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Wieso sich die Menschen im Norden Syriens von der Welt verlassen fühlen

Bild: AP

Zwei Monate nach dem Einmarsch der Türken ist der Alltag für die Menschen in Nordsyrien so gefährlich wie nie zuvor. Eine Reportage.

Cedric Rehman, Qamishli / ch media



In der Hölle müsse es einen besonderen Platz geben für die Christen aus Europa, sagt Fadi Sabri Habsoori. Der syrische Christ sitzt im Alsalam-Spital in der nordsyrischen Stadt Qamishli am Krankenbett seiner Frau Juliette.

Die Retter zogen sie nach einem türkischen Luftangriff aus den Trümmern ihres Hauses. Ihre Wirbelsäule war gebrochen, ihre Beine wird sie nie wieder bewegen können. Die 32-Jährige starrt ins Leere und stöhnt. Die Klinik muss sparsam mit Schmerzmittel umgehen. Denn wer weiss, was in den kommenden Wochen noch auf Nordsyrien zukommt.

Fireman sprays water after a car bomb blast in the city of Qamishli, northern Syria, Monday, Nov. 11, 2019. Three car bombs went off Monday in then city killing several and wounding tens of people. (AP Photo/Baderkhan Ahmad)

Ein Haus im Qamishli brennt nach einem türkischen Angriff. Bild: AP

Fadi Sabri Habsoori selbst hält sich eine vernähte Wunde am Bauch. Er schaut zur Seite, als ein Reporter aus Europa den Raum betritt. Mit Ausländern aus dem Westen spreche er nicht, sagt er. Die christlichen Länder im Westen trügen schliesslich die Schuld daran, dass Christen wie er in Syrien nun in der Falle sässen.

«Ich will fliehen. Aber wie soll ich in meinem Zustand meine Frau tragen?»

Fadi fürchtet sich vor dem Krieg, vor den umherziehenden Rebellen. Die Kämpfe zwischen den Kriegsparteien dauern auch zwei Monate nach dem Einmarsch der Türken in Nordsyrien noch immer an. Für ihn seien das alles Dschihadisten, sagt Habsoori. Jeder im Westen wisse doch, was deren Herrschaft für Christen bedeute. Der 38-Jährige wäre mit seiner Frau und seinen Kindern längst in die benachbarte Autonome Kurdenregion im Nordirak geflohen. «Aber wie soll ich in meinem Zustand meine Frau tragen?»

Local forces secure the area after a car bomb blast in the city of Qamishli, northern Syria, Monday, Nov. 11, 2019. Three car bombs went off Monday in then city killing several and wounding tens of people. (AP Photo/Baderkhan Ahmad)

Prekäre Zustände nach einer Bombenexplosion in Qamishli. Bild: AP

Die Dinge sind kompliziert in der Hauptstadt des Gebietes, das die Kurden Rojava nennen. Die Truppen des syrischen Machthabers Assad zogen sich nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 aus dem Nordosten des Landes zurück. Kurdische Milizen übernahmen die Kontrolle im Nordosten des Landes und errichteten eine de facto autonome Region. Später kämpften sie gemeinsam mit den USA gegen den «Islamischen Staat», bis Donald Trump seine Truppen abzog und die Türken brutal gegen die zurückgebliebenen kurdischen Kampfverbände vorgingen.

Kinder hüpfen rund um den Bombenkrater

Die syrische Regierung behielt während der ganzen Zeit die Kontrolle über Teile der Stadt Qamishli. Doch für die Menschen vor Ort sorgen, das kann sie nicht. Schmerz- und Narkosemittel, Antibiotika, Blutkonserven: Alles, was Ärzte benötigen, um Schwerverletzte zu retten, geht langsam aus. Die Kliniken sind voll mit verletzten Soldaten. Den Zivilisten bleiben nur die wenigen privaten Kliniken wie das Alsalam-Krankenhaus, wo sie kostenlos behandelt werden.

Ein Teufelskreis: Ohne Einnahmen fehlt das Geld, um die dringend benötigten Medikamente zu beschaffen. «Wenn der Krieg weitergeht, sind wir erledigt», sagt Ablisam al Mohamed, Direktorin der Alsalam-Klinik.

Einige Strassen vom Alsalam-Krankenhaus entfernt, erinnert sich Edris Sheik Musa an die Stille nach dem ersten Luftangriff auf Qamishli. Ein Mörsergeschoss schlug vor seinem Haus ein.

Der Angriff schuf die erste Märtyrerin dieses Krieges, das Mädchen Sara. Die Nachbarskinder spielten auf der Strasse, während ihre Eltern hektisch Kleidung und Papiere für die Flucht zusammenpackten. «Sie sahen den Angriff nicht kommen», erzählt Musa.

Der Mörser zerfetzte den Sohn der Nachbarn. Seine Schwester Sara lag schwer verletzt in ihrem Blut. Jetzt hüpfen Musas eigene Kinder um den mit Regenwasser gefüllten Krater, den der Mörser in den Asphalt gerissen hatte.

Musa steht daneben und sagt, auch er habe alles zurechtgelegt für die Flucht. Er traue dem Abkommen zwischen der Türkei und Russland nicht, das den Krieg beenden sollte. Es sieht vor, das sich die Kurdenmiliz aus einem 120 Kilometer langen und 30 Kilometer breiten Streifen von der türkischen Grenze zurückzieht und russisch-türkischen Patrouillen Platz macht. Der Rückzug ist mittlerweile beendet.

Doch rund um die Stadt Tell Tamer westlich von Qamishli wird weiter gekämpft. Die Kurdenmiliz hindert die Menschen an der Flucht. Leere Ortschaften sind leichter vom Gegner einzunehmen.

Musa sitzt wie alle anderen hier in der Falle. Der einzige Weg aus Rojava heraus sind teure Schmuggler. Doch Musas Budget für die Flucht wird von Tag zu Tag kleiner. «Schon allein für Brot zahlen wir inzwischen das Doppelte», sagt er.

epa07953364 Russian military police forces patrol an area at Qamishli, northern Syria, 26 October 2019 (issued on 27 October 2019).  Media reports state Russian military police began patrols on part of the Syrian borders with Turkey as part of an accord with Turkey over control of northeastern Syria.  EPA/AHMED MARDNLI

Russische Soldaten in Qamishli. Bild: EPA

Schuld ist Sultan Saladin

Qamishli erinnerte in den vergangenen Jahren an das Berlin von 1945. Die Stadt war in Sektoren aufgeteilt, die von der Kurdenmiliz oder der syrischen Armee kontrolliert worden sind.

Doch nach dem Beginn der türkischen Militäroperation und der von Trump und Putin vermittelten Waffenruhe wirkt die Stadt heute wie das Berlin auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs. Zuerst tauchten die Russen in der Stadt auf.

Vor einigen Wochen kamen plötzlich auch die amerikanischen Truppen wieder zurück. Ihre Flagge versteckten sie. Sie wollen sie wohl nicht mehr zum Ziel von faulen Tomaten machen. Mit ebensolchen wurden sie verabschiedet, als sie nach Trumps Telefonat mit Erdogan vor einigen Wochen Hals über Kopf die Stadt verlassen hatten.

«Und die Russen werden uns genauso fallen lassen wie die USA, wenn die Türken ihnen etwas bieten.»

An einem Tisch in einer Shishastube sinniert eine Gruppe Männer über die ausweglose Situation. Statt Ersparnisse zu horten wie andere in Qamishli, verqualmen sie ihr Geld lieber hier. Die Zukunft Rojavas sehen sie ohnehin in Rauch aufgehen. Keiner glaubt, dass das syrische Regime weniger anstrebe als die völlige Kontrolle über Rojava. «Und die Russen werden uns genauso fallen lassen wie die USA, wenn die Türken ihnen etwas bieten», meint Bashar.

Sein Freund, der Jeside Shirko Esa, gibt aber nicht den Russen oder den Amerikanern die Schuld am Schicksal Rojavas. Schuld sei die Geschichte. Esa ist überzeugt, dass der Westen den Kurden die Eroberung Jerusalems durch den kurdischstämmigen Sultan Saladin 1187 nicht verzeihen kann. Deshalb bestrafe er sie nun durch Verrat, meint Esa. Und dann zitiert er einen in diesen Tagen von vielen in Rojava geäusserten Satz: Die Kurden hätten auf der Welt nur einen verlässlichen Verbündeten, die Berge. (mim/aargauerzeitung.ch)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Perpetual 12.12.2019 16:15
    Highlight Highlight Wurde hier eigentlich schon über die neulich geleakten Mails von OPCW durch Wikileaks berichtet, indem der akkurat aufbereiteter Schlussbericht zum Giftgasangriff in Douma deutlich in Frage gestellt wird? Ist mir schon klar, dass es nicht ganz ins westliche Mainstream Narrativ passt. Jedoch könnte man bei den zahlreichen Berichten über Assanges Gesundheitszustand oder die Einzelschicksale der syrischen Bürger auch mal selbstkritisch die westliche Berichterstattung ins Visier nehmen. Besonders weil diesen "Angriffen" eine grosse Bedeutung im Syrien Konflikt nachzuweisen ist.
  • Knäckebrot 12.12.2019 13:44
    Highlight Highlight Fragte mal einen, warum sie z.B. die Schiiten hassen. "wir hassen sie nicht, USA und Israel hetzt uns auf".
    "gabs aber bei der Fitna noch nicht, oder?"
    "Ja, aber jetzt ist es so."
    "Das sagen mir alle. Wenn ihrs alle durchschaut, warum lasst ihr euch denn aufhetzen?"
    "wir nicht, wir lieben einander, unsere Führer lassen sich aufhetzen und bestechen".
    Themenwechsel.
    Nach 20 min beginnt er über die Schiiten her zu ziehen, wie schlimm sie seien.

    Auch wenn der Westen viel Schuld daran hat. Es gibt auch im mittleren Osten keinen Weg ausser eigenen Anteil zu sehen, versöhnen, vergeben...
  • Oigen 12.12.2019 10:27
    Highlight Highlight "Wieso sich die Menschen im Norden Syriens von der Welt verlassen fühlen"

    ..."Weil die Welt sie verlassen (aufgegeben, verlassen, weggeschmisse,. im stich gelassen, sucht euch einen ausdruck aus) hat?"
    • rodolofo 12.12.2019 13:06
      Highlight Highlight "DIE Welt" kann doch nicht ständig bei den syrischen Kurden zu Gast sein!
      Oder wollen die tatsächlich vom Massentourismus platt gewalzt werden, wie schon unzählige "Paradiese" vor ihnen?
      Nicht die Welt hat sie also verlassen, sondern eine Militärmacht, die ihre Feuerkraft nicht für Demokratie und Menschenrechte einsetzen will und (DAS erstaunt mich wirklich!) auch von den vorhandenen Ölquellen nichts wissen will...
  • borael 12.12.2019 09:46
    Highlight Highlight Was interessieren uns die Probleme von Syrien, Afghanistan, Libanon, Irak, Iran, Afrika oder Südamerika... wir sind doch alle im Weihnachtsstress und müssen schauen, dass die Geschenke rechtzeitig unter dem Baum liegen.
  • Lienat 12.12.2019 09:46
    Highlight Highlight "Wieso sich die Menschen im Norden Syriens von der Welt verlassen fühlen"

    Weil die Welt den Norden Syriens verlassen hat?
  • Liselote Meier 12.12.2019 09:29
    Highlight Highlight Nuja das mit Saladin ist Quatsch. Erstens wissen wohl die wenigsten, dass er von einem kurdischen Stamm abstammt und zweitens wird er in der "Westlichen-Literatur" schon ab dem Mittelalter ziemlich Positiv dargestellt.

    Auch heute noch in Filmen wie z.B. Königreich der Himmel.
    • Knäckebrot 12.12.2019 13:35
      Highlight Highlight Ja, aber hey, ich habe im mittleren Osten gelebt und auch hier mit Leuten dieses Hintergrundes zu tun.

      Das ist tatsächlich eine etablierte Meinung, dass die Kreuzzüge bis zu den Aktivitäten heute ein grosses Ganzes bildet und dies eine tiefe Wunde des Westens wäre. Die meinen teils wirklich, dass wir a) stolz auf die Kreuzzüge seien und b) eine riesen Schmach, dass es nach 200J aus war. Dabei sind diese negativ belegt bei uns.

      Umgekehrt trauern sie - wie sie selber sagen - immer noch Andalusien nach und es sollte ihnen gehören...
  • Bitsundbites 12.12.2019 08:35
    Highlight Highlight Die Menschen in Nordsyrien sind der Spielball der Politik. Was ist aus all den Forderungen der EU geworden als die Türkei in Nordsyrien einmarschiert ist. ? Nichts als warme Luft. Ich verstehen das sich die Leute verlassen und vor allem alleine gelassen fühlen. Aber für was gibt es den noch die UN United Nations. ? Viele Worthülsen und Verurteilungen an den Rednerpulten die den Leuten in Nordsyrien kaum helfen.
  • Nelson Muntz 12.12.2019 07:56
    Highlight Highlight Hauptsache man kann weiterhin billigen All Inclusive Urlaub in der Türkei machen und sich mit gefälschten Luxusgütern eindecken....
  • rodolofo 12.12.2019 07:22
    Highlight Highlight Die Wut auf "den Westen" ist verständlich und hilft, das eigene, zutiefst verletzte und enttäuschte (Kurden-)Ego zu stabilisieren.
    Aber sie nützt nichts, weil sie sich wieder nur in den Archaischen Beschränkungen von Stammesverhalten und Nationalismus bewegt und sich in einer endlosen Gewaltspirale von Blutrache und "Ehrenmorden" dreht.
    "DEN Westen" gibt es genauso wenig, wie "DAS Russland", "DIE USA", oder "DIE Türkei".
    Alle diese Bezeichnungen stehen für UNTERSCHIEDLICHSTE Menschen!
    Solange "DER Krieger" das nicht kapiert, wird er im Krieg sehr schlecht überleben, bis er krepiert...
    Leider.
    • Super8 12.12.2019 12:20
      Highlight Highlight Gut in Worte gefasst.
      Er behauptet auch, dass die christlichen Länder im Westen Schuld an seiner Situation sind. Ich habe leider den Überblick verloren und kann nicht beurteilen, ob das stimmt. Meint er ev. die wortreiche Unterstützung der europäischen Länder am Anfang der Revolution gegen Assad und dem anschliessenden Nichtstun derselben Länder, als diese von Assad niedergemetzelt wurden? Falls ja, kann ich ihn verstehen. Wer hätte denn denken können, dass die EU wie immer nur heisse Luft rauslässt ohne anschliessende Taten.
  • fools garden 12.12.2019 07:19
    Highlight Highlight Wo's nichts zu Holen gibt, gibts auch nichts zu Helfen.
    Bittere Realität.
    • Cirrum 12.12.2019 08:26
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