Was wir von Odis Tränen lernen können
Marco Odermatt kann alles, auch im richtigen Moment weinen. Nach seiner Kitzbühel-Niederlage bekannte er am Samstag dem ORF: «Ich weine einmal im Jahr, dann werde ich von Emotionen übermannt. Das war heute der Fall.»
Tatsache, und was für ein Timing. Just nach dem Abfahrtrennen begann Odermatts Jahrestag der Emotionen, er wurde übermannt. Wer «übermannt» wird, muss sich im Sinne des Worts der Attacke vieler Mannen beugen. Super-Odi wurde zwar lediglich von einem Einzigen übermannt, Giovanni Franzoni. Doch das hat augenscheinlich gereicht: Auf dem Siegerpodest bloss die Nummer zwei, wischte sich der Sieggewohnte Tränen aus dem Gesicht.
Roger Federer, die menschliche Fontäne
Riesig sympathisch sei das, finden viele. Denn der Ehrgeizige, der Kontrollierte, der planvoll Trainierte, hat nicht nur im passenden Augenblick den Menschen in sich gezeigt. Kaum einen Tag später bedauerte er seine Tränen öffentlich und kommentierte:
Allen ist klar: Dieser Odi hat nicht nur seinen Körper im Griff, sondern auch sein Herz.
Bei Superstar Roger Federer war man sich nicht so sicher, ob man für seine Emotionalität klatschen sollte. Bisweilen glich er einer menschlichen Fontäne. Da heulte er und dort heulte er. 2003 in Wimbledon, 2009 am Australien Open-Final, beim Abschiedsspiel am Laver Cup. Ob er nun siegte oder verlor, die wiederholte Übermannung durch ihn selbst irritierte.
Absolut zweifelhaft schliesslich war sein Tränenmeer anlässlich eines Konzertes des Tenors Andrea Bocelli im Zürcher Hallenstadion 2023. Der Sportler hörte auf der Bühne der Arie «Nessun dorma» zu, verlor die Fassung und schien aus seinem Anzug zu fliessen. Doch über Musikgeschmack lässt sich bekanntlich streiten.
Kalkuliertes Weinen hat Konjunktur
Geweint wird heute inflationär, denn Tränen lügen nicht, sagt man. Vor allem die Männerträne hat an Akzeptanz gewonnen. Neu ist das nicht, das gab es schon alles, in der Vergangenheit waren weinende Männer durchaus erlaubt. Doch sie hörten damit auf, als es aus der Mode kam: Männer sollten sich an der Bar besser einen Whiskey bestellen, statt laut zu schniefen. Das war Frauenarbeit.
Heute haben – zumindest in der Medienöffentlichkeit – die meisten Profis kalkuliert nahe am Wasser gebaut. Das verschafft Glaubwürdigkeit. Ein paar Tränen, dazu ein gehauchtes «Sorry», und ein ramponierter Ruf ist repariert. Mit einer Ausnahme: In der Politik ist weiterhin die Unverletzlichkeit der Harnisch zum Erfolg.
Der Horror in Gaza, die Tragödie in Crans-Montana. Wer hat eine weinende Ministerin, einen Regierungschef in Tränen gesehen? Lediglich Emmanuel Macron zeigte an einer Trauerfeier in Martigny sein menschliches Gesicht und zwinkerte sich eine Träne weg. Die Übrigen, die Miene versteinert, gestatteten sich keinerlei Ausdruck.
Dabei ist es eine Paradoxie. Wir erwarten von Politikern Authentizität, doch wir verachten, wenn er sie zum Ausdruck bringt und weint. Halten wir es tatsächlich nicht aus, daran erinnert zu werden, dass auch an der Spitze nur Menschen stehen? Die Einsicht wäre so schlecht nicht. Sie führte dazu, dass wir nicht nach oben delegierten, sondern uns den Tritt in den Hintern selbst verabreichten. (aargauerzeitung.ch)
