Wladimir Klitschkos eindringliche Warnung an Europa: «Das Böse kommt»
Donald Trumps Rede an die Nation und der vierte Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine bildeten den doppelten Themenschwerpunkt der «Maischberger»-Talkshow am Mittwochabend. Besonders über den Gesundheitszustand der amerikanischen Demokratie wurde dabei lebhaft gestritten.
Gäste
- Wladimir Klitschko, ukrainische Box-Legende
- Iris Berben, Schauspielerin
- Sandra Navidi, «ntv»-Finanzexpertin
- Theo Koll, «Phoenix»-Moderator
- Anna Lehmann, «taz»-Journalistin
- Marc Felix Serrao, «Welt»-Journalist
Trumps Rede, die nicht nur die USA spaltet
Während der ehemalige Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios, Theo Koll, die längste Ansprache ans eigene Land, die je von einem amtierenden US-Präsidenten gehalten wurde, als erwartbare «Show eines Narzissten» interpretierte, beurteilte die deutsche Journalistin Anna Lehmann den Auftritt als «bizarr».
Trump habe sich bei der Veranstaltung mit «Claqueuren», also bestellten Beifallspendern, umgeben und seinen Plan vorangetrieben, die USA hin zu einer Autokratie umzubauen, so die Leiterin des Parlamentsbüros der Tageszeitung «taz».
«Welt»-Journalist lehnt sich aus dem Fenster
Als klare Anzeichen dafür, dass dieser Prozess in vollem Gange sei, nannte Lehmann Trumps Regieren per Dekret, die Kriminalisierung von Kritikern und die unverhohlene Einflussnahme auf die eigentlich unabhängige Justiz.
Dem «Welt»-Journalisten Marc Felix Serrao ging diese Einschätzung deutlich zu weit. Er diagnostizierte Trump zwar «einen Zug ins Autoritäre», die Gewaltenteilung in den USA sei aber weiterhin intakt, wie das Urteil des Supreme Courts zu Trumps Zollpolitik zeige, sagte der Politikexperte des Axel Springer Verlags.
Zudem könne Trump nach seinem durchwachsenen ersten Amtsjahr ungeachtet seiner niedrigen Umfragewerte auch Erfolge vorweisen. «Es waren noch nie so viele Amerikaner in Arbeit wie jetzt», betonte Serrao und erwähnte daneben eine historisch niedrige Mordrate sowie Höchststände an den Börsen. Dass ein US-Präsident die obersten Richter des Landes ausdrücklich kritisiere, sei überdies keine Neuheit. Auch Barack Obama habe das in der Vergangenheit getan.
Das wollte die «ntv»-Finanzexpertin Sandra Navidi so nicht stehen lassen. Die Arbeitsmarktzahlen seien tatsächlich schlecht. Den Vergleich zwischen Obamas ihrer Ansicht nach begründeten Kritik und Trumps persönlicher Beleidigung der Richter bezeichnete Navidi darüber hinaus als «gefährliche Relativierung».
Finanzexpertin vermutet Kalkül hinter Trump-Chaos
«Ihm geht es um ein unbegrenztes Ausleben seiner Macht», lautete das klare Urteil der in New York lebenden Juristin. Hinter der Erschütterung der Rechtssicherheit und jeglicher Berechenbarkeit, unter anderem für Investoren, vermutete Navidi ein klares Kalkül. «Ihm ist es dienlich, Chaos zu schaffen», sagte sie über Trump. Er habe, beispielsweise durch die Zollpolitik, eine Situation geschaffen, in der alle zu ihm kommen und ihn um Ausnahmegenehmigungen bitten müssten.
Für Millionenbeträge könnten Reiche, die Trumps Wohlwollen suchten, Einzeldinner oder Gruppendinner auf dessen Anwesen Mar-a-Lago buchen. «Die Politik wird sozusagen verkauft. Wer im innersten Machtzirkel ist, der profitiert, und alle anderen fallen hinten runter», resümierte Navidi.
Nur am Rande wurde in Trumps Rede die Ukraine erwähnt. Das Not leidende Land hat nach vier Jahren Krieg nicht nur mit einem unerbittlichen Gegner im Kreml und einem besonders harten Winter, sondern auch mit einer schwindenden Aufmerksamkeit für den Konflikt bei seinen westlichen Partnern zu kämpfen.
Box-Champion wirbt für weitere Ukraine-Unterstützung
Auch in der eigenen Bevölkerung sei Erschöpfung zu verspüren und es gebe unterschiedliche Auffassungen darüber, wie es weitergehen soll, berichtete die ukrainische Box-Legende Wladimir Klitschko. «Manche wollen nur den Frieden um jeden Preis, die anderen wollen auf keinen Fall», so der Bruder des Kiewer Bürgermeisters Vitali Klitschko. Trotz einer gewissen Spaltung, die daraus resultiere, sei der Wille der Bevölkerung im Kern aber ungebrochen, zeigte sich der ehemalige Box-Champion überzeugt.
Wie schwer es sein muss, angesichts der langen Leidenszeit die Zuversicht zu bewahren, liess sich an Klitschkos eigenen Worten und Reaktionen ablesen. Auf die Frage der Moderatorin, was ihm derzeit Hoffnung mache, fand der ehemalige Schwergewichts-Weltmeister keine unmittelbare Antwort, obwohl er bereits zu einer angesetzt hatte.
Was nach einer auffällig langen Pause folgte, glich mehr einer Mahnung als einem Grund für Optimismus. «Wir sind in Berlin, diese Stadt kennt das sowjetische Imperium», erinnerte Klitschko die Moderatorin und das Publikum an die Erfahrungen der einst geteilten Metropole mit russischer Herrschaft.
Klitschkos Warnung an Europa
«Wir Europäer sollten einfach stärker sein. Und die Hoffnung bei uns in der Ukraine ist, dass nach vier Jahren hoffentlich Europa – und die sogenannte freie Welt, inklusive der Vereinigten Staaten – aufwacht, weil das Böse kommt», forderte Klitschko.
Um die europäischen Werte weiterhin verteidigen und den russischen Imperialismus stoppen zu können, sei man auf Unterstützung angewiesen. «Wir brauchen nicht europäische oder NATO-Soldaten auf unserem Boden, den Job erledigen wir selbst, aber wir brauchen Werkzeug, um uns zu schützen, ob das Geld oder die Waffen sind», setzte der Ex-Boxer seinen Appell fort.
Trumps Ansatz, den Krieg mit einem konstruktiven Deal beenden zu wollen, beurteilte der Ukrainer als nicht zielführend. Das Russland von Wladimir Putin sei destruktiv und nur mit Stärke zu stoppen. Alles andere – etwa Verhandlungen – werde als Schwäche empfunden.
Enttäuschung wegen ausbleibender Taurus-Lieferung
Seine Enttäuschung darüber, dass es unter Bundeskanzler Friedrich Merz, anders als in dessen Wahlkampf angekündigt, nicht zu einer Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern Deutschlands an die Ukraine gekommen ist, versuchte Klitschko erst gar nicht zu verbergen. «Das Versprechen hat stattgefunden», sagte der Ukrainer, «es kam leider nichts.»
Auch zu seiner persönlichen Zukunft nahm Klitschko Stellung. Ein von ihm geteiltes privates Boxvideo hatte jüngst Gerüchte über eine mögliche Rückkehr in den Ring ausgelöst. «Ich habe nur ein Comeback in meinem Kopf, genauso wie jeder Ukrainer und Europäer: Das 'Comeback' von russischen Truppen zurück nach Russland. Es gibt kein anderes Comeback in meinem emotionalen Zustand», kommentierte der 49-Jährige die Spekulationen.

