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Was wir von Odis Tränen lernen können

epa12677333 Second placed Marco Odermatt of Switzerland poses with his trophy on the podium after the Men's Downhill race at the FIS Alpine Skiing World Cup in Kitzbuehel, Austria, 24 January 202 ...
Marco Odermatt wurde nach dem verpassten Sieg in Kitzbühel emotional. Bild: keystone
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Was wir von Odis Tränen lernen können

Heulende Männer haben Konjunktur. Eine Berufsgattung aber bleibt selbst bei grausamen Tragödien ungerührt. Das ist ein Missverständnis.
27.01.2026, 05:1427.01.2026, 05:14
Daniele Muscionico / ch media

Marco Odermatt kann alles, auch im richtigen Moment weinen. Nach seiner Kitzbühel-Niederlage bekannte er am Samstag dem ORF: «Ich weine einmal im Jahr, dann werde ich von Emotionen übermannt. Das war heute der Fall.»

Tatsache, und was für ein Timing. Just nach dem Abfahrtrennen begann Odermatts Jahrestag der Emotionen, er wurde übermannt. Wer «übermannt» wird, muss sich im Sinne des Worts der Attacke vieler Mannen beugen. Super-Odi wurde zwar lediglich von einem Einzigen übermannt, Giovanni Franzoni. Doch das hat augenscheinlich gereicht: Auf dem Siegerpodest bloss die Nummer zwei, wischte sich der Sieggewohnte Tränen aus dem Gesicht.

Roger Federer, die menschliche Fontäne

Riesig sympathisch sei das, finden viele. Denn der Ehrgeizige, der Kontrollierte, der planvoll Trainierte, hat nicht nur im passenden Augenblick den Menschen in sich gezeigt. Kaum einen Tag später bedauerte er seine Tränen öffentlich und kommentierte:

«Ich fühle mich schlecht wegen meiner Gefühle von gestern. Denn ich kann meinen Traum leben, das ist ein Privileg.»

Allen ist klar: Dieser Odi hat nicht nur seinen Körper im Griff, sondern auch sein Herz.

Bei Superstar Roger Federer war man sich nicht so sicher, ob man für seine Emotionalität klatschen sollte. Bisweilen glich er einer menschlichen Fontäne. Da heulte er und dort heulte er. 2003 in Wimbledon, 2009 am Australien Open-Final, beim Abschiedsspiel am Laver Cup. Ob er nun siegte oder verlor, die wiederholte Übermannung durch ihn selbst irritierte.

Switzerland's Roger Federer, right, has tears in his eyes as he holds his trophy after defeating Croatia's Marin Cilic during the men's singles final at the Australian Open tennis champ ...
Auch nach dem Sieg am Australian Open 2018 kullerten Federer Tränen über die Wange.Bild: AP/AP

Absolut zweifelhaft schliesslich war sein Tränenmeer anlässlich eines Konzertes des Tenors Andrea Bocelli im Zürcher Hallenstadion 2023. Der Sportler hörte auf der Bühne der Arie «Nessun dorma» zu, verlor die Fassung und schien aus seinem Anzug zu fliessen. Doch über Musikgeschmack lässt sich bekanntlich streiten.

Kalkuliertes Weinen hat Konjunktur

Geweint wird heute inflationär, denn Tränen lügen nicht, sagt man. Vor allem die Männerträne hat an Akzeptanz gewonnen. Neu ist das nicht, das gab es schon alles, in der Vergangenheit waren weinende Männer durchaus erlaubt. Doch sie hörten damit auf, als es aus der Mode kam: Männer sollten sich an der Bar besser einen Whiskey bestellen, statt laut zu schniefen. Das war Frauenarbeit.

Heute haben – zumindest in der Medienöffentlichkeit – die meisten Profis kalkuliert nahe am Wasser gebaut. Das verschafft Glaubwürdigkeit. Ein paar Tränen, dazu ein gehauchtes «Sorry», und ein ramponierter Ruf ist repariert. Mit einer Ausnahme: In der Politik ist weiterhin die Unverletzlichkeit der Harnisch zum Erfolg.

Der Horror in Gaza, die Tragödie in Crans-Montana. Wer hat eine weinende Ministerin, einen Regierungschef in Tränen gesehen? Lediglich Emmanuel Macron zeigte an einer Trauerfeier in Martigny sein menschliches Gesicht und zwinkerte sich eine Träne weg. Die Übrigen, die Miene versteinert, gestatteten sich keinerlei Ausdruck.

KEYPIX - Italy's President Sergio Mattarella and France's President Emmanuel Macron attend a national mourning ceremony for the victims of the deadly fire at "Le Constellation" bar ...
Emmanuel Macron bei der Trauerfeier für die Opfer von Crans-Montana.Bild: keystone

Dabei ist es eine Paradoxie. Wir erwarten von Politikern Authentizität, doch wir verachten, wenn er sie zum Ausdruck bringt und weint. Halten wir es tatsächlich nicht aus, daran erinnert zu werden, dass auch an der Spitze nur Menschen stehen? Die Einsicht wäre so schlecht nicht. Sie führte dazu, dass wir nicht nach oben delegierten, sondern uns den Tritt in den Hintern selbst verabreichten. (aargauerzeitung.ch)

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