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Monkey Haters – die Jagd nach den Affenquälern

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bild: youtube/watson

Monkey Haters – die Jagd nach den Affenquälern

21.06.2023, 19:5822.06.2023, 13:51
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Auf welcher Plattform findet man einfach Videos, in denen Äfflein gequält werden? YouTube, Facebook oder Telegram? Die Antwort ist einfach: überall. Dahinter steckt ein internationales Netzwerk aus Sadisten und Tierhasserinnen: die Monkey Haters.

Das musste Lucy Kapetanich auf die harte Tour lernen. Kapetanich, ehemalige Tänzerin und Erotikmodel, schaute sich nach der Arbeit gerne zur Entspannung Tiervideos an – mitunter auch von herzigen Affenbabys. Durch den YouTube-Algorithmus wurde sie aber plötzlich in die Welt der gefolterten Affen und Tierquäler geworfen. Die BBC hat über ihre Geschichte umfangreich berichtet.

Triggerwarnung
In diesem Text kommen explizite Beschreibungen von Gewalt an Tieren vor, was unter Umständen verstörend und traumatisierend wirken kann. Wenn du sensibel auf solche Inhalte reagierst, solltest du hier nicht weiterlesen.

Bäder, Kleidchen und Windeln

Die ersten Videos, die der damals 55-Jährigen auf YouTube angezeigt werden, sind im Vergleich zu späteren Videos noch harmlos. Affen, die in Babykleider gekleidet sind. Affen, die mit vielleicht etwas zu viel Härte gebadet und geschrubbt werden. Süsse Baby-Äffchen, die Windeln tragen, die vielleicht etwas zu eng sind. Die Mutter der (fast ausschliesslich) Javaneraffen ist dabei nie zu sehen.

Dieses Video ist zum Zeitpunkt des Erstellens dieses Artikels drei Stunden alt.
Dieses Video ist zum Zeitpunkt des Erstellens dieses Artikels drei Stunden alt.bild: youtube

Das Verstörende an diesen Filmchen ist nicht einmal unbedingt der Inhalt, sondern die schiere Masse davon. Unzählige «Cute baby monkey xy»-Videos finden sich auf der Plattform. Und sie werden gut geklickt: Viele davon erreichen um die 10'000 Views. Durch Werbeeinnahmen verdienen die Erstellerinnen (in den Videos sind fast ausschliesslich Frauenstimmen zu hören) an einem Video somit gut 200 US-Dollar – das Monatsgehalt in Indonesien, wo diese meist herkommen, liegt bei rund 800 USD.

Es dauert nicht lange, bis der Algorithmus Kapetanich härtere Videos zeigt. Ein Äffchen wird geschlagen. Einem anderen wird scheinbar grundlos Wasser ins Gesicht gespritzt. Für die Amerikanerin ist das klar Tiermissbrauch, was gegen die YouTube-Richtlinien verstossen würde. Sie meldet die Videos, doch ändern tut sich nichts.

«Du musst diese dreckige Ratte besser kontrollieren. Sie darf sich nicht an dir festkrallen. Wenn nötig, brich ihr die Hand.» Solche Kommentare finden sich immer noch auf YouTube.
«Du musst diese dreckige Ratte besser kontrollieren. Sie darf sich nicht an dir festkrallen. Wenn nötig, brich ihr die Hand.» Solche Kommentare finden sich immer noch auf YouTube.bild: youtube

Schon bald sieht sie das erste Foltervideo auf YouTube und ist entsetzt. Sie erstellt einen eigenen Kanal, Mad Monkey Mayhem, auf dem sie auf das Thema aufmerksam machen will. Mit mässigem Erfolg.

Telegram-Abgründe

Kapetanich tut sich mit dem YouTuber Yardfish, Dave Gooptar, zusammen, um hinter das System der Affenquälerei zu blicken. Gooptar veröffentlichte bereits vor fast zwei Jahren YouTube-Videos über seine Recherchen zum Affenfolterring in Indosien. Kapetanich und Yardfish fällt auf, dass unter den YouTube-Videos häufig angedeutet wird, dass man auf der Messaging-Plattform Telegram härtere, schlimmere Szenen finden kann.

Tatsächlich erhält Kapetanich im Januar 2022 eine E-Mail von jemandem, der in der Monkey-Hater-Szene auf Telegram aktiv ist. Der Mann mit dem Pseudonym Torture King lädt sie auf einen der grössten MH-Kanäle ein: Ape Cage. Er will jedoch nicht, dass andere von seinem Hobby erfahren:

«Ich bin 48, verheiratet mit meinem Schulschatz, habe eine 19-jährige Tochter, eine Katze, und mein Schäferhund ist leider letzes Jahr an Krebs gestorben.»

Ein ganz normaler Mensch, scheinbar. Torture King heisst mit richtigem Namen Mike McCartney und wohnt in Virginia, USA. Zu Hause hat er Flaggen mit Nazisymbolen aufgehängt. Wegen seiner Heroinsucht, die Jahre zurückliegt, fehlen im sämtliche Zähne. Fast zwei Jahrzehnte lang war er Teil einer der grössten Motorrad-Gangs im Land und verbrachte Zeit im Gefängnis.

Mike McCarney in seiner Garage.
Mike McCarney in seiner Garage.bild: bbc

Was bringt so jemanden dazu, aktives Mitglied in der MH-Community zu sein? Es war ein YouTube-Video, auf dem die Besitzerin dem Äfflein die Flasche immer wieder hinhielt und dann wegzog. «Ich musste schon ein bisschen schmunzeln.»

Auch er wurde bald einmal auf Telegram eingeladen. Er sei dort aber nicht nur aus Spass, sondern auch aus finanziellen Gründen geblieben: Er lud Videos von YouTube herunter (damals nahm es YouTube noch nicht so genau mit ihren Richtlinien und liess Tierquäler-Inhalte häufiger zu) und verkaufte sie dann in der Chatgruppe.

«Es ist, als würde man Geld mit Drogen verdienen. Einfach nicht mit dreckigen Händen, aber mit blutigen.»

Blutig ist die passende Beschreibung. Wie blutig, erfährt Kapetanich als sie dem Ape-Cage-Kanal beitritt. Eines der Videos, welches am meisten angeschaut wird, heisst «Monkey in a blender» – also Affe im Mixer. Es bedarf hier keiner weiteren Ausführung.

Von Kunden und VO

In Auftrag gegeben hat das Video die Nutzerin Sadistic. Bei ihr handelt es sich um eine damals 46-jährige Grossmutter aus Alabama. Sie lebt in einem Wohnwagen, heisst mit bürgerlichem Namen Stacey Storey und arbeitet an einer Tankstelle als Verkäuferin. Doch woher hat sie das Video?

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bild: bbc

Wie bei allen Produktionen dieser grausigen Sorten steht hinter der Kamera jemand, der die Äffchen beschafft, foltert und im Extremfall (welcher nicht selten vorkommt) tötet. Das ist der sogenannte VO, kurz für Video Operator. Im Gegensatz zu den YouTube-Creators sind es hier fast ausschliesslich Männer, die sich der Brutalität widmen.

Ein Video von einem solchen VO kostet 200 USD. Gutes Geld dafür, dass man nichts weiter tun muss, als einen Baby-Javaneraffen fünf Minuten lang zu malträtieren und letztendlich umzubringen. Das Schwierige für die Kunden ist, jemanden zu finden, der dafür skrupellos genug ist. Sadistics Suche nach einem solchen VO war erfolgreich: der Ursprung des Mixer-Videos – und Hunderter nicht minder schlimmer.

Dieser VO ist jedoch unvorsichtig. Bei genauer Sichtung seiner Filme entdecken Kapetanich und Gooptar immer wieder Hinweise auf den Standort und die Identität des Mannes. Zuletzt entdecken sie im Hintergrund ein Töffli, inklusive Nummernschild.

Die beiden informieren die BBC, die sie schon seit einiger Zeit bei ihrer Jagd nach den Tierquälern begleitet, diese informiert eine indonesische Tierschutzorganisation und diese wiederum kontaktiert die lokale Polizei. Der besagte Mann ist den Behörden bereits bekannt: Er soll geschützte Tierarten verkauft haben.

Dieser Mann steckt Affen in Mixer.
Dieser Mann steckt Affen in Mixer.bild: bbc

In der Nacht schlägt die Polizei auf der Insel Java zu: Der Mann namens Asep Yadi Nurul Hikmah wird auf einem Markt gestellt und verhaftet. Er hat einen Karton mit Baby-Affen dabei. Bei der Durchsuchung seines Hauses finden die Behörden den Mixer sowie einen roten Bohrer, mit dem in anderen Videos schlimme Dinge angestellt wurden.

Hikmah ist allerdings nur einer von vielen VOs – wenn auch vielleicht der brutalste.

Ähnlich Pädophilenring

Nachdem Kapetanichs Tipp zu einer erfolgreichen Festnahme geführt hat, wird sie vom FBI kontaktiert. Sie übergibt der Behörde alle Informationen, die sie bis dahin gesammelt hat. Diese landen schlussendlich auf dem Tisch von Special Agent Paul Wolpert.

Er wird zuerst nicht ganz schlüssig: Warum soll er, der sich sonst Kindesmissbrauch-Gangs annimmt, jetzt mit einem Netz von Tierquälern auseinandersetzen? Doch je tiefer er sich einliest, desto mehr fallen ihm die Parallelen auf:

«Es ist wie bei einer Ermittlung zu Kindesmissbrauch. Die Gruppen, die Geheimhaltung, die Art, wie Neuzugänge überprüft werden – genau dasselbe.»

Im Gegensatz zu Kinderpornografie ist der Besitz von Tierquälerei-Videos nicht unbedingt illegal in den USA. Für die Verbreitung kann man jedoch bis zu sieben Jahre ins Gefängnis wandern. Also beginnt Wolpert mit der Spurensuche.

Schwer hat er es allerdings nicht – Nutzerin Sadistic hat die Zahlungen für die Videos über Cash App (dem amerikanischen Pendant zu Twint) getätigt. Dort ist sie mit ihrem echten Namen eingetragen. Auch die anderen Mitglieder von Ape Cage sind unverhältnismässig sorglos.

Wenn es gerade nicht um Affen, oder Tree Rats, wie man sie in der MH-Community nennt, geht, sprechen sie offen über ihre Leben, ihre Kinder, ihre Jobs. Torture King, der durch seinen Handel und seine Aktivität Respekt in der Gruppe geniesst, warf einst in die Runde, man solle sich gegenseitig grösstes Vertrauen schenken und zu diesem Zweck echte Bilder von sich und den eigenen Namen in den Chat schicken. Und die Leute taten es.

«Absolut idiotisch», meint Wolpert. Der Torture King gibt bei der Befragung durch das FBI an, er hätte diese Informationen verlangt, um mehr über die Identität MH-Mitglieder zu erfahren. Zu welchem Zweck er dies genau tat, ist nicht klar. Er behauptet zwar, er hätte die Gruppe «von innen zerstören» wollen, doch Betraute mit dem Fall bezweifeln dies. Ihm drohen nun bis zu sieben Jahre Gefängnis.

Empörte Monkey Haters

Nach Erscheinen des BBC-Berichts am Montag (und der dazugehörigen über 50 Minuten langen Dokumentation) äusserten sich auch die Monkey Haters in ihren Telegram-Kanälen dazu. Ihre Kritik spricht für sich:

«Menschen wie die verstehen MH nicht. Die denken, es sei eine Art kranker, psychotischer Fetisch, aber tatsächlich mögen wir es nur zum Spass. Es ist, als ob man eine Show mit Popcorn schauen würde, lol.»
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bild: telegram

Ein anderer Nutzer stört sich daran, dass die Reportage die falschen Äffchen gewählt habe – man hätte doch lieber seinen Liebling, Gollum, nehmen sollen, der sei viel krasser gefoltert worden. Nutzer Maccy Macaque hingegen sieht das Problem nicht beim ausgewählten Tier, sondern bei den Menschen:

«Die haben also einer Crack-Nutte und einem Sessel-Psychologen eine Plattform gegeben, wo sie ihre Geschichte, wie sie angeblich eine Untergrundorganisation ausgehoben haben, präsentieren konnten. Und sie machen auch noch den Link zu diesem Pädo-Scheiss. Und dann kommt noch der Junkie-Biker, der sich für etwas Besseres hält.

Was für eine langweilige Scheisse.»

Telegram weigert sich, selber gegen solche Gruppen vorzugehen. Man verpflichte sich der Netzanonymität und den grundlegenden Menschenrechten wie der freien Meinungsäusserung. Daher sei es nicht möglich, proaktiv Chatkanäle zu moderieren.

Ape Cage gibt es mittlerweile nicht mehr. Dafür tauchen kontinuierlich neue solcher Gruppen auf; verschwinden aber auch wieder. Ein Wechselspiel, das sich wohl immer weiter so fortsetzen wird.

Und auf YouTube? Gefoltert wird nicht mehr, aber die «Cute baby monkey xy»-Videos sind immer noch da. Und die Kommentare dazu haben sich auch nicht verändert:

Missbrauch?? Weil er diese kleine Scheissratte wäscht?? Ich hätte sie in einen Topf kochenden Wassers geworfen.
Missbrauch?? Weil er diese kleine Scheissratte wäscht?? Ich hätte sie in einen Topf kochenden Wassers geworfen.bild: youtube
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57 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Project47North
21.06.2023 22:42registriert August 2022
Nun habe ich drei Versuche gestartet um einen Kommentar zu schreiben.
Ich musste feststellen, dass ich keine (legalen) Worte finden konnte, die mein Empfinden über diese entartete Perversion des Untermenschentums zum Ausdruck bringen könnten.
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SRI2
21.06.2023 23:39registriert Februar 2020
Man kann nur hoffen, dass Karma solchen niederen Kreaturen (damit meine ich 'Menschen') nicht gut gesonnen ist. Die Justiz schafft es ja maximmal bis zur Spitze des Eisbergs. Ich bin immer wieder angewiedert in welch pervertierten Gesellschaft wir leben, aber damit haben wir den Abgrund durchbrochen.
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Pega
21.06.2023 23:43registriert Oktober 2021
Manchmal, aber nur manchmal, bin ich doch froh um den sehr langen Arm der amerikanischen Strafverfolger.
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