Im Zweifel für Putin: Trumps dubiose Rolle im Ukraine-Krieg
Er werde den Ukraine-Krieg nach seinem Amtsantritt innerhalb von 24 Stunden beenden, hatte Donald Trump im US-Wahlkampf 2024 vollmundig versprochen. Es war eine seiner Übertreibungen, doch die Ankündigung verfolgt ihn hartnäckig. Denn der Krieg geht inzwischen in sein fünftes Jahr, ohne dass der US-Präsident konkret etwas bewirken konnte.
Die Ukrainer sind trotz Müdigkeit und Russlands «Kälteterror» gegen die Zivilbevölkerung keineswegs besiegt. Dabei haben sie es mit einem weiteren «Gegner» zu tun: Donald Trump. Seine Vorstellung eines «Friedens» deckt sich weitgehend mit jener von Wladimir Putin. Auf Truth Social fordert Trump einzig die Ukrainer zu Zugeständnissen auf.
4 Jahre Ukraine-Krieg in 52 Bildern
In seiner simplen Logik müssen sie Territorien an Russland abtreten, dann ist der Krieg vorbei. Die Frustration in der Ukraine und bei Präsident Wolodymyr Selenskyj ist entsprechend gross. Gleichzeitig wissen sie, dass sie Trump nicht verärgern dürfen. Er solle «an unserer Seite bleiben», forderte Selenskyj in einem Interview mit CNN eindringlich.
Hilfe komplett eingestellt
Zuvor hatte der Ukrainer sichtlich um eine Antwort gerungen. Er weiss, dass die Realität anders aussieht. Die USA haben 2025 ihre militärische, finanzielle und humanitäre Hilfe gemäss dem Ukraine Support Tracker des Kiel Instituts praktisch komplett eingestellt. In die Bresche gesprungen sind die Europäer, auch mit dem Kauf von US‑Kriegsmaterial.
Einzig der Austausch von Geheimdienstinformationen funktioniert weiterhin, weil die Amerikaner selbst davon profitieren. Sie erhalten wertvolle Informationen über die russische Kriegsführung, vor allem mit Drohnen. Am Gesamtbild ändert dies wenig: Donald Trumps Rolle im Ukraine-Krieg ist dubios, meistens aber bevorzugt er den Angreifer.
Zweifelhaftes «Gipfeltreffen»
«Die Russen erhalten Dinge von den Amerikanern, die sie sich in den wildesten Träumen nicht vorstellen konnten», sagte der britische Analyst Keir Giles im letzten Herbst im Interview mit watson. Liegt das an Trumps irritierender Schwäche für den «starken Mann» Wladimir Putin? Über die möglichen Hintergründe wird seit langer Zeit spekuliert.
Fest steht, dass sich Trump am Telefon vom russischen Machthaber regelmässig um den Finger wickeln lässt. So stimmte er dem zweifelhaften «Gipfeltreffen» mit Putin in Alaska zu. Ein weiteres Treffen in Budapest kam nicht zustande, während er Wolodymyr Selenskyj mehrfach begegnete, unter anderem am Rand der Trauerfeier für Papst Franziskus.
Lukrative Deals
Putin aber hat vor allem ein Lockmittel. Er stellt Trump und den USA bei einem Kriegsende lukrative Deals in Aussicht – und auf diesem Ohr hört der US-Präsident besonders gut. Schon in den 1980er-Jahren träumte er von einem Trump Tower in Moskau. Unter diesem Aspekt muss man auch die Friedensbemühungen der Trump-Regierung einordnen.
Statt erfahrener Diplomaten setzt der Präsident auf seinen Freund Steve Witkoff. Er spricht kein Russisch und kennt die Region kaum. Als US-Sondergesandter war er «sechsmal in Russland, aber noch nie in der Ukraine», schreibt die Russland-Expertin Angela Stent vom American Enterprise Institute im Magazin «Foreign Policy».
Russischer Diktatfrieden
Der ehemalige KGB-Offizier Putin verstehe es, seine Ansprechpartner zu umschmeicheln und zu manipulieren, meint Stent weiter. Er scheine Witkoff von seiner eigenen und sehr speziellen Sicht auf die Geschichte der Ukraine überzeugt zu haben. Zumindest ist unverkennbar, dass der US-Gesandte der russischen Sichtweise zuneigt.
Witkoff kommt wie Trump aus der Immobilienbranche. Er scheint zu glauben, dass die Ukraine nur einen Teil der Donbass-Region abtreten müsse. Mit dem russischen Unterhändler Kirill Dmitrijew – er war Investmentbanker an der Wall Street und spricht perfekt Englisch – entwarf er im letzten November einen 28-Punkte-Plan, der auf einen russischen Diktatfrieden hinausgelaufen wäre.
Massnahmen gegen Ölexporte
Unter europäischem Druck wurde der Plan «entschärft» und auf 20 Punkte reduziert. Dennoch sind bei den Friedensgesprächen etwa letzte Woche in Genf keine Fortschritte erkennbar. Für Angela Stent handelt es sich um «Scheinverhandlungen», mit denen Putin Trump bei Laune halten und von einem härteren Vorgehen gegen Russland abhalten wolle.
Das gelingt nicht immer, denn Trump ist durchaus bereit, Massnahmen gegen die Russen zu ergreifen, vor allem gegen ihre Ölexporte. Im November verhängte er Sanktionen gegen die Ölkonzerne Lukoil und Rosneft. Er liess Schiffe der russischen «Schattenflotte» entern und drängte Indien mit einem Deal dazu, kein Öl aus Russland mehr zu importieren.
Kein Druck auf Putin
Der Verlust des zweitgrössten Abnehmers nach China wäre ein schwerer Schlag für Putins Kriegswirtschaft. Analysten bezweifeln, dass die Inder zu einem vollständigen Verzicht auf russisches Öl bereit sind, doch die Importe sollen rückläufig sein. Im Januar habe Indien 1,2 Millionen Fass pro Tag eingeführt, gegenüber 2 Millionen im letzten Jahr.
Auch in diesem Fall scheinen geschäftliche Interessen das wichtigste Motiv für Trump zu sein. Indien soll demnach Öl aus den USA sowie aus Venezuela beziehen. Und ein Paket mit scharfen Sanktionen gegen Russland, das von einer breiten Allianz aus beiden Parteien unterstützt wird, steckt im US-Senat fest, weil Trump bislang keine Abstimmung zulässt.
Es gebe «wenige Anzeichen, dass die Trump-Regierung gewillt ist, Putin unter Druck zu setzen», schreibt Angela Stent in «Foreign Policy». Der Präsident spielt in dem Konflikt, den er rasch beenden wollte, eine zweifelhafte Rolle. Weshalb Stent ernüchtert feststellt: «Solange sich in Washington nichts ändert, dürfte der Krieg auf absehbare Zeit weitergehen.»
