Zum vierten Jahrestag: Selenskyj zeigt seinen Kriegsbunker – das fällt auf
Es ist eine bemerkenswerte Führung, auf die uns der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mitnimmt. Man sieht lange Gänge im Halbdunkel, die jetzt verlassen wirken, in denen sich aber am 24. Februar 2022 «Hunderte von Menschen» drängten, um Schutz vor den russischen Bomben zu suchen.
Man sieht auch das kleine Untergrund-Büro, von wo aus Selenskyj mit US-Präsident Joe Biden telefonierte und in der Stunde grösster Not den legendären Satz sagte: «Ich brauche Munition, kein Taxi.» Auf dem Schreibtisch steht ein kleines Modell der zu Kriegsbeginn zerstörten Antonow, des damals grössten Flugzeugs der Welt. An der weissen Betonwand hängt über dem ukrainischen Wappen eine kleine Ikone.
Zum vierten Jahrestag des russischen Überfalls hat der ukrainische Präsident ein 19-minütiges Video veröffentlicht, in dem er neben einer emotionalen Ansprache erstmals den unterirdischen Bunkerkomplex an der Bankova-Strasse in Kiew zeigt. Hier verbrachte Selenskyj laut eigener Angabe die meiste Zeit unmittelbar nach dem russischen Überfall. Nach oben ging er nur, «um zum ukrainischen Volk zu sprechen».
Augentropfen und Trinkwasserflaschen
Zweifellos wurde vor der Veröffentlichung der Aufnahme am Dienstagmorgen sehr genau überprüft, welche Details bei dieser Premiere gezeigt werden und welche nicht. Man erkennt auf Selenskyj Schreibtisch Fläschchen mit Augentropfen und Trinkwasserflaschen. Die ganze Anlage ist in Sektoren unterteilt, die durch endlos wirkende, gelb-weiss gestrichene Gänge miteinander verbunden sind.
Zweifellos erstreckt sich die Anlage im Untergrund des Kiewer Präsidenten-Sitzes über viele Hundert Meter. In den Büros und Sitzungszimmern bilden die ukrainischen Fahnen oft die einzigen Farbtupfer. Auffällig sind die Leuchtreklameboxen, welche die Betongänge mit patriotischen Sprüchen und Bildern verzieren. Vor der Treppe, die ins Erdgeschoss führt, ist eine solche Leuchtreklame mit dem Bild eines Sonnenblumenfelds abgestellt.
Today marks exactly four years since Putin started his three-day push to take Kyiv. And that says a great deal about our resistance, about how Ukraine has fought all this time. Behind those words stand millions of our people, immense courage, incredibly hard work, endurance, and… pic.twitter.com/9qiqACurhx
— Volodymyr Zelenskyy / Володимир Зеленський (@ZelenskyyUa) February 24, 2026
Inwiefern und wann der Bunkerkomplex aktuell noch im Gebrauch ist, lässt Selenskyj auf seiner Videotour offen. Dieser dient ihm aber als effektvoller Hintergrund für seinen Rückblick auf die Anfangstage des Krieges, als niemand der Ukraine eine erfolgreiche Abwehrschlacht zutraute. Selenskyj zitiert hierzu den damals in Kiew oft gehörten Satz: «Du denkst, ich bin auf die Knie gefallen? Nein, ich schnüre nur meine Kampfstiefel.»
Seine Huldigung an den ukrainischen Widerstandswillen, der trotz der langen Liste russischer Kriegsverbrechen ungebrochen sei, fasst er mit dem Satz zusammen: «Man kann uns in Schutzräume treiben, aber niemals auf ewig in den Untergrund zwingen.» Unvermeidlich tauche das ukrainische Volk aus den Bunkern wieder auf und kämpfe weiter um seine Freiheit und Zukunft.
Rosen aus der U-Bahnstation
Effektvoll inszeniert sind auch die Bilder, in denen Selenskyj weiter zum Blumenladen in der U-Bahnstation weiterläuft und dort einen Strauss roter Rosen kauft, um sie am Gedenkplatz für die gefallenen Soldaten niederzulegen.
Die Botschaft der Unbesiegtheit der eigenen Bevölkerung verbindet er mit dem Verweis auf Rückeroberungen (Cherson, Charkiw-Region) und Luftangriffe auf russische Ziele der Erdölindustrie. Die Botschaft: Die Ukraine hält nicht nur stand, sie schlägt zurück – und Putin könne den Krieg militärisch nicht gewinnen.
Schliesslich unterstreicht Selenskyj die Bedeutung internationaler Unterstützung und dankt westlichen Partnern, die er vor einem Nachlassen der Bemühungen und Normalisierungsbestrebungen warnt. Zugleich wünscht er sich demonstrativ einen Besuch des US-Präsidenten in Kiew. Nur hier vor Ort, ist sich Selenskyj sicher, könne Donald Trump die wahre Bedeutung des ukrainischen Verteidigungskriegs erfassen.
Deshalb dürften auch Friedensverhandlungen nicht den bisherigen Kampf «entwerten»; es brauche echte Sicherheitsgarantien. Insbesondere müsse ein Abkommen von der ukrainischen Bevölkerung akzeptiert werden.
Damit signalisiert der ukrainische Präsident am vierten Jahrestag des russischen Überfalls: Frieden ja – aber nicht um den Preis von Souveränität und Würde. Und das alles vor dem Hintergrund einer ebenso bildstarken wie raffinierten Inszenierung.
(aargauerzeitung.ch)
