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So sind die Frauen der Ukraine vom Krieg bedroht

Sexuelle Gewalt und immer mehr Fehlgeburten – wie Frauen im Krieg bedroht sind

Kriege machen Frauen zu einer besonders vulnerablen Gruppe. Sie sind häufiger betroffen von Menschenhandel, Missbrauch sowie sexueller Gewalt. Das ist auch in der Ukraine nicht anders.
30.03.2023, 20:0431.03.2023, 14:22
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Der Missbrauch von Frauen in der Ukraine nehme stetig zu, warnte das International Rescue Committee kürzlich. Denn Millionen von Frauen sind nach wie vor auf der Flucht, was besonders ihre reproduktive Gesundheit gefährde und sie extrem anfällig für Menschenhandel sowie geschlechtsspezifische und sexuelle Gewalt mache.

Der Nachrichtensender Al-Jazeera interviewte deshalb den ukrainischen Vertreter des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA), Jaime Nadal, um mit ihm über die Situation der Frauen in der Ukraine zu sprechen. Das sind die wichtigsten Erkenntnisse:

Geburten und Wochenbett unter widrigsten Umständen

Im Jahr 2022 hätten fast 180'000 Frauen in der Ukraine entbunden, so Nadal. Viele von ihnen unter Lebensgefahr, weil sie keinen Zugang zu einer angemessenen medizinischen Versorgung hatten. Der Hauptgrund dafür sei, dass Krankenhäuser und zivile Infrastrukturen von der russischen Armee immer wieder unter Beschuss genommen werden. «Das ist eine Menschenrechtsverletzung und sollte niemals geschehen.»

Gebärende im Fokus der Berichterstattung:

FILE - Marianna Vishegirskaya stands outside a maternity hospital that was damaged by shelling in Mariupol, Ukraine, March 9, 2022. Vishegirskaya survived the shelling and later gave birth to a girl i ...
Marianna Vishegirskaya war in einer Geburtsklinik in Mariupol, während die russische Armee die zivile Infrastruktur bombardierte. Sie und ihr Kind haben überlebt. Bild: keystone
Ukrainian emergency personnel and police officers evacuate injured pregnant woman Iryna Kalinina, 32, from a maternity hospital that was damaged by a Russian airstrike in Mariupol, Ukraine, March 9, 2 ...
Iryna Kalinina wurde während der Bombardierung der Geburtsklinik in Mariupol lebensbedrohlich verletzt. Auch eine Notoperation in einem anderen Spital konnte weder ihr Leben noch das Leben ihres Ungeborenen retten.Bild: keystone

Nadal führt aus, dass die Entbindung und die folgenden Tage im Wochenbett zu den gefährlichsten Momenten einer Schwangerschaft gehören – sowohl für die Frau als auch für das Neugeborene. «Jede Frau, die in dieser Zeit nicht in der Lage ist, einen Arzt aufzusuchen, kann lebensbedrohliche Komplikationen erleiden.»

«Wir beobachten eine steigende Zahl von Frühgeburten und Fehlgeburten sowie Erkrankungen wie Eklampsie und Bluthochdruck.»
Jaime Nadal

Und auch wenn sie es in ein Spital schaffe, die Versorgungskette für Artikel, die für Kaiserschnitte und die Behandlung von Geburts- und Schwangerschaftskomplikationen benötigt werden, sei stark beeinträchtigt.

Sexuelle Gewalt – auch als Wegzoll auf der Flucht

Durch die Invasion wurden Millionen von Menschen vertrieben – viele von ihnen sind Frauen und Kinder. Das Risiko von geschlechtsspezifischer und sexueller Gewalt, Menschenhandel und Ausbeutung steige dadurch extrem, so Nadal.

Die ersten Fälle von brutalster sexueller Gewalt seien nach der Befreiung von Butscha und Irpin bekannt geworden. Bemerkenswert sei dabei gewesen, dass niemand der Überlebenden die teilweise extremen Fälle von sexuellem Missbrauch den Strafverfolgungsbehörden gemeldet hätten. Hingegen hätten sehr viele Opfer sich auf sexuell übertragbare Infektionen oder eine Schwangerschaft testen lassen.

epa09933540 Women take part in a protest in front of the Consulate of the Russian Federation in Krakow, Poland, 08 May 2022. Women protest against rapes of women and children in Ukraine by Russian sol ...
Frauen demonstrieren gegen sexuelle Gewalt im Krieg vor der russischen Botschaft in Polen.Bild: keystone
epa09874802 Vladyslava Liubarets (C), a Bucha resident, walks with her family past destroyed Russian military machinery, to meet her sister whom she did not see since the beginning of the Russian inva ...
Vladyslava Liubarets und ihre Tochter suchen die Schwester Liubarets' nach der Befreiung von Butscha. Bild: keystone

Dass keine Strafanzeigen eingereicht wurden, erklärt Nadal so: «Das Thema ist sehr stigmatisiert und gleichzeitig traumatisierend. Manchmal geben die Frauen nicht einmal zu, dass sie missbraucht worden sind.»

Doch auch wenn Frauen es schafften, aus besetzten Gebieten zu flüchten, sind sie nicht vor sexueller Gewalt gefeit. Nadal berichtet, wie Frauen zum Beispiel zu sexuellen Handlungen gezwungen würden, um Kontrollpunkte zu passieren.

epa09807501 A Ukrainian mother holds her baby as she passes through the border crossing of Siret, northern Romania, 07 March 2022. Since Russia began its military operation in Ukraine on 24 February,  ...
Eine Mutter trägt ihr Kind über die Grenze nach Rumänien. Was sie auf der Flucht erlebt hat, weiss nur sie.Bild: keystone

Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR) dokumentiert und erfasst Fälle von sexualisierter und sexueller Gewalt in der Ukraine. Doch: «Die Zahl der gemeldeten Fälle ist wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs.»

«Unsere mobilen Teams haben bisher über 17'000 Frauen und unsere Hilfszentren fast 10'000 Frauen unterstützt.»
Jaime Nadal

So wird versucht, zu helfen

Mittlerweile gebe es mehrere von der Regierung betriebene mobile Kliniken, die von der UNO unterstützt würden, so Nadal. So sollen Menschen und insbesondere Frauen erreicht werden, die Mobilitätsprobleme hätten wegen Krankheiten, Alter oder Behinderungen.

Zudem entstünden von verschiedenen Organisationen Hilfsangebote, um Frauen und Senioren medizinisch, psychologisch und anderweitig auf ihrer Flucht oder in ihren Dörfern und Städten zu unterstützen.

«Der Krieg bringt Leiden, Schmerzen, Stress und Angst mit sich. Die Ausweitung dieses Krieges verlängert die Not von Millionen von Frauen.»
Jaime Nadal

(yam)

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Diese Bilder zeigen: Der Krieg verschont die Kinder nicht
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quelle: keystone / emilio morenatti
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73 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Hansi Meier
30.03.2023 21:00registriert April 2014
"Kriege machen Frauen zu einer besonders vulnerablen Gruppe" - als ob irgendeine Gruppe nicht "besonders vulnerabel" wäre im Krieg, die Männer sterben auf den Schlachtfeldern, die Kinder werden entführt und "re-sozialisiert", die Alten können nicht fliehen und sind der Kälte und dem Hunger ausgesetzt und die Frauen werden sexuell ausgebeutet.
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Liebu
30.03.2023 20:56registriert Oktober 2020
Und wie fast immer trifft es die Unschuldigen, die Verletzlichsten und Hilflosesten am schlimmsten.
Einfach nur schrecklich für die Betroffenen.
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Lincoln_Lawyer
31.03.2023 07:41registriert Juni 2019
In einem Krieg gibt es nur besonders vulnerable Gruppe, insbesondere diejenigen Männern, die wegen eines Irren ihr Leben auf dem Schlachtfeld riskieren und viel zu oft verlieren.
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