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Ukraine-Krieg: Die grausamen Bilder aus den zurückeroberten Gebieten

epa10229367 Forensic technicians work at a burial site near the recently recaptured city of Lyman, Donetsk area, Ukraine, 07 October 2022. A burial site with more than 50 graves was found after Ukrain ...
Der Krieg hinterlässt grausame Spuren: Ein Massengrab in der befreiten Ortschaft Lyman.Bild: keystone

Welche grässlichen Spuren der Krieg in den befreiten Gebieten hinterlassen hat

Die ukrainischen Gegenoffensiven gehen weiter. Nicht alle Menschen in den befreiten Gebieten sind allerdings erfreut, wieder unter Kiewer Herrschaft zu leben.
09.10.2022, 21:5210.10.2022, 10:59
Kurt Pelda, Jampil / ch media
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Der Weg in die frisch eroberten Gebiete im Osten der Ukraine führt über eine Pontonbrücke. Den an dieser Stelle etwa 60 Meter breiten Donezk-Fluss haben ukrainische Pioniertruppen mit einem schwimmenden Übergang überbrückt, sodass auch schweres Kriegsgerät ans andere Ufer gebracht werden kann. Nach der Brücke folgen schlammige Strassen, übersät mit Schlaglöchern und Granattrichtern.

In einem Kiefernwald sind ehemalige russische Stellungen sichtbar. Das Gelände könnte vermint sein, darum bleiben wir auf der Strasse und inspizieren dort einen explodierten russischen Kampfpanzer. Die Motorabdeckung wurde durch die Wucht der Detonation weggeschleudert, und auch der tonnenschwere Turm liegt auf dem Kopf vor dem rostenden Wrack.

Hinter dem Wald folgt das Ortsschild von Jampil, ein grosses Dorf, das vor dem Krieg etwa 2000 Einwohner hatte. Jampil ist eine Zwischenstation für die ukrainischen Truppen, die weiter nach Nordosten in Richtung der wichtigen Verbindungsstrasse R66 vorstossen. Auf dem Dorfplatz haben sich Menschentrauben versammelt, direkt vor dem ausgestorbenen Restaurant namens «Bon appétit».

Die Leute, mehrheitlich Rentner und Rentnerinnen, warten auf humanitäre Hilfe, denn ihre Vorräte gehen zur Neige. Sie machen sich auch Sorgen, wie sie im Winter überleben sollen, denn wegen der vielen Raketen- und Granateinschläge sind die meisten Fensterscheiben zerborsten. Zwar scheint gerade die Sonne, und es ist warm, doch wird es in der Nacht schon empfindlich kühl. Wie soll man sich in seinem zerschossenen Haus aufwärmen, wenn der Wind einfach hindurch weht?

Als die Ukrainer Jampil Ende September zurückeroberten, beschossen sie das Dorf mit Artillerie. Die Russen hatten ihre Fahrzeuge und Panzer zum Teil direkt neben den Häusern der Zivilistinnen und Zivilisten geparkt und mit Zweigen getarnt. Nur wenige Schritte vom Dorfplatz entfernt, gleich gegenüber dem sowjetischen Denkmal zu Ehren der im «Grossen Vaterländischen Krieg» Gefallenen, befindet sich ein solches Gefährt: ein gepanzerter Truppentransporter, der gleich neben einer Hauswand abgestellt wurde. Die Russen haben ihn zurückgelassen.

Unsicherheit, ob die Russen nicht doch zurückkehren

Waleri ist 80 Jahre alt und war früher Schuldirektor. Beim ukrainischen Angriff traf eine Rakete den Keller, in dem sich Waleris Frau verbarrikadiert hatte. Der arme Mann erzählt, dass er danach von seiner Ehefrau nicht mehr viel vorgefunden habe. Ihre Arme hätten gefehlt, sein Leben habe jetzt keinen Sinn mehr. Er glaubt, dass die Rakete von der ukrainischen Seite her gekommen sei, aber sicher sein könne man sich da nie.

Neben Waleri steht Olga, 69 Jahre alt, die ehemalige Mathematiklehrerin des Dorfes. Sie zeigt uns einen grossen Keller, in den sich Familien mit ihren Kindern vor dem Beschuss geflüchtet hatten. Ein paar Meter weiter haben Detonationen einen grossen Hochspannungsmast und eine Mobilfunkantenne geknickt. Der Mast liegt nun quer über der Dorfstrasse, wie eine überdimensionierte Strassensperre. Als die ukrainischen Panzer in Jampil eingetroffen seien, hätten die Leute die Soldaten anfänglich für Russen gehalten, erzählt Olga. «Erst als sie die ukrainische Flagge am Gemeindehaus aufhängten, merkten wir, dass die Russen weg sind.» Olga ist allerdings unsicher, ob die Russen nicht doch wieder zurückkehren könnten.

Dritte Offensive vor dem Durchbruch

Der Vorstoss im Osten bedroht nun wichtige Städte, die noch von den Russen kontrolliert werden: Swatowe, Sewerodonezk und Lisitschansk. Zugleich bringt die ukrainische Gegenoffensive im Süden die bei Cherson stationierten russischen Elitetruppen in Bedrängnis. Und gemunkelt wird bereits von einer dritten Offensive, mit der die Ukrainer die Front bei Melitopol im Süden durchbrechen wollen. Sollte das mehr als nur ein Gerücht sein, liefe die russisch kontrollierte Zone im Süden Gefahr, in zwei Teile gespalten zu werden.

Damit wäre die Landbrücke von Russland durch die Südukraine entlang des Asowschen und Schwarzen Meers Vergangenheit. Moskaus Truppen in Cherson und den an die Krim angrenzenden Gebieten könnten dann nur noch über die Brücke von Kertsch via die Halbinsel Krim versorgt werden. Damit wäre das Ende des russischen Expeditionskorps in der Ukraine greifbar. Auch wenn das viele Menschen im Westen nicht glauben wollen, ist es inzwischen eine realistische Möglichkeit: die vollständige Niederlage des demoralisierten russischen Invasionstruppe.

Seit April keine Renten mehr ausbezahlt

Olga, die Mathematiklehrerin, erzählt nun von der Zeit der russischen Besetzung in Jampil, zwischen April und Ende September. Zweimal pro Woche hätten die Russen den Leuten je einen Laib Brot und etwas Essen verteilt. Es habe nicht gereicht. Und seit April, also seit Ankunft der Russen, hätten sie von der Ukraine keine Renten mehr ausbezahlt bekommen. Das scheint im Moment die grösste Sorge der alten Leute auf dem Dorfplatz zu sein. Unter ihnen hat es auch Anhänger Russlands, die kein gutes Haar am ukrainischen Staat lassen.

Die Renten können im Moment nicht überwiesen werden, weil die Post im Dorf nicht funktioniert. Dafür müsste man ins eine gute Autostunde entfernte Bachmut fahren. Doch ein funktionierendes Auto hat hier niemand mehr. Die jüngeren Bewohner fahren gelegentlich mit dem Velo oder kleinen Vespas über die Pontonbrücke, um in einer der weniger kriegsversehrten Ortschaften jenseits des Flusses einzukaufen. Zum Abschied umarmt Olga den Kameramann und bedankt sich überschwänglich für unseren Besuch.

Wir sehen uns die Postfiliale von Bachmut an, eine Stadt, die früher rund 70'000 Einwohner hatte. Wir waren schon im Juli hier, doch inzwischen sind die Russen dank der Hilfe von Söldnern der so genannten Wagner-Gruppe näher an den Stadtrand herangerückt. Es ist praktisch die einzige Front, an der Moskaus Truppen noch Fortschritte erzielen, unter hohen Verlusten allerdings. Die Aussenfenster der Post sind mit Spanplatten gegen Schrapnells und Druckwellen explodierender Geschosse geschützt. In der Schalterhalle holen Pensionäre tatsächlich ihre Rente ab.

Selbst hier ist das Donnern der ukrainischen Artillerie unüberhörbar. Die Kanonen und Mörser sind überall in der Stadt und ausserhalb versteckt. Es sind deutlich mehr Abschüsse als einschlagende Granaten von der russischen Seite. Alles wirkt so, als ob sich das Blatt auch bei den Artillerieduellen gewendet hätte: Im Juli hatten die Russen noch mehr Munition und damit die Oberhand, jetzt scheinen es die Ukrainer zu sein.

Erheblicher Anteil an Russland-Fans unter den Zurückgebliebenen

Eine alte, schwerhörige Frau steht an einem Schalter und erklärt der Postangestellten, dass sie mit ihrer Bankkarte kein Geld mehr an den Bankomaten abheben könne. Alle Automaten in Bachmut hätten den Geist aufgegeben. Nun versucht sie, mit Hilfe der Post an ihr Geld zu kommen. Dass die Filiale trotz des Artilleriebeschusses immer noch funktioniert, ist ein Indiz, dass die Ukraine Bachmut um keinen Preis aufgeben will.

Dabei hat es unter jenen schätzungsweise zehn Prozent der Bewohner, die nicht geflüchtet sind, einen erheblichen Anteil von Russland-Fans. Einer von ihnen ist Sergej, der Wächter auf dem Markt der Stadt. Hier sind mehrere grosse Raketen und Granaten niedergegangen, tiefe Krater zeugen davon. Ausserdem scheinen Streubomben über dem Markt abgeworfen worden zu sein, vermutlich von einer Rakete, die in der Luft explodierte und die Streumunition über eine grössere Fläche verteilte.

Die Marktstände aus Wellblech zeugen davon: viele kleine Explosionen, die Feuer an allen Ecken und Enden des Marktplatzes entfachten. Sergej behauptet, dass ukrainische Panzer den Markt beschossen hätten. Auf die Frage, warum die Ukrainer ihr eigenes Gebiet angreifen sollten, hat er keine Antwort. Er sagt aber, dass er den Angriff mit seinem Mobiltelefon gefilmt habe. Später seien ukrainische Soldaten gekommen und hätten ihn gezwungen, die Videos zu löschen. Sergej scheint immer noch zu hoffen, dass die Russen ihn «befreien» werden. (aargauerzeitung.ch)

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36 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Guerzo
09.10.2022 22:28registriert Februar 2016
Die Russland-Fans können in ihr gelobtes Land reisen und sich dort niederlassen.
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Jonas der doofe
09.10.2022 22:23registriert Juni 2020
Es wäre der Ukraine zu wünschen, wenn sie sich sämtliches Territorium welches die Russen besetzt halten, zurückholen können!!!
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chrimark
09.10.2022 22:59registriert November 2016
Machen wir uns nichts vor, egal wie Kriege zu Ende gehen, es warten grosse Herausforderungen, manchmal grösser als der Krieg selbst.
Die Grösse der Sieger zeigt sich nicht zuletzt im Umgang mit den Verlierern.
Wenns wie gehofft die Ukraine ist, werden die Erwartungen an sie hoch sein. Hoffentlich nicht zu hoch.
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