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Studie warnt: Fische weltweit deutlich bedrohter als bisher angenommen

epa11118233 A Fishermsn collects his catch from his net at Dojran Lake in Dojran, Republic of North Macedonia, 01 February 2024. About 20 years ago, Dojran Lake was on the brink of an ecological disas ...
Laut einer australischen Studie sind Fischbestände deutlich bedrohter als bisher angenommen.Bild: keystone

Studie warnt: Fischereimodelle überschätzen Bestandsgrössen dramatisch

23.08.2024, 07:3723.08.2024, 07:37

Viele Fischbestände weltweit sind durch Überfischung bedroht oder bereits zusammengebrochen. Das liegt einer Studie zufolge nicht nur daran, dass wissenschaftlich errechnete Höchstfangmengen nicht eingehalten wurden.

Vielmehr seien bereits diese Empfehlungen zu hoch angesetzt, berichten Forschende im Fachmagazin «Science». Die Grösse von Beständen und die Dynamik ihrer Erholung seien bisher viel zu optimistisch eingeschätzt worden.

Fischerei-Modelle liefern die Basis zur Regulierung der globalen und regionalen Fischerei und gelten als ein wichtiges Werkzeug gegen Überfischung. Als Hauptursache dieser Überfischung galt bislang, dass die Fischereipolitik Fangmengen höher festlegte, als auf Basis der Modelle empfohlen wurde.

Deutliche Überschätzungen

Ein Team um Graham Edgar von der University of Tasmania (Australien) untersuchte nun Daten von 230 Fischgründen weltweit und glich die Werte mit denen aus Modellen ab. Demnach wurde bei den Empfehlungen vielfach deutlich überschätzt, wie viele Fische einer Art es noch gibt und wie schnell sich ein Bestand erholen kann. Besonders bei bereits überfischten Populationen sei die Abweichung der genutzten Modelle gravierend.

Aber auch als erholt eingestufte Bestände schrumpften der Analyse zufolge in Wirklichkeit oft weiter. «Das führte dazu, dass Fangmengen nicht ausreichend reduziert wurden, obwohl es dringend notwendig gewesen wäre», erklärte Rainer Froese vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, Mitautor eines Kommentars zu der im Fachblatt «Science» veröffentlichten Studie.

Das Problem betreffe keineswegs nur die Vergangenheit. «Die bekannten Überschätzungen der Bestandsgrössen aus den letzten Jahren werden auch jetzt nicht zur Korrektur der aktuellen Bestandsgrössen herangezogen», so Froese.

Überfischt statt nachhaltig befischt

Der Studie zufolge sind fast ein Drittel jener Bestände, die von der Welternährungsorganisation (FAO) als «maximal nachhaltig befischt» eingestuft werden, in Wirklichkeit überfischt. Als nachhaltig gilt Fischerei, wenn nicht mehr Fisch entnommen wird als nachwächst.

Zudem seien weitaus mehr Bestände als angenommen schon zusammengebrochen, heisst es weiter: 85 Prozent mehr Populationen als bisher geschätzt, seien kollabiert, also auf unter 10 Prozent ihres historischen Maximums geschrumpft.

Froese und sein Mitautor Daniel Pauly von der University of British Columbia (Kanada) erläutern in ihrem Kommentar, dass die Modelle teils mehr als 40 Parameter verwenden. Dazu zählen demnach Merkmale zur Lebensweise der Art, Fangdetails und der jeweils nötige Fischereiaufwand. Diese Vielzahl von Variablen mache die Abschätzungen unnötig komplex, so Froese und Pauly. Zudem griffen Modellierer bei einigen Parametern auf kaum belastbare Werte zurück.

Hochkomplexe Modelle

«Warum die zum Teil sehr unwahrscheinlichen Vorhersagen der offiziellen Modelle akzeptiert wurden und werden, ist die grosse Frage», so Froese. Die Fischereiwissenschaft habe die Politik jahrelang falsch beraten und trage damit einen Teil der Verantwortung für die überfischten und zusammengebrochenen Bestände, auch in Europa.

«Überfischung ist besonders im Mittelmeer, in Westafrika und in Südasien ein Problem», erläuterte Boris Worm von der Dalhousie University (Kanada), der nicht an der Studie beteiligt war. Weltweit seien viele küstennahe Fischereien schon lange zusammengebrochen und würden gar nicht mehr erfasst. Die aktuelle Studie sei eine Warnung, «dass etliche Bestände, die noch als gut bewirtschaftet gelten – zum Beispiel auch in Europa – in Wirklichkeit schlechter dastehen könnten als gedacht».

Ostsee-Beispiel: der Dorsch

Das Phänomen sei zum Beispiel für den Dorsch der westlichen Ostsee gezeigt, erklärte Christian Möllmann von der Universität Hamburg. «Die oft zu positive Schätzung der Biomasse hat meiner Einschätzung nach auch zur Überfischung des Bestandes beigetragen.»

Eine Überarbeitung der Bewertungsverfahren sei nötig – hin zu einfacheren, realistischeren Modellen, lautet die Schlussfolgerung von Froese und Pauly. Zudem solle stärker das Vorsorgeprinzip gelten – bei Unsicherheiten sollten eher konservative Schätzungen verwendet werden.

Ein Dorsch zappelt im Netz der Drillinge Peter, Gustav und Fritz Lender aus Niendorf/Ostholstein bei ihrer Fischerei am fruehen Donnerstagmorgen, 6. April 2000, auf der Ostsee in Hoehe von Sierksdorf. ...
Ein Dorsch in einem Fischernetz in der Ostsee.Bild: AP

Möllmann wiederum sieht die Güte der Modelle nicht als entscheidend an. «Wichtiger ist meiner Einschätzung nach der Wille der Fischereiindustrie, nicht jeden Fisch aus dem Meer zu ziehen.» Der Wille und das Einsehen, umsichtig und zurückhaltend zu fischen, sei oft nicht erkennbar.

Das sei deutlich an der Ostsee zu sehen, wo alle einst wichtigen Dorsch- und Heringsbestände trotz jahrelanger Warnung von Wissenschaftlern und Umweltschutzverbänden so überfischt wurden, dass eine Erholung weitgehend unsicher oder sogar unwahrscheinlich sei. (sda/dpa)

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