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Viktor Medwedtschuk darf nicht auf Hilfe von Putin hoffen

Viktor Medwedtschuk darf nicht auf Hilfe von Putin hoffen

Viktor Medwedtschuk galt als Putins wichtigster Mann in der Ukraine, wurde sogar als Chef einer Marionettenregierung gehandelt. Doch jetzt lehnt der Kreml einen Gefangenenaustausch für den Geschäftsmann ab.
15.04.2022, 22:52
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Ein Artikel von
t-online

Es ist bezeichnend, dass Viktor Medwedtschuk nach Ausbruch des Krieges nicht nach Russland geflüchtet ist. Kreml -Chef Wladimir Putin hätte seinen wichtigsten Mann in der Ukraine wohl kaum mit offenen Armen empfangen, obwohl die beiden sogar familiär eng verbunden sind.

So ist Putin Patenonkel von Medwedtschuks Tochter Daria, die beiden haben auch regelmässig zusammen Urlaub gemacht, mal in Putins Anwesen in Sotschi, mal bei Medwedtschuk auf der Krim. Doch nach der Festnahme des 67-Jährigen durch den ukrainischen Geheimdienst in der Nacht zu Mittwoch lehnt der Kreml einen Gefangenenaustausch für Medwedtschuk ab. Ist der gelernte Anwalt in Ungnade gefallen, weil er es nicht geschafft hat, die Ukraine als Vasallenstaat an Russland zu binden?

In this image provided by the Ukrainian Presidential Press Office, oligarch Viktor Medvedchuk, who is both the former leader of a pro-Russian opposition party and a close associate of Russian leader V ...
Viktor Medwedtschuk nachdem er am 12. April in der Ukraine gefangen genommen wurde. Bild: keystone

Medwedtschuk soll für den KGB gearbeitet haben

Daran hat Medwedtschuk immerhin seit fast zwei Jahrzehnten gearbeitet. Als Stabschef des damaligen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch wurde Medwedtschuk schon 2004 beschuldigt, massiven Wahlbetrug zugunsten seines pro-russischen Chefs organisiert zu haben. Die Vorwürfe führten schliesslich zur sogenannten Orangenen Revolution, in der sich die Befürworter einer Annäherung der Ukraine an den Westen vorerst durchsetzen.

Medwedtschuk, der zu Sowjetzeiten inoffizieller Mitarbeiter des KGB gewesen sein soll, zog sich anschliessend aus der ersten Reihe der Politik zurück. Als einer der reichsten Männer des Landes blieb er jedoch einflussreich. Das «Forbes»-Magazin stufte den Millionär im Februar 2021 als zwölftreichsten Mann der Ukraine ein und schätzte sein Vermögen auf 620 Millionen US-Dollar. Als der kremltreue Viktor Janukowitsch 2010 erneut an die Macht kam, erschien auch Medwedtschuk bald wieder auf der Bildfläche.

Medwedtschuk forderte Amnestie für prorussische Kämpfer

2012 gründete er die Partei «Ukrainische Wahl», die sich für eine Annäherung des Landes an Russland einsetzt. Ende 2013 entbrannten in Kiew dann erneut pro-westliche Massenproteste, die 2014 im «Euromaidan» und dem  Sturz von Janukowitsch gipfelten. Kurz darauf annektierte Russland die Krim und es folgte der bis heute andauernde Krieg gegen die pro-russischen Separatisten im Donbass.

Medwedtschuk nutzte damals seine engen Kontakte nach Moskau, um sich als Vermittler anzubieten, spielte dabei aus ukrainischer Sicht aber eine unrühmliche Rolle: Medwedtschuk setzte sich für einen Autonomiestatus der Regionen Luhansk und Donezk und für eine Amnestie für pro-russische Kämpfer ein. Nach der Machtübernahme Wolodymyr Selenskyjs 2019 beendete Medwedtschuk seine Vermittlerrolle. Er befinde sich in Opposition zu Selenskyj und sehe keinen Sinn mehr darin, so seine Begründung. 

2021 verbot Selenskyj Medwedtschuks TV-Sender 

Stattdessen konzentrierte sich Medwedtschuk darauf, seine kremlfreundlichen Positionen im Parlament und im Fernsehen zu verbreiten. 2019 zog seine inzwischen umbenannte Partei «Oppositionsplattform – Für das Leben» als zweitstärkste Kraft hinter Selenskyjs Regierungspartei in die Werchowna Rada ein. Mit zunehmenden Spannungen zwischen Kiew und Moskau wurde die Luft für Medwedtschuk allerdings dünner.

Im Frühjahr 2021 verbot die Regierung Selenskyj per Dekret drei russische Fernsehsender, die mutmasslich von Medwedtschuk kontrolliert wurden. Die Behörden beschlagnahmen ausserdem Eigentum der Familie des Millionärs, darunter eine Pipeline, die russisches Öl nach Europa bringt. Im Mai folgte dann eine Anklage wegen Hochverrats: Kiew wirft Medwedtschuk illegale Immobiliengeschäfte auf der Krim sowie Investitionen zugunsten der pro-russischen Separatisten im Donbass vor. Auch soll er Militärgeheimnisse an Moskau weitergegeben haben.

Sollte Medwedtschuk eine Marionettenregierung führen?  

Der Kreml nahm Kiew das Vorgehen gegen Medwedtschuk offenbar übel, Putin persönlich sprach von einer «politischen Säuberungsaktion». «Der Kreml betrachtete Medwedtschuk als seinen wichtigsten Mann in der Ukraine», zitiert der «Guardian» einen damaligen russischen Beamten, der Medwedtschuk persönlich kennt. «Medwedtschuk war die Garantie für den russischen Einfluss in der Ukraine, mit seiner ,Verfolgung' hat alles begonnen.» 

Nach Angaben von US-Geheimdiensten war Medwedtschuk sogar schon gesetzt als Chef einer von Moskau eingesetzten Marionettenregierung, wäre der Krieg nach Plan gelaufen. Nun wird er sich wohl einem Prozess wegen Hochverrats stellen.

((t-online,mk ))

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33 Kommentare
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Hans Jürg
15.04.2022 23:21registriert Januar 2015
Niemand kann auf die Hilfe von Putin hoffen. Denn ihm ist es sch...egal, was mit seinen Leuten passiert. Sein einziges Ziel ist es, an der Macht zu bleiben. Und wenn es sein muss, wird er auch noch sein eigenes Volk dafür opfern. Je früher dass die Russen endlich merken und ihn liquidieren, desto besser für sie und den Rest der Welt.
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mMn
15.04.2022 23:35registriert September 2020
Es ist einfach unglaublich, dass die Partei dieser Marionette zweitgrösste Kraft war. Was sind das für Leute, die so etwas Staatsfeindliches wählen? Evtl. Die gleiche Sorte wie jene, die bei uns die SVP wählen?
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