      Highlight Highlight @FrancoL: Bekanntlich kassiert der eritreeische Staat (als einziger neben den USA) von im Ausland lebenden Bürgern Steuern. Sogar wenn diese dort Sozialhilfe beziehen.
      Würde die Schweiz die Eritreer zurückschicken, verlöre der eritreeische Staat diese Steuereinnahmen.
      Der Honorarkonsul vertritt hier ganz einfach die Interessen seines Auftraggebers.
    • FrancoL 16.02.2016 13:56
      Highlight Highlight @atomschlaf; Die Wortwahl des Honorarkonsuls und die diesbezügliche Begründung betreffend dem "Zurückschicken" sind da wohl mehr als nur missverständlich. Somit steht auch die Glaubwürdigkeit der Honorarkonsuls auf schwachen Beinen.
    • kurt3 16.02.2016 15:32
      Highlight Highlight Atomschlaf , dass stimmt genau nicht . Die Finnische Regierung besteuert finnische Rentner die in Spanien leben. Und zwar die Rente ! Nicht das Vermögen.
    Weitere Antworten anzeigen
  • ⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡ 16.02.2016 10:19
    Highlight Highlight Danke für das Interview und viel Erfolg dem Honorarkonsul.

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